Parasitologe über Läuse: „Wir laufen der Laus hinterher“

Mit den Schulenöffnungen könnten auch die Parasiten wiederkommen. Menschen und Läuse existieren zusammen, sagt der Parasitologe Kosta Mumcuoğlu.

Hände heben Haare hoch

Werden erst spät erkannt, da es erstmal nicht juckt: Läuse Foto: Thomas Eisenhuth/imago

taz am wochenende: Herr Mumcuoğlu, einen Vorteil hatten die coronabedingten Schulschließungen ja – nämlich die Abwesenheit von Läusen. Droht uns jetzt die nächste Epidemie auf den Köpfen der Kinder?

Kosta Mumcuoğlu: Gut möglich. Denn selbst wenn nur ein Prozent der Kinder mit Läusebefall unbehandelt bleiben, wird die Zahl innerhalb kürzester Zeit ansteigen, sobald sie wieder zur Schule gehen. Aber anders als Corona sind Läuse kein medizinisches Problem, sondern eher ein psychologisches, ein emotionales. Denken Sie an die Leute, die sagen: Bei uns gibt es keine Läuse, das haben nur die anderen! Und wenn Sie ein Kind, das einmal hustet, nicht nach Hause schicken, aber ein zweites schon, sobald Sie bei ihm eine einzige Nisse finden, ist das einfach ungerecht – und in vielen Fällen auch unbegründet.

Aber eine Nisse, also ein totes oder leeres Ei, ist doch eindeutig ein Hinweis auf einen Läusebefall, oder?

Es ist erst mal nur ein Hinweis darauf, dass das Kind vor einiger Zeit Läuse hatte. Nicht unbedingt darauf, dass das immer noch der Fall ist. Eine meiner wichtigsten Botschaften ist, dass Eltern niemals ihr Kind behandeln sollten, wenn sie auf dessen Kopf keine lebendige Laus gefunden haben.

Das müssen Sie erklären.

Die Weibchen legen die Eier sehr nah an der Kopfhaut, wo die Temperatur- und Feuchtigkeitsverhältnisse optimal für die Entwicklung des Embryos sind. Das Ei wird mit einem speziellen Kleber, der aus dem Körper des Weibchens ausgeschieden wird, am Haar befestigt. Rund eine Woche nach der Eiablage schlüpft die Laus aus dem Ei und hinterlässt die Nisse, welche bis zu acht Monate am Haar haften bleibt. Unser Haar wächst ungefähr einen Zentimeter pro Monat, die Nissen werden also erst nach zwei bis drei Monaten sichtbar. Und dann denken die Eltern: Wenn es Eier gibt, muss es auch Läuse geben. Also behandeln sie ihr Kind erneut mit Anti-Läuse-Mittel.

Foto: getty images

Ein Läusekreis!

Ja, denn nach der Behandlung ändert sich das klinische Bild nicht, die Eier bleiben immer noch sichtbar. Sie sind nur etwas sauberer geworden, aber etwas Totes kann man nicht ein zweites Mal töten. Ein weiteres Problem, auch bei tatsächlichem Läusebefall, ist, dass es nur ein bis zwei wirksame Läuseprodukte auf dem Markt gibt. Die Eltern gehen also zur Apotheke und kaufen das Produkt mit der schönsten Verpackung oder das, was billiger ist. Sogar der Apotheker ist nicht unbedingt objektiv, weil er verkaufen könnte, was ihm am meisten einbringt. Nach der Behandlung wird die Situation vielleicht etwas besser – aber nach ein paar Tagen, wenn wieder Läuse gefunden werden, haben die Eltern das Gefühl, dass ihr Kind von Neuem infestiert wurde. In Wirklichkeit sind sie die Parasiten wegen der wirkungslosen Mittel nie ganz losgeworden.

ist Professor für Parasitologie in Jerusalem und einer der führenden Läuseforscher. Er hat mehr als 65 Artikel über sein Spezialgebiet veröffentlicht. Außerdem beschäftigt er sich mit Krätze, Hausstaubmilben, Zecken und Allergien.

Woran erkennt man, ob ein Anti-Läuse-Mittel wirkt?

Alle Silikonprodukte haben den Vorteil, dass sie nicht toxisch, also nicht durch Gift, töten, sondern physikalisch. Die Laus wird erstickt und kann keine Resistenz entwickeln. Bei allen toxischen Produkten hingegen tut sie das. Fragen Sie auch im Freundeskreis herum, welches Mittel gut wirkt, das ist meist die beste Informationsquelle.

Und was ist das wichtigste Werkzeug im Kampf gegen Läuse?

Der Läusekamm! Er hilft sowohl bei der Diagnose als auch bei der Behandlung. In einer Studie haben wir Kinder zuerst mit den Fingern untersucht und danach noch mal mit dem Kamm. Bei der Untersuchung mit dem Läusekamm fanden wir bis zu fünfmal mehr Kinder mit Läusebefall als mit der visuellen Fingermethode. Der Kamm ist aber auch nützlich, um die toten und lebenden Läuse und Eier zu entfernen und um zu prüfen, ob die Behandlung erfolgreich war und alle lebenden Läuse schon tot sind. Zuletzt kann man den Kamm auch nach der Behandlung zusammen mit Conditioner für die Entfernung der Nissen benutzen. Nicht umsonst existieren Läusekämme schon seit mindestens 3.000 Jahren.

