Ölbohrpläne im Wattenmeer

Millionen unter dem Schlick

Erst vor drei Monaten wurde in einer niedersächsischen Ölförderstätte ein Leck entdeckt. Nun will der gleiche Konzern im Wattenmeer Öl fördern.

Schattenriss der Bohrinsel vor einem Horizont mit Abendrot und Wolken

Hat angeblich noch nie einen Tropfen Öl ins Wattenmeer vergossen: Bohrinsel Mittelplate Foto: dpa

GÖTTINGEN taz | Erst vor drei Monaten hat der größte deutsche Öl- und Gaskonzern Wintershall Dea reichlich negative Schlagzeilen produziert. Ende Juli war nämlich bekannt geworden, dass durch ein defektes Rohr an einer Bohrstelle des Unternehmens in Emlichheim im niedersächsischen Kreis Grafschaft Bentheim bis zu 220 Millionen Liter giftiges Lagerstättenwasser ausgetreten sind. Jetzt sorgt Wintershall Dea mit neuen Bohrplänen in Emlichheim und im Wattenmeer für Diskussionen.

In der Nordsee, am südlichen Rand des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer und sieben Kilometer von der Dithmarscher Küste entfernt, betreibt Wintershall Dea die Ölplattform Mittelplate. Dort hatten Probebohrungen in den 1960er Jahren erste Hinweise auf Ölvorkommen gebracht.

Inzwischen ist Mittelplate das größte bekannte Ölfeld Deutschlands. Rund 35 Millionen Tonnen Öl wurden bereits gefördert. Aus Sicht von Wintershall Dea können noch weitere 15 Millionen Tonnen mit vertretbarem technischen Aufwand – und gewinnbringend – herausgeholt werden. Die aktuelle Bohrgenehmigung für das Unternehmen gilt bis zum Jahr 2041.

Jetzt will Wintershall Dea eine neue Bohrung niederbringen – eine sogenannte Horizontalbohrung. Damit will man, wie das Unternehmen sagt, auch den letzten Zipfel der Lagerstätte erreichen. Der dafür ins Auge gefasste Bereich geht allerdings leicht über das Genehmigte hi­naus.

Umweltminister sind dagegen

Landesumweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) positioniert sich bisher gegen das bislang noch nicht veröffentlichte Vorhaben. Es sei nicht vereinbar mit dem Nationalparkgesetz, das weitere Bohrungen verbiete. Das „Gesetz zum Schutz des schleswig-holsteinischen Wattenmeeres“ wurde 1985 vom Landtag beschlossen und seitdem mehrfach novelliert.

Das Nationalparkgesetz greife hier gar nicht, argumentiert hingegen Wintershall Dea. Die Bohrung finde in mehr als 2.000 Metern Tiefe statt, die Oberfläche sei gar nicht betroffen. Und überhaupt sei seit 32 Jahren von der Mittelplate kein einziger Tropfen Öl ins Wattenmeer gelangt. Andererseits ist jedoch klar, dass ein Ölunfall kaum beherrschbare Folgen für das einzigartige Ökosystem mit sich bringen würde.

Zwischen Den Helder in den Niederlanden und dem dänischen Esbjerg ist die größte zusammenhängende Wattlandschaft der Welt und eines der letzten Gebiete in Europa, in der Natur sich weitgehend unbeeinflusst entwickelt. Die Fläche ist rund 9.000 Quadratkilometer groß, 450 Kilometer lang und bis zu 40 Kilometer breit.

Die norddeutschen Küstenländer haben das Wattenmeer zum Nationalpark erklärt: 1985 das schleswig-holsteinische Wattenmeer, 1986 das niedersächsische und 1990 das hamburgische.

Das schleswig-holsteinische Wattenmeer ist zudem anerkannt als Weltnaturerbe und Biosphärenreservat der Unesco, als Vogelschutz- und Flora-Fauna-Habitat-Gebiet der EU, als besonders empfindliches Meeresgebiet der Internationalen Schifffahrtsorganisation und Feuchtgebiet internationaler Bedeutung nach der Ramsar-Konvention. Auch das niedersächsische Wattenmeer wurde von der Unesco zum Biosphärenreservat erklärt.

Eine etwas knifflige Situation also. Albrecht will über den Antrag jetzt mit dem zuständigen Landesbergamt diskutieren. Das sitzt im niedersächsischen Clausthal-Zellerfeld, die Behörde ist für die Küstenländer Niedersachsen, Bremen, Schleswig-Holsteinund Hamburg sowie für die Küstengewässer zuständig. Nach Ansicht von Greenpeace kann Albrecht den Antrag aber auch einfach ablehnen. Eine Anfrage der taz dazu ließ das Umweltministerium bis zum Wochenende unbeantwortet.

Auch aus der Piratenpartei kommt Kritik an dem Vorhaben von Wintershall Dea. Der frühere Kieler Landtags- und jetzige Europaabgeordnete Patrick Breyer sagt: „Im Wattenmeer Öl zu fördern, ist unverantwortlich. Die Ölförderung im Wattenmeer auszuweiten, ist hochriskant und klimaschädlich.“ Er verstehe nicht, dass Albrecht darüber erst mit dem Bergamt diskutiere.

Der Umweltminister stehe in der Verantwortung, diese Pläne zu stoppen. Als „Sofortmaßnahme“ müsse das Umweltministerium den bisher geheimen Antrag „proaktiv öffentlich machen“, verlangt Breyer. Dann könnten Umweltorganisationen das Vorhaben prüfen und die Konsequenzen abschätzen.

Albrechts niedersächsischer Amtskollege Olaf Lies (SPD) erteilte unterdessen allen Bestrebungen, Erdöl oder Erdgas im Nationalpark Wattenmeer zu fördern, eine klare Absage. In einem Nationalpark, der zugleich als Weltnaturerbe anerkannt sei, könne es auch in Zukunft keine Förderung geben, sagte Lies am Freitag: „Wir in Niedersachsen wollen keine Erdgas- oder Erdölförderung auf dem Gebiet eines Weltnaturerbes. Der Nationalpark ist und bleibt ein Vorranggebiet für die Natur.“

Gleichzeitig plant Wintershall Dea im niedersächsischen Erdölfeld Emlichheim nach Angaben der Grünen vier weitere Bohrungen. Die Landesbergbehörde halte noch nicht einmal eine Umweltverträglichkeitsprüfung für erforderlich, sagt die umweltpolitische Sprecherin der Grünen im niedersächsischen Landtag, Imke Byl. Damit seien weder Umweltfolgen-Prüfungen noch eine Öffentlichkeitsbeteiligung vorgesehen.

Trotz aller anderslautenden Beteuerungen habe das CDU-geführte Wirtschaftsministerium in Hannover aus der Riesen-Leckage in Emlichheim offensichtlich nichts gelernt,sagt Byl. Es sei noch immer nicht vollends aufgeklärt, ob und in welchem Umfang das Grundwasser in Folge der durchrosteten Förderrohre in Emlichheim beeinträchtigt wurde – „und trotzdem soll weitergebohrt werden wie bisher“.

SPD und CDU müssten ihre Blockadehaltung aufgeben und dem Gesetzesvorstoß der Grünen für eine verpflichtende Umweltverträglichkeitsprüfung für alle Öl- und Gasbohrungen zustimmen.

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