Pflegebedürftiger über Corona-Schutz: „Mein Fall kommt nicht vor“

Constantin Grosch gehört wegen einer Muskeldystrophie zur Corona-Risikogruppe. Junge Pflegebedürftige würden beim Schutz vergessen, sagt er.

Constantin Grosch im Rollstuh sitzend vor einem Gebäude

Lebt seit März letzten Jahres in dauerhafter Isolation: Constantin Grosch Foto: Peter Wehowsky

taz: Herr Grosch, warum fühlen Sie sich beim Schutz vor dem Coronavirus vergessen?

Constantin Grosch: Das hat viele Dimensionen. Es geht los beim passiven Schutz, den die Behörden bereitstellen. Denken Sie an die Schutzausrüstung für Pflegepersonal. In Pflegeeinrichtungen wird dieser Schutz bereitgestellt, aber im ambulanten Bereich gibt es diese Ansprüche nicht. Zumindest dann nicht, wenn man sich die Pflege selbst beschafft.

Das heißt, das Sie pflegende Personal hat keine ausreichende Schutz­ausrüstung?

Richtig, ich organisiere mein Pflegepersonal selbst, aber im Unterschied zu Pflegediensten oder Pflegeeinrichtungen gibt es keine Unterstützung der Behörden für die Schutzausrüstung meiner Pfleger:innen. Und das betrifft sehr viele, etwa auch diejenigen, die von Angehörigen gepflegt oder mitbetreut werden. Auch hier gibt es kaum Schutz für deren Pfleger:innen. Ganz besonders problematisch ist, dass es auch keine Antigentests gibt.

Warum ist das so?

Das ist einerseits eine Frage der Finanzierung: Die Krankenkassen zahlen die Antigentests nicht, weil ich nicht von einem ambulanten Pflegedienst gepflegt werde und mein Fall nicht in den Verordnungen vorkommt. Der andere Grund ist, dass dieser Test bislang nur von medizinischem Personal durchgeführt werden darf. Das heißt, ich komme auch nicht an diese Tests, wenn ich nicht nachweisen kann, dass ich medizinisch geschult bin. Und zuletzt liegt es sicherlich auch daran, dass wir derzeit in den öffentlichen Debatten um den Schutz der Pflegebedürftigen vor allem an Ältere in Pflegeheimen denken.

Da fühlen Sie sich ignoriert?

Es ist gewissermaßen verständlich, weil es auch die größere Zahl an Menschen ist. Zugleich ist es problematisch, weil jüngere Pflegebedürftige bei diesen Fragen des Infektionsschutzes herausfallen. Das gilt nun auch für den aktiven Schutz.

28, sitzt wegen einer Muskeldystrophie im Rollstuhl und ist auf eine durchgehende Pflege angewiesen. Er setzt sich, unter anderem bei der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke, für mehr Inklusion ein.

Sie meinen die langsam angelaufenen Impfungen.

Da haben wir exakt dasselbe Problem – bei Pflegebedürftigen wie bei den Pfleger:innen. In den Pflegeeinrichtungen werden die Pflegekräfte prioritär geimpft. Die Pfleger:innen aber, die Menschen zu Hause pflegen, werden nicht prioritär geimpft. Das gilt übrigens auch für die stationäre Behindertenhilfe, in der nun geimpft wird, wohingegen es bei der ambulanten, selbst beschafften Hilfe nicht der Fall ist.

Fällt noch jemand raus?

Aus den ersten beiden Prioritätsgruppen fallen noch diejenigen grundsätzlich heraus, die sich ambulant selbst versorgen, egal wie sehr sie medizinisch zur Risikogruppe zählen. Auch in der dritten Gruppe fehlen viele wichtige Diagnosen. Das ist zwar verständlich, weil es sehr viele Diagnosen gibt, aber das Problem ist: Die Impfverordnung des Bundes sieht keine Öffnung der Liste vor, sodass ich befürchten muss, auch nicht in dieser Gruppe zu landen. Die lokalen Behörden haben keine Möglichkeit, diese Liste zu erweitern.

Heißt das, Sie haben als Pflegebedürftiger noch keine Ahnung, wann Sie mit der Impfung an der Reihe sind?

Wenn ich das wüsste, wäre ich schon viel beruhigter. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es überhaupt in die dritte Impfgruppe schaffe. Dabei kann ich verstehen, dass die Verteilung wegen der geringen Menge an derzeit vorhandenen Impfdosen eine große Herausforderung ist. Mir geht es auch nicht darum zu sagen, dass ich wichtiger als andere bin und früher geimpft werden sollte. Aber ich wäre viel beruhigter, wenn ich mein Pflegepersonal mit Schutzausrüstung ausstatten könnte oder es sich regelmäßig testen lassen könnte.

Wie haben Sie die Entscheidungsfindung bei der Priorisierung der Gruppen wahrgenommen?

Menschen wie ich leben seit März letzten Jahres in dauerhafter Selbst­isolation. Im Spätsommer, als die ersten Debatten um die Impfungen begonnen hatten, war ich frohen Mutes, dass ich als jemand, der zur Risikogruppe gehört, relativ zeitig mit dem Impfen dran sein werde. Als ich hörte, in welcher Gruppe Menschen wie ich gelandet sind und was das zeitlich bedeutet, war ich erschrocken. Ich halte mich für eine psychisch stabile Person, aber das geht an die Substanz. Gerade Menschen mit Behinderung haben nicht unbedingt das soziale Netz, wie es andere haben. Und da ist eine komplette Isolation eine große Herausforderung.

Wie sieht Ihr Alltag derzeit denn konkret aus?

Er ist geprägt von einer Minimierung auf das absolut Notwendigste. Ich gehe eigentlich nur noch zwei Mal pro Woche aus dem Haus zur Physiotherapie. Und selbst das mit einem schlechten Gefühl. Die Frage, ob ich in dieser Lage dort hingehen sollte oder nicht, wird in meinem Fall zu einer existenziellen Entscheidung.

Wie meinen Sie das?

Ich habe eine neuromuskuläre Erkrankung. Das bedeutet, dass die gesamte Muskulatur geschwächt ist und sich weiter abbaut. Würde ich also nicht zur Physiotherapie gehen, schwächt das meinen Körper unwiederbringlich. Gleichzeitig ist durch diese Erkrankung die Wahrscheinlichkeit höher, dass ich mich mit dem Virus anstecken kann.

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