Aus der Traum: Mitarbeiter des Bauhofs von Oberammergau entfernen eine Werbetafel Foto: Angelika Warmuth/dpa

Oberammergau ohne Passionsspiele:Der Messias sagt ab

Eben noch eine Touristenattraktion, ist das bayerische Oberammergau jetzt nur noch eine nette kleine Gemeinde. Mit Seuchen kennt sich der Ort aus.

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22.5.2020, 13:56 UHR

Man muss schon wissen, dass hier etwas fehlt, um zu merken, dass etwas fehlt. Die Leere hat sich auf sehr dezente Weise in Oberammergau ausgebreitet. Auf den ersten Blick könnte man es für ein Dorf wie so viele andere halten, die man hier am Fuße der Alpen trifft. Postkartenidylle, Katzen, die träge das Trottoir entlang wandern, und eine beeindruckende Herrgottschnitzerdichte – rund 60 solcher Erschaffer religiöser Figuren soll es in der Gemeinde mit gerade einmal 5.500 Einwohnern geben.

Natürlich entdeckt man die Coronafolgen auch hier: Beim Naturkostladen stehen die Kunden an diesem Morgen draußen auf der Straße Schlange – mit Maske und Abstand. Die größte Folge aber der Krise ist das, was man eben nicht sieht: die Tausenden von Menschen, die das Dorf in diesem Sommer Tag für Tag besucht hätten, die vollen Hotels, die vollen Wirtshäuser, die vollen Straßen und natürlich: das volle Passionstheater.

Die Passionsspiele, die sonst alle zehn Jahre aufgeführt werden, wegen derer die New York Times noch Anfang des Jahres Oberammergau zu den 52 sehenswertesten Orten der Welt gerechnet hat, sie finden in diesem Jahr nicht statt.

„Oh Herr, wie blutet mir das Herz …“

Vorne an der Fassade des Passionsspieltheaters hängen noch die beiden Transparente mit dem Schriftzug „2020 Passionsspiele Oberammergau“. Daneben ein Gekreuzigter ohne Kreuz. Jetzt wird es eine Passion ohne Spiele. In einem Jahr, in dem eine Seuche derzeit jede Großveranstaltung unmöglich macht, ist auch dem katholischsten Katholiken klar, dass man den Herrgott nicht herausfordern sollte. Als die Verschiebung der Spiele auf das übernächste Jahr bekannt gegeben wurde, titelte das örtliche Garmisch-Partenkirchner Tagblatt: „Oh Herr, wie blutet mir das Herz …“

Großveranstaltungen wie Volksfeste oder Messen bleiben noch bis mindestens 31. August untersagt. Aber auch danach sieht es schlecht aus. Das Münchner Oktoberfest ist schon lange abgesagt. Bei kleineren Veranstaltungen und Demonstrationen gelten je nach Bundesland unterschiedliche Regelungen.

Bundesweit muss in Geschäften und im öffentlichen Nah- und Fernverkehr ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden. Es gilt einen Abstand von mindestens 1,5 Meter einzuhalten.

Begegnungen mit Personen aus fremden Haushalten sind nur eingeschränkt möglich. In der Regel können sich nur Personengruppen aus zwei Haushalten treffen. Für enge Familienangehörige bestehen Sonderregelungen. (taz)

2.500 Menschen beteiligen sich an den Spielen, das halbe Dorf. Und doch werden sie heute mit keinem Namen so stark in Verbindung gebracht wie mit dem von Christian Stückl – Jesus einmal ausgenommen. Beginnen wir den Versuch einer Annäherung an dieses Spektakel, das man in seiner Unwissenheit irgendwo zwischen Bauerntheater, Woodstock und Fronleichnamsprozession verorten könnte, also am besten mit einem Besuch bei Christian Stückl.

Der 58-Jährige sitzt am Besprechungstisch seines Büros im Passionstheater. Hohe Decken, zwei Schreibtische, sonst ist es hier recht schmucklos. Die offene Flügeltür geht direkt zur Straße. Seit den Passionsspielen von 1990 ist Stückl Spielleiter. Eigentlich würde man seiner heute nicht habhaft werden. Acht Tage wären es nur noch bis zur Premiere. Heute wäre die erste öffentliche Generalprobe gewesen, erzählt Stückl, die Karten hatte man ausschließlich an Jugendliche verkauft. „Die letzten 14 Tage wären Wahnsinn gewesen. Aber ich mag ja diesen Stress auch. Ich hätte ihn mir für dieses Jahr schon gewünscht.“ Würde, wäre, hätte: Die Passionsspiele sind ein einziger Irrealis geworden.

