Öko-Aussteiger über ein Leben ohne Geld: „Ich möchte inspirieren“

Tobi Rosswog hat sich radikal vom Kapitalismus verabschiedet und versucht, mit wenig Geld möglichst ökologisch und sozialverträglich zu leben.

Tobi Rosswog steht hinter einem Baum.

Bullshit-Jobs sind überflüssig, Drecksarbeit nicht, sagt Tobi Rosswog Foto: Kerstin Rolfes

taz: Herr Rosswog, wenn alle so leben würden wie Sie – wäre die Welt dann besser?

Tobi Rosswog: Wenn alle Menschen wie eine Person leben, wird es schwierig. Aber wenn mehr Leute den Anspruch haben, so wenig Ausbeutung wie möglich zu verursachen – wohl wissend, dass wir in einer imperialen Lebensweise immer auf Kosten anderer und über unsere Verhältnisse leben –, kann es ein bisschen besser werden.

Und so leben Sie?

Ich versuche, möglichst ökologisch und sozialverträglich zu leben. Ich stelle radikal infrage, welche Konstrukte gerade Ungerechtigkeiten reproduzieren und versuche Gesellschaft proaktiv mitzugestalten. Alle vier Jahre wählen, einen grünen Job machen, bio und fair kaufen, wie ein grüner Kapitalismus uns das weismachen möchte, reicht nicht. Das ist so kon­sumorientiert.

Haben Sie deshalb vor knapp zehn Jahren Ihr Studium der Religionswissenschaft und Sozialen Arbeit in Hannover abgebrochen, Ihr Geld verschenkt und sind losgezogen?

Es gab viele Impulse. Der letzte war sehr banal: Ich habe bei einem Seminar im Freiwilligen Ökologischen Jahr einen Projekttag gestaltet, damals zum Thema Mensch-Tier-Verhältnisse. Ein paar Teilnehmer*innen haben mich gefragt: „Warum machst du das nicht öfter?“ Weil ich noch studiere, dachte ich damals. Aber warum studiere ich denn noch? Weil ich doch eine Bescheinigung brauche, die mir erlaubt, später was zu sein, und damit irgendwie ein bisschen Geld zu verdienen. Diese Argumentation war nicht mehr haltbar, bemerkte ich: 95 Prozent aus meinem Studium war für meine Praxis irrelevanter Bullshit, und die restlichen fünf Prozent, habe ich damals überzeugt gesagt, kann ich mir auch frei lernend beibringen.

Wie viel Geld haben Sie verschenkt und an wen?

So ein paar Tausend Euro. Einen kleineren Teil hat meine damalige WG bekommen, den anderen Initiativen, die mir wichtig waren.

29, Autor, Aktivist, Dozent. Der gebürtige Hannoveraner hat sich ganz der ökologischen Transformation verschrieben. 2013 brach Rosswog sein Studium ab, verschenkte sein Geld und zog los. 2018 gründete er das Funkenhaus zwischen Hannover und Göttingen mit. Seit Kurzem ist er wieder ohne festen Wohnsitz unterwegs.

Tat das kein bisschen weh?

Tatsächlich nicht. Es war eher befreiend. Aber ich weiß natürlich, dass es nur aufgrund krasser Privilegien so einfach war.

Wie haben Sie gewohnt?

Ich habe fast jede Nacht woanders geschlafen. Immer dort, wo ich eingeladen war.

Brauchten Sie keine Medikamente?

Tatsächlich nicht. Da hatte ich echt Glück.

Ihr erster großer Workshop war dann „Geldfrei(er)leben“. Wie geht das?

Darüber, Vorhandenes sinnvoll zu nutzen. Wir leben ja in einer unglaublichen Überfluss- und Wegwerfgesellschaft. Ich habe containert, Foodsharing in vielen Städten mit aufgebaut – noch heute bekomme ich so Lebensmittel. Ich kaufe seit rund zehn Jahren nicht mehr ein. Ich war in Umsonstläden, auf Kleiderschenkpartys, bin per Anhalter gefahren. Ich wollte aber keinen Survival-Guide erfinden, sondern politisch sichtbar machen, in welcher unglaublichen Fülle wir eigentlich leben und dass Mangel nur ein kapitalistisches Konstrukt ist. Ein Vorteil davon war: Ich musste mich nicht verwerten. Geldfreier Leben bedeutet, arbeitsunabhängiger zu werden, mehr freie Zeit zu haben und gucken zu können, was wirklich meine Berufung ist – ohne mich auf einem anonymen Arbeitsmarkt durchsetzen zu müssen.

