: Passt euch gefälligst an!
Statt CO2-Emissionen zu reduzieren, fragen sich immer mehr Menschen, wie sie sich an eine überhitzte Welt anpassen können. Das kann man bedenklich finden, aber es bietet auch eine Chance
Von Jonas Waack
Europa ist gerade etwa 2,5 Grad heißer als vor der Industrialisierung. Der Kontinent erhitzt sich mit 0,56 Grad pro Jahrzehnt doppelt so schnell wie der Rest der Welt, schneller also als jeder andere Erdteil.
Ich bin Klimaredakteur und diese Sätze habe ich selbst so in meinem Text zum Bericht des europäischen Erdbeobachtungsdienstes Copernicus über die Auswirkungen des Klimawandels in Europa geschrieben. Trotzdem die Frage: Machen solche Zahlen was mit Ihnen? Mit mir nämlich nicht.
Mich berühren stattdessen die Geschichten der Opfer der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021. Dass 135 Menschen starben. Dass Hunderte mit ihren überschwemmten Häusern Erinnerungen und hart erarbeitetes Vermögen verloren. Dass viele dieser Menschen weiterhin bei jedem Unwetter in Anspannung verfallen und an die Nacht des 14. Juli 2021 zurückerinnert werden.
Beides, die Temperaturen und die Ahrtal-Katastrophe, beschreiben die Auswirkungen der Klimakrise. Beides ist, finde ich, berichtenswert. Aber die Flut im Ahrtal bietet viel mehr Anknüpfungspunkte zum Handeln. Katastrophenvorsorge und -nachsorge sind unterschätzte Klimathemen und brauchen dringend mehr Aufmerksamkeit.
Dringend ist das nicht nur, weil mit steigender Erderhitzung Klimakatastrophen heftiger und häufiger werden. Sondern auch, weil unterlassene Vor- und Nachsorge unsere Demokratie gefährden. Wo Menschen sich alleingelassen fühlen, wenden sie sich derzeit häufig der extremen Rechten zu. Das geschah nach den Hurrikans an der Ostküste der USA 2024 genauso wie nach der Flutkatastrophe in der Region Valencia im gleichen Jahr.
In Großbritannien hat sich deswegen eine NGO gegründet, die Opfern von Flutkatastrophen helfen will. „Flooded People UK“ versucht, vor Ort Menschen zu vernetzen, um gemeinsam mit den Folgen von Fluten fertigzuwerden. Sie bring Betroffene in Kontakt, untereinander, aber auch mit Expert*innen für Wiederaufbau, Umgang mit Behörden und Versicherern. Denn häufig müssen Flutopfer wegen komplizierter Anträge und undurchsichtiger Bürokratie jahrelang auf Zahlungen ihrer Versicherungen oder staatliche Hilfe warten – wenn sie sie überhaupt bekommen. Das zwingt sie, ihre Ersparnisse aufzubrauchen oder sich zu verschulden.
Dazu kommen die Folgen für die mentale Gesundheit der Flutopfer. „Sechs Monate im Jahr bin ich gefangen in diesem immer wiederkehrenden Albtraum“, berichtet Heather Shepherd, eine der Mitgründerinnen von Flooded People UK. Ihr Haus sei schon sechsmal überflutet worden und sie habe viele ihrer Habseligkeiten verloren, sagte sie dem britischen Guardian. „Ich mache nichts mehr, um das Wasser aufzuhalten. Es bringt nichts, nichts funktioniert. Wasser ist erbarmungslos.“ Also entschied Shepherd sich, die vielen, aber vereinzelten Menschen und Grüppchen, denen es wie ihr ergeht, zu einem Bündnis zu schmieden.
Wie wichtig das ist, davon berichtet William Wareing, dessen Zuhause in Oxfordshire seit 2007 dreimal überflutet wurde. Lokal seien er und seine Fluthilfegruppe recht erfolgreich gewesen: „Wir haben Flusssensoren installiert und eine Flutwächter*innen-Gruppe gegründet“, sagte er dem Guardian. „Aber wie alle anderen lokalen Gruppen im Land sind wir nur kleine Protestinseln, die üblicherweise ignoriert werden. Flooded People bringt uns zusammen, sodass wir eine Stimme haben und die Regierungspolitik ändern können.“ Damit Hilfe schneller kommt und verlässlicher wird.
Im Gegensatz zu Klimagerechtigkeit oder Klimanotstand ist Klimaanpassung kein besonders aufregendes, mobilisierendes Wort. Aber immer mehr Menschen halten Anpassung für wichtiger als Klimaschutz. Einer Studie der Denkfabrik Bruegel zufolge waren es in Deutschland 2020 noch 30 Prozent, 2024 dann schon 39 Prozent. Einer der Autor*innen der Studie, Jan Eichhorn, sagte mir, das sei zumindest teilweise ein Erfolg der extrem Rechten. Viele europäische Rechtsextreme bestritten inzwischen die Erderhitzung nicht mehr, sondern relativierten sie und erzeugten so den Eindruck, Anpassung an die Erderhitzung sei einfacher als Klimaschutz.
Viele Menschen hätten aber auch einfach wenig Hoffnung, dass die Erderhitzung gestoppt werden kann, so Eichhorn. „So ein Fatalismus kann dazu führen, dass Menschen Anpassung priorisieren.“
Das ist natürlich gefährlich: Die Folgen des Klimawandels abzufedern wird mit steigenden Temperaturen immer teurer, und immer heftiger werdende Klimakatastrophen werden auch bei kluger Klimaanpassung Menschen töten und Häuser zerstören. Viele Bewohner*innen von Pazifikinseln haben zur Anpassung noch nicht mal eine Chance. Ab einem bestimmten Meeresspiegel wird ihre Heimat schlicht vom Ozean verschluckt. Lange vorher versalzen ihre Böden. Klimaanpassung darf Klimaschutz nie ersetzen.
Aber dass Menschen immer mehr über Klimaanpassung nachdenken, sollten wir trotzdem als Chance verstehen. Diese Leute machen sich offensichtlich Sorgen wegen der Klimakrise. Statt zu versuchen, sie für ein Windrad oder eine Stimme für die Klimaschutzpartei ihrer Wahl zu begeistern, könnten lokale Aktivist*innen sie auch zuerst für Anpassungsprojekte ins Boot holen. Dann hätte man schon einen Fuß in der Tür für das nächste Klimaprojekt.
Den Menschen vor Ort erlauben solche Projekte ein Gefühl der Selbstwirksamkeit, das einige beim Einbau von Solarpaneelen angesichts der gigantischen Aufgabe Klimaschutz nicht bekommen. Nebenbei lernt sich eine potenziell vielfältige Gruppe kennen und vertrauen – unerlässliche Ressourcen bei Katastrophen und nicht zuletzt für die Bekämpfung von Rechtsextremismus. Das wären dann sogar schon drei Fliegen mit einer Klappe.
Dieser Text erschien auch im wöchentlichen taz-Newsletter Team Zukunft, den man unter taz.de/teamzukunft abonnieren kann.
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