Christian Stückl

Zum Nichtstun verdammt: Spielleiter Christian Stückl Foto: Dominik Baur

Man kennt Stückl als einen, der ständig unter Strom ist. Und jetzt sitzt er hier in seinem Büro und ist zum Nichtstun verdammt. Nichtstun ist bei einem wie ihm freilich relativ. Gerade ist er dabei, ein Konzept zu erarbeiten, wie es am Münchner Volkstheater in Coronazeiten weitergehen könnte, dessen Intendant er im Hauptberuf ist. Außerdem schreibt er an einem Buch über die Geschichte der Passionsspiele. Stückl muss erst einmal ein halbes Dutzend Feuerzeuge durchprobieren, bis er eines findet, das funktioniert. Er zündet sich eine Zigarette an. Es wird die erste von insgesamt 13 während des anderthalbstündigen Gesprächs sein. Keine davon wird er jedoch zu Ende rauchen, eine Tabaklänge von etwa zwei Zentimetern lässt er jedes Mal übrig.

Die Passionsspiele am Stammtisch eingesogen

Stückl ist in einem Oberammergauer Wirtshaus aufgewachsen, sein Großvater hat schon bei den Passionsspielen mitgemacht, sein Vater auch. „Und auf eigenartige Weise waren immer alle großen Spieler bei uns am Stammtisch g’hockt.“ Zu anderen Zeiten hätte man gesagt: Stückl war von klein auf mit dem Passionsspielvirus infiziert. „Ich hab’ im Chor gesungen, ich war hinter der Bühne, vor der Bühne, überall. Das war wie in einem Käfig, wo alles nur um das Eine gekreist ist“, sagt er selbst. „Aber ich hab das gar nicht als Käfig empfunden, für mich war das geil.“ Mit 16 gründete Stückl seine erste eigene Theatergruppe und wusste: „Ich werde mich irgendwann mal als Passionsspielleiter bewerben.“

Das „Irgendwann“ trat dann schon 1987 ein. Mittlerweile Regieassistent an den Münchner Kammerspielen, bewirbt sich der gerade einmal 24-Jährige – und wird gewählt. Mit neun zu acht Stimmen votiert der Stadtrat für ihn. 2022 wird er nun schon zum vierten Mal den Spielleiter machen. Nur einer seiner Vorgänger war öfter Spielleiter. Bisher.

Genau zwei Monate ist es jetzt her, dass sie die letzte große Probe gemacht haben. Das Coronavirus war da schon das beherrschende Thema, eine Woche später wurden in Bayern die Schulen geschlossen. Mit 400 Leuten stand Stückl an diesem Tag auf der Bühne. Und da sei ihm schon etwas mulmig geworden, erzählt der Spielleiter. Als sie dann in den nächsten Tagen Aufnahmen für den Bildband zu den Passionsspielen gemacht haben, kamen schon immer mehr Telefonanrufe: Sag mal, Christian, muss ich da wirklich kommen? Weißt du, ich gehöre zur Risikogruppe … „Und dann habe ich das erst mal abgebrochen.“ Ein paar Tage lang haben sie in Oberammergau noch alle die Hoffnung mit sich herumgetragen und doch insgeheim gewusst: Das wird nichts mehr.

Mit einer Seuche beginnt die Geschichte

Es ist ja schon eine recht symbolische Sache, dass es ausgerechnet ein Virus ist, das der Passion den Garaus gemacht hat. Schließlich war es auch eine Seuche, der Oberammergau seine größte Attraktion überhaupt verdankt. 1633 war das, mitten im Dreißigjährigen Krieg. Damals wütete die Pest in der Gegend, kostete auch so manchen Oberammergauer das Leben. Da legten die Bewohner des Dorfes ein Gelübde ab: Sie versprachen, alle zehn Jahre ein „Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus“ aufzuführen, falls die Pest sie fortan verschonen sollte. Und von diesem Tag an, so heißt es, habe es kein Opfer der Pest mehr gegeben.