Und was ist Ihre Berufung?

Ich habe in den zweieinhalb Jahren komplett geldfreien Lebens angefangen, Vorträge zu geben. Ich möchte Menschen Impulse der Irritation und der Inspiration geben, sie empowern. Meine Vorträge sind daher keine reinen Bildungsveranstaltungen, sondern sollen motivieren und einladen, Banden zu bilden. Inzwischen sind es viele verschiedene, rund 150 im Jahr an Unis, auf Kongressen, Konferenzen, auch immer mehr in der freien Wirtschaft wie bei VW letztes Jahr.

Wie war das?

Großartig! Ich dachte, die zerfetzen mich. Aber die erste Person, die sich meldete, meinte: „Tobi, du hast das Phänomen der Bullshit-Jobs angesprochen. Und jetzt sag ich dir mal was: Seit 25 Jahren mache ich hier so einen.“ Vor 399 Kolleg*innen sagt der das so offen und ehrlich! Das Spannende ist, sei es jetzt bei VW oder der Bundesbank, es gibt eine große Resonanz, und das ist das Absurde: Ich sage denen, „so geht es nicht weiter“ – und die applaudieren.

Wie schätzen Sie die Nachhaltigkeit dieser Resonanz ein?

Nachdem ich beispielsweise bei Daimler war, hat eine Angestellte danach gekündigt. Ich werde dafür nicht alleine verantwortlich gewesen sein, aber vielleicht war mein Vortrag ja ein kleiner weiterer Impuls.

Gab es bei VW gar keine Kritik?

Die einzig kritische Bemerkung des Abends kam von einem alten weißen Mann, Ingenieur wahrscheinlich, der sagte: „Aber Tobi, wer macht denn dann noch die Drecksarbeit?“

Die Frage hätte ich Ihnen gleich auch noch gestellt.

Das ist ja schon das Kernproblem unserer Gesellschaft. Dass wir das, was im Grunde die Gesellschaft wirklich trägt, die Care-Tätigkeiten, als Drecksjob betiteln und nicht wertschätzen – im Gegensatz zu Lohnarbeit.

Klar ist das ein Problem. Aber trotzdem: Wer würde diese Arbeit denn machen?

Ich bin davon überzeugt, dass Menschen etwas zur Gesellschaft beitragen und nicht nur rumhängen wollen. Und es geht mir ja nicht darum, dass Menschen morgens aufwachen und gänzlich selbstbestimmt nachfühlen sollen, worauf sie denn so Lust haben heute. Es geht darum, sich zwischen Lust und Notwendigkeit zu organisieren. Entsprechend beginne ich mein Buch dazu: „Arbeit? Nein danke. Faulsein? Keine Lust.“ Wenn wir diese ganzen Bull­shit-Jobs mal wegstreichen, hätten wir wieder unglaublich viel Energie und Zeit, Sinnvolles zu tun – auch Putzen.

Was sind denn Ihrer Meinung nach Bullshit-Jobs?

Zum einen die, von denen Menschen selbst sagen, dass sie sinnlos sind. Und das sind echt schon einige. Und solche, die es nur braucht, weil andere Menschen denselben Job haben – im Militär zum Beispiel. Oder die, die erfunden wurden, um das System von Arbeit und Konsum aufrechtzuerhalten – Arbeitsvermittler*innen oder Werbefachleute.

Sie rütteln damit an einem Fundament unserer Gesellschaft. Viele definieren sich ja über ihre Arbeit.

Ja, ich hinterfrage diese Konstrukte Arbeit, Geld und Eigentum radikal. Momentan haben rund 40 Leute so viel Geld wie die ärmere Hälfte der deutschen Gesellschaft. Das ist doch zum Schreien ungerecht und kann nicht daran liegen, dass diese 40 Leute so viel wie 40 Millionen am Tag leisten.

Um diese Konstrukte zu überwinden, müssten wir ja die Menschen komplett umprogrammieren.

Oder mehr Strukturen aufbauen, die andere Selbstverständlichkeiten schaffen. Es ist ja nicht so, dass der Mensch per se neidisch, gierig oder egoistisch wäre, sondern er ist das, was ihm die Sozialisation nahe legt – also nicht nachhaltig zu handeln. Wenn ich heute versuche, nachhaltig zu handeln, werde ich zeitlich, ökonomisch und kulturell bestraft.