So lange schon?

Ja, wir haben Kopfläuse und Eier in etwa 2.000 Jahre alten Exemplaren gefunden. Wir haben aber gute Gründe zu glauben, dass die Kämme, die 3.000 Jahre oder noch älter sind, nur zur Läusekontrolle gebraucht wurden. Zum Haarekämmen allein brauchen wir diese engstehenden Zinken nicht. Außerdem haben wir auf mumifizierten menschlichen Überresten Eier gefunden, die 9.000 Jahre alt waren. Läuse begleiten uns, seit sich der Mensch von den Affen getrennt hat. Also existieren Menschen und Läuse seit circa sechs Millionen Jahren zusammen.

Und es gibt offenbar keine Chance, sie loszuwerden.

Dabei sollte das im Prinzip ziemlich einfach sein, schließlich leben diese Parasiten nur an einem ganz bestimmten Ort und sind nicht, wie andere, im Innern unseres Körpers. Aber wir machen einfach viele Fehler. Zum Beispiel dauert es nach dem ersten Befall vier bis acht Wochen, bis der Juckreiz eintritt und das Kind sich ständig kratzt. Um das nachzuprüfen, habe ich mich auch einmal selbst mit Läusen infiziert. Wenn Eltern Läuse finden, fragen sie sich, mit wem das Kind gestern gespielt hat. So einfach ist es nicht. Wer schon vorher einmal Läuse hatte, bei dem erinnert sich der Körper an die Antigene der Parasiten und der Juckreiz beginnt früher. Wer wiederum schon lange mit Läusen infiziert ist, leidet nicht mehr so sehr unter dem Juckreiz, da dieser mit der Zeit nachlässt.

Als ich zum ersten Mal Läuse hatte, hat es bei mir auch noch nicht gejuckt, dabei hatte ich schon recht viele Tiere auf dem Kopf.

Wegen dieser Verzögerung des Juckreizes laufen wir der Laus ein bis zwei Monate hinterher. Während dieser Zeit vermehren sich die Läuse und werden auf andere Menschen übertragen.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

In den Vereinigten Staaten gibt es in den Schulen die sogenannte „No nit policy“: Jedes Kind mit Nissen wird sofort isoliert.

Die Schulkrankenschwester schaut flüchtig auf die Haare, und sobald sie ein Ei oder eine Nisse gesehen hat, wird angenommen, dass das Kind mit lebenden Läusen infiziert ist. Es wurde in mehreren Studien gezeigt, dass Schulpersonal nicht geeignet ist, Kinder zu untersuchen. Das, was Schulkrankenschwestern in den USA für Läuse gehalten haben, waren zum großen Teil überhaupt keine, sondern alte Nissen oder Schmutz. Aber trotzdem werden sofort die Eltern angerufen, damit sie das Kind nach Hause bringen. Es gibt tausend Gründe, weshalb das nicht gemacht werden sollte.

Welche Gründe sind das?

In vielen Ländern braucht das Schulpersonal die Erlaubnis der Eltern, um das Kind auf Läuse zu untersuchen. Und mit Anti-Läuse-Präparaten behandeln dürfen sie sie sowieso nicht. Besser wäre, die Schule schickt einen Brief an alle Eltern und bittet sie, ihre Kinder zu untersuchen und gegebenenfalls zu behandeln. Dann weiß auch nicht gleich jeder, welches Kind angeblich Läuse hat. Das nämlich belastet die Kinder emotional. Ich arbeite seit 35 Jahren mit diesem Problem, habe Tausende von Kindern untersucht und ich weiß, dass die „No nit policy“ keinen Effekt hat. Der beste Beweis ist, dass auch heute noch Mil­lio­nen von Kindern in den USA wegen Läusen behandelt werden.

Es gibt immer wieder Forderungen nach einem nationalen Läusetag.

Ja, an dem sollen alle Eltern ihre Kinder auf Läuse untersuchen und einen Befall behandeln. Ich glaube, das ist praktisch unmöglich und wird ziemlich sicher nicht passieren.

Warum?

Erstens können, wie schon erwähnt, die wenigsten Menschen eine Laus identifizieren. Und zweitens gibt es auch diejenigen, die niemals erlauben würden, dass ihr Kind in der Schule untersucht wird. Selbst wenn sie einen Brief bekommen mit der Bitte, ihr Kind zu untersuchen und wenn nötig zu behandeln, werden sie den Brief unterschreiben, ohne es gemacht zu haben.

Es gibt also keine Lösung, wie wir Läuse dauerhaft loswerden?

Mit Läusen ist es wie mit vielen anderen Situationen des Lebens: Sie sehen klein aus, sind aber schwer zu kontrollieren. Wir leben in einer modernen Gesellschaft, wir lösen so viele Probleme, wir schicken Leute auf den Mond – aber die Läuse werden wir nicht los. Wahrscheinlich werden sie so lange existieren wie die Menschheit.

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