Pittelkow und Riedel „Rechts unten“: Rechte Netzwerke, interne Kämpfe

„Rechts unten“ von Sebastian Pittelkow und Katja Riedel ist eine langjährige Recherche zur AfD. Und ein Blick auf eine sich radikalisierende Partei.

Ein "FCK AFD" Aufkleber liegt auf der Straße

„FCK AFD“ – was sonst? Ein Buch gibt Einblick in die sich radikalisierende AfD Foto: Roland Geisheimer/attenzione

Der Verfassungsschutzchef Thomas Haldenwang hat kürzlich gesagt, dass er kaum noch Widerstände gegen Rechtsextremismus in der AfD sehe. Im Buch „Rechts unten“ der WDR-Investigativjournalistin Katja Riedel und ihres NDR-Kollegen Sebastian Pittelkow erfährt man detailliert, wie es dazu in den fast zehn Jahren seit Parteigründung 2013 kam.

Riedel und Pittelkow haben Hunderte Hintergrundgespräche geführt, Zehntausende Chatnachrichten gelesen, vertrauliche Mails ausgewertet, sind zu Parteitagen gefahren und folgten der Spur des Geldes bis ins Ausland.

Sie redeten mit Rechten, um abzubilden, was hinter den Kulissen der AfD läuft, wie sich die Partei radikalisiert, welche Skandale sich abspielen und wie hart Machtkämpfe geführt werden und wie die AfD darüber hinwegtäuschen will, dass sie eine reine Dagegen-Partei ohne konstruktive Politikansätze ist.

Abgründe der AfD

Sebastian Pittelkow, Katja Riedel: „Rechts unten“. Rowohlt, Hamburg 2022, 352 Seiten, 20 Euro

Das Buch ist eine Zusammenfassung all ihrer Recherchen und der Titel ist Programm: „Rechts unten“ nimmt Le­se­r*in­nen dorthin mit, wo die meisten wohl eigentlich niemals hinwollten – in die Abgründe der sich seit ihrer Gründung stetig radikalisierenden AfD. Man bekommt seltene Einblicke bei anonymisierten Informant*innen, Hintergrundgesprächen und auf Recherchereise quer durch die Republik.

Aufgeschrieben ist das Buch im Stile einer sachlich gehaltenen Reportage aus der Wir-Perspektive. Für teilweise absurde Wendungen und einen Gruselfaktor sorgt allein schon der Berichtsgegenstand: Man wird Zeuge harter Grabenkämpfe, NS-Verherrlichung, antidemokratischer Umsturzfantasien und von offenem Rassismus.

Und so lässt es schaudern, wenn die Au­to­r*in­nen im Original-Wortlaut aus internen Mails oder direkt aus der Chat-Gruppe der ersten AfD-Bundestagsfraktion zitieren – Triggerwarnung Faschismus.

„UNSER Volkskörper“

So heißt es in einer älteren Rundmail des aktuellen Bundesvorstands und Abgeordneten Peter Boehringer: „Die Merkelnutte jedoch lässt jeden rein, sie schafft das. Dumm nur, dass es UNSER Volkskörper ist, der penetriert wird. […] Es ist Genozid, der in weniger als zehn Jahren erfolgreich beendet sein wird, wenn wir die Kriminelle nicht stoppen.“

Vor dem Hintergrund, dass Boehringer sich auch an verschwörungsideologischen Coronaprotesten beteiligte und an eine angebliche „New World Order“ glaubt, scheint es dann auch weniger verwunderlich, dass ihm ein gutes Verhältnis zur kürzlich unter Terrorverdacht inhaftierten Berliner AfD-Richterin Birgit Malsack-Winkemann nachgesagt wird.

Besonders verdienstvoll aber sind die komplexen Recherchen rund um die Spendenskandale der Partei und mögliche Einflussnahmen. Es geht um verdeckte Wahlkampfspenden über einen Tarnverein, illegale Parteispenden und die Rolle von rechten Milliardären wie dem mittlerweile verstorbenen August von Finck und dem Schweizer Henning Conle.

Nicht minder interessant ist auch das Netzwerk um den „Politikberater“ Tom Rohrböck und dessen parteiintern nie aufgeklärte dubiose Einflussnahme, inklusive Einladungen zahlreicher Abgeordneter in Luxushotels – auch der AfD-Chefin Alice Weidel. Mit Blick auf die letzten Monate ist aber auch das Kapitel über Auslandskontakte spannend: Insbesondere natürlich die „Liebesdienste“ für Moskau und Besuche im russischen Einflussgebiet.

Detaillierter Überblick über die AfD

Für diejenigen, die sich ernsthaft und ausführlich mit Details, Hintergründen, Ausrichtung, Personal und Verbindungen innerhalb der rechtsradikalen Partei auseinandersetzen wollen, ist „Rechts unten“ deswegen unbedingt empfehlenswert und hält auch für langjährige Be­ob­ach­te­r*in­nen viel Neues bereit. Wer allerdings nur einen kurzen Überblick zur AfD sucht oder sich ins Thema einlesen will, wird angesichts der Detailfülle eventuell abgeschreckt sein.

Einer unter vielen Befunden ist am Ende, dass die Teilorganisation des offiziell aufgelösten rechtsextremen Flügels von Björn Höcke in der Gesamtpartei nahtlos aufgegangen ist und diese inhaltlich anführt. Ob und dass sich Kräfte in der AfD Höcke noch in den Weg stellen können, scheint den Au­to­r*in­nen der Partei also ebenso fraglich wie dem Geheimdienstchef Halden­wang.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de