Präsident der Ukraine besucht Syrien: Königlicher Empfang für Selenskyj in Damaskus
Syriens Präsident rollt für seinen ukrainischen Amtskollegen den roten Teppich aus. Die beiden Staatsführer eint der Kampf gegen Russland und Iran.
Einen königlicheren Empfang, sagen Beobachter, hat Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa noch keinem Staatsgast geboten. Wolodymyr Selenskyj aus der Ukraine besuchte am Sonntag Syrien als erstes europäisches Staatsoberhaupt seit dem Sturz der Assad-Diktatur und als erst das zweite überhaupt nach dem Emir von Katar.
Selenskyjs medienwirksame Landung in einem türkischen Regierungsflugzeug, die langen roten Teppiche, die Ehrengarde, die Flaggen des freien Syrien und der freien Ukraine nebeneinander an den Straßen – all dies war symbolträchtig für das Treffen der beiden Staatsführer, die beide dem russischen Autokraten Wladimir Putin erfolgreich die Stirn geboten haben – Scharaa als Bezwinger des von Russland unterstützten Assad-Regimes in Syrien, Selenskyj als Präsident der nunmehr seit über vier Jahren einem russischen Großangriff widerstehenden Ukraine.
„Wir bauen neue Beziehungen und neue Chancen und erweitern unsere Bemühungen um Sicherheit“, erklärte Selenskyj laut ukrainischen Medien nach dem Treffen. Syriens Präsident erklärte, es gehe um „Erfahrungsaustausch“ und „verstärkte Wirtschaftskooperation“. Syrien wolle seine internationalen Beziehungen diversifizieren.
Laut Selenskyj fanden sowohl bilaterale Gespräche auf Präsidentenebene statt als auch trilaterale auf Außenministerebene unter Einbeziehung der Türkei. Deren Außenminister Hakan Fidan begleitete Selenskyj nach Damaskus, nachdem dieser zuvor Gespräche in Istanbul geführt hatte.
Ukraine bietet militärische Expertise
Zuvor hatte der ukrainische Präsident Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar besucht, die alle militärische Hilfe gegen Iran suchen, das in Vergeltung für die Angriffe der USA und Iran ihre Infrastruktur beschießt und ihre Ölexporte behindert. Die Ukraine sammelt schon seit Jahren Erfahrungen damit, iranische Kampfdrohnen und Raketen abzuwehren, die das Regime in Teheran in großen Mengen an Russland geliefert hat beziehungsweise dort herstellen lässt.
Die dabei gewonnene technologische Expertise interessiert nun auch arabische Staaten. Syrien besitzt keine eigene Luftabwehr, wie seit Scharaas Machtübernahme mehrfach deutlich geworden ist, als Israel ungehindert syrische Militäranlagen bombardieren konnte.
Im Gespräch ist nun, dass die Ukraine und die Türkei die neue syrische Armee ausbilden. Al-Scharaa hatte vergangene Woche in London, wohin er nach seinem Besuch in Berlin gereist war, die Umwandlung zweier ehemaliger russischer Militärbasen in Syrien in syrische „Armeeausbildungseinrichtungen“ angekündigt. Die Golfstaaten, die Scharaa unterstützen, dürften hierfür die Finanzierung leisten.
Historisch war Syrien immer ein enger Verbündeter Moskaus, sowohl zu Sowjetzeiten als auch unter Russlands Präsident Putin, sowie auch Teherans, dessen Revolutionsgarden in Syrien jahrelang eine wichtige Rolle im Kampf des Assad-Regimes gegen die eigene Bevölkerung spielten.
Ohne Russlands Militärintervention in Syrien ab 2015, mit Spezialkräften und massiven Luftangriffen, hätte sich Assad nicht bis 2024 an der Macht halten können, und die russischen Marine- und Luftwaffenbasen an der syrischen Mittelmeerküsten waren ein wichtiger Teil der russischen Militärpräsenz im Ausland.
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