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Outfits beim TischtennisMehr Stil im Spiel

Der Muff aus tausend Jahren Grundschulsporthalle scheint beim Tischtennis langsam zu verwehen. Es gibt quietschige Farben und Cyber-Shape-Schläger.

Pinke Rückhand: Die rumänische Tischtennisspielerin Bernadette Szőcs setzt farbliche Akzente Foto: imago

M it dem Stil ist es so eine Sache. Kürzlich hat unser kleines Team, bestehend aus einem Aktivrentner, mir und einem Gymnasiasten, in Mariahilf ein Auswärtsspiel gehabt. Der Gegner bestand aus einem Passivrentner, einem jungen Mann mit Zopf, 20-Tage-Bart und vermutlich paschtunischem Hintergrund sowie einem Mann knapp über 60, der aussah wie der Autohausbesitzer aus dem Film „Fargo“ (oder um es kurz zu machen: William H. Macy), der einen Rehpinscher dabei hatte. Während des Spiels sagte der Mann kein Wort, während sein Schoßhund in der rechten Ecke kauerte und ab und an einen Ball abbekam – logisch, ich spielte ihm, also Macy, nicht dem Hund, öfter hart in die Rückhand.

Das Spiel gewann ich knapp, obwohl ich ihm im ersten Satz sogar einen Gnadenpunkt ließ – das erste Mal in meiner Karriere. Nach dem Match geriet Macy ins Palavern; er erzählte, dass „Schneemann“, sein Hund, am Tag zuvor beim Hundezahnarzt gewesen war und fortan nur noch zwei Zähne hat; beim Versuch, ihn zu streicheln, also den Hund, schnappte er trotzdem kurz. Und während ich mich fragte, warum ein erwachsener Mann seinen Hund unbedingt zum Spiel mitbringen muss, hatte sich der Paschtune, der gutes Englisch sprach, umgezogen: Er sah aus wie ein Papagei. Nichts passte zusammen, aber alles war knallbunt und natürlich nicht uni. Vorher hatte er uns alle abgebügelt. Am Ende haben wir das Match trotzdem gewonnen, 6:4.

Zeit für einen Übergang. Um Outfits geht es auch im neusten Tischtennis-Hype rund um den Film „Marty Supreme“. Tatsächlich muss man sagen, dass sich Ausstattung und Technik in dem Film alle Mühe gegeben haben: Die Outfits der Spieler und ihre Schläger sehen einfach gut aus; auch Timo Boll, erst gar nicht erkannt, habe ich noch nie so gutaussehend erlebt. Der Film spielt Anfang der 1950-er Jahre, knapp vor dem „Wunder von Bern“, und eine der Ideen des umtriebigen Marty, immer noch nicht umgesetzt, ist es, die Eleganz des Tennissports zu erreichen. Das ginge, wenn man weiße Shirts tragen dürfte, was nicht geht, solange der kleine Tischtennisball weiß ist, weil sonst sieht man ihn nämlich nicht. Martys Idee: orange Bälle.

Orange Bälle gibt es inzwischen, weiße Shirts dürfen aber immer noch nicht getragen werden. Die Schläger müssen seit 1984 zweifarbig sein, seit fünf Jahren sind auch quietschige Farben erlaubt, sodass Bernadette Szőcs zum Beispiel einen pinken Belag hat oder Quadri Aruna, der Star aus Afrika, einen islamisch grünen. Auch hellblau habe ich schon gesehen. Truls Möregardh ist bekannt für seinen Cyber-Shape-Schläger, der nicht oval, sondern sechseckig ist.

Der Muff scheint zu verwehen

Ich finde, das sieht alles gut aus. Wie mir auch die roten Platten bei der letzten WM, die dunkellila Randstreifen oder Netzkanten gefielen. Auch sonst, vergleicht man Stil und Spiel via Youtube noch mit der dunklen Zeit von vor Corona, sieht das alles inzwischen gut aus. Selbst die Dressen, wie man in Österreich die Trikots nennt, sehen nicht mehr nach Einsparung aus; Hugo Calderanos Ausrüsterwechsel hat sich allerdings noch nicht recht rentiert.

Kurzum, ITTF und WTT haben in letzter Zeit so einiges richtig gemacht. Der Muff aus tausend Jahren Grundschulsporthalle scheint langsam zu verwehen; allerdings benötigt man für weiteren Fortschritt auch Geld. In Berlin eröffnen Spielparks und Rent-a-Tisch-Bars, aber die kegelbahnähnlichen Vereinsräume in Kellern oder Bunkern oder die umgewidmeten ehemaligen Lagerhallen mit großflächigen Neonlampenreihen, sie gibt es natürlich immer noch.

Man könnte auch sagen: Gut so, Zeitläufte überlappen sich eben, das ist die Postmoderne. Selbst „Marty Supreme“, ein Film von 2025, der 1952 spielt, setzt im Soundtrack auf Achtzigerjahre-Musik. Unter anderem spielt der Hit der Gruppe Tears For Fears eine Rolle: „Acting on your best behaviour / Turn your back on mother nature / everybody wants to rule the world“. Spiel frei.

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René Hamann
Redakteur Die Wahrheit
schreibt für die taz gern über Sport, Theater, Musik, Alltag, manchmal auch Politik, oft auch Literatur, und schreibt letzteres auch gern einmal selbst.
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