Warum haben Sie sich nach zweieinhalb Jahren dafür entschieden, Geld wieder anzufassen?

Ich musste mich mit 25 Jahren selbst krankenversichern. Aber auch heute habe ich immer noch kein Bargeld an mir, keine EC-Karte und teile mir das Geld mit anderen Leute in einer gemeinsamen Ökonomie. Wenn es für Vorträge Geld gibt, nehme ich das inzwischen an, das kommt dann auf das geteilte Konto.

Sie haben verschiedenste Projekte initiiert – Festivals, Konferenzen, Wohnprojekte. Und überall haben Sie sich früher oder später wieder rausgezogen. Warum machen Sie das so?

Ich möchte Dinge, die mich brennend interessieren, in die Welt bringen. Mitmachräume schaffen – und dann gerne abgeben, wenn sie laufen. So konnte ich mich immer anderen Sachen widmen. Der Mitmachkongress Utopival mit 100 Menschen, die Utopie-Ökonomie-Konferenz mit 300 und das Zusammentreffen Move Utopia mit über 1.000 – neben den 150 Vorträgen hätte ich das alles gar nicht zeitgleich organisieren können. Deswegen bin ich dankbar, dass es immer wieder Menschen gibt, die das übernehmen wollen. Und auch ein anderer Dogmatismus hält mich davon ab, zu verweilen: nicht bequem werden.

Ist das auch der Grund für Ihren kürzlichen Auszug aus dem Wohnprojekt Funkenhaus im niedersächsischen Greene?

Einer der Gründe. Ich habe mir damals gesagt, eineinhalb, zwei Jahre möchte ich dieses Projekthaus aufbauen, dann soll es weitergehen. Jetzt bin ich erst mal wieder ohne festen Wohnsitz unterwegs.

Was ist Ihr Plan?

Dieses Jahr möchte ich neben den Vorträgen auch anfangen, Produktion nach Bedürfnissen und Fähigkeiten zu organisieren. Für ein Produkt, was wir auch in einer befreiten Gesellschaft brauchen – Tofu beispielsweise – wollen wir ein solidarisches Produktionsmodell testen, ohne dass sich alle davon Profitierenden kennen. Manche geben null, manche zehn Euro für den Tofu. Auch ein anderes Projekthaus darf ich Ende des Jahres mit aufbauen.

Sie bezeichnen sich als Aktivist – und den eigenen Alltag als Plattform des Protests. Ist das nicht anstrengend?

Ich habe das Glück, dass ich durch das, was ich mache, super viel Energie gewinne. Mein Aktivismusbegriff ist tatsächlich sehr weit – wir können das protesthaft-widerständige Moment subversiv im Alltag zementieren und immer wieder gucken: Wo kann ich Ungerechtigkeiten verhindern oder zumindest demaskieren? Etwa bei rassistischen Polizeikontrollen nicht einfach sagen: Ich werde weiß, männlich gelesen und kann gut schnacken – was interessiert mich das. Sondern sich solidarisch zeigen.

Wie würden Sie das in diesem Fall machen?

Das ist total kontextabhängig. Aber das erste, was wir machen können, ist, nicht weggucken. Aber sofort heldenhaft dazwischen zu gehen, ist vielleicht auch nicht ratsam. Solidarisch zeigen heißt hier für mich, Augenkontakt aufnehmen und fragen, ob es was braucht.

Eine Besucherin im Funkenhaus hat mir kürzlich erzählt, es sei ziemlich kalt bei Ihnen. Müssen wir leiden, um den Ernst der Klimakrise zu verstehen?

Nein, wir müssen nicht leiden. Aber so was ist Verhandlungssache. Manche brauchen mehr, manche weniger. Insgesamt möchte ich für eine Welt nach Bedürfnissen und Fähigkeiten einstehen. Ich hab kein Bock auf ein Haus oder Zimmer, manche wollen eine Wohnung für sich. Kein Problem! Aber bei zwei, drei Häusern, die nicht genutzt sondern vermietet oder verkauft werden, hört es auf. Sobald das Argument kommt „Das haben wir schon immer so gemacht“ – Haus bauen, Familie gründen, Baum pflanzen – gilt: radikal hinterfragen.

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