Das Kreuz, an dem das Gelübde abgelegt worden sein soll, steht noch heute in der Pfarrkirche von Oberammergau. Dort gibt es derzeit zwar wegen der Infektionsgefahr kein Weihwasser, um sich zu bekreuzigen, aber auf einem Schild im Mittelgang den tröstlichen Hinweis: „Auch in der aktuell so bedrängenden Zeit kann es wohltuend und hilfreich sein, sich gerade im Angesicht dieses Kreuzes an Gott zu wenden.“

Die Oberammergauer hielten ihr Versprechen. 1634 wurden die Passionsspiele zum ersten Mal aufgeführt – auf dem Friedhof. Auf einer provisorischen Bühne über den Gräbern der Pesttoten. Schon im 18. Jahrhundert sollen Gäste aus ganz Deutschland gekommen sein.

Immer wieder kommt es über die Jahrhunderte zu Rhythmusstörungen, die Spiele werden verboten, verschoben. Just vor 100 Jahren fallen sie dann der grassierenden Spanischen Grippe – und der damaligen wirtschaftlichen Situation – zum Opfer. Die Aufführungen finden dann zwei Jahre später statt. Kommt einem irgendwie bekannt vor.

Wie sehr die Passionsspiele den Ort prägen, steht den Oberammergauern schon lange Zeit im voraus ins Gesicht geschrieben, zumindest den Männern. Am Aschermittwoch des Vorjahres tritt der „Haar- und Barterlass“ in Kraft. Wer auf der Bühne mitwirkt, ist angehalten, sich Haar und Bart wachsen zu lassen. Ausgenommen ist nur, wer einen Römer spielt oder hinter den Kulissen bleibt. Auch Christian Stückl, der sich in den Massenszenen immer wieder mal unters Volk mischt, hat sich dem Erlass unterworfen. „Jetzt will ich aber, dass sie endlich wieder runterkommen“, sagt er und fährt sich durch die graue Mähne. „Aber ich hab’ die Woch’ keinen Termin gekriegt.“ Der Ansturm auf die gerade erst wieder eröffneten Friseurläden ist groß.

Sophie Schuster

Sophie Schuster: Erst in zwei Jahren Maria Magdalena Foto: Dominik Baur

Die 42. Passionsspiele wären es in diesem Jahr nun geworden. In einer rund fünfstündigen Aufführung hätten die Oberammergauer die Geschichte Jesu erzählt, vom Einzug in Jerusalem bis zur Kreuzigung und Auferstehung. Nicht mehr auf dem Friedhof, sondern auf der Freilichtbühne des 1890 erbauten Passionstheaters. Im Hintergrund das Bergpanorama.

Nicht alle lieben den Spielleiter

Für Stückl wären es die vierten Spiele im Amt geworden. Viel hat er bewegt in den Jahren als Spielleiter – nicht immer zur Freude des gesamten Dorfes. So habe 1990 der katholische Pfarrer eine Unterschriftensammlung gegen ihn gestartet, erzählt Stückl und zitiert deren ersten Satz: „Eine gotteslästerliche Jugend bemächtigt sich der Bühne. Das muss verhindert werden.“ 1.800 Oberammergauer haben damals unterschrieben. Für die anderen ist Stückl der Mann, der endlich die nötigen Reformen umsetzt und eine hohe künstlerische Qualität gewährleistet. Als ihm für das Jahr 2000 die CSU im Gemeinderat die Gefolgschaft verweigern will, wird er gegen deren Willen per Bürgerentscheid ins Amt gehievt.

Schon als Kind ist Stückl immer wieder angeeckt – ohne so recht zu verstehen, warum. Zum Beispiel als er einmal einen schwarzen Buben mit zum Trachtenverein brachte. „Der gehört da net her“, bekam er zu hören. Und als er später begann, den Text der Passion von Antijudaismen zu befreien, und sich dabei von Rabbinern beraten ließ, hieß es: „Wir lassen uns doch von den Juden unser Evangelium nicht auseinandernehmen.“

Vor den Spielen im Jahr 2000 hielt ihm der Pfarrer vor: „Wenn du jetzt einen Protestanten zum Hauptdarsteller machst, arbeitest du am Niedergang der Passionsspiele.“ Der Effekt war das Gegenteil des Gewünschten. Voller Zorn setzte Stückl durch, dass der Passus gestrichen wird, wonach die Darsteller in der Kirche sein müssen. Seit 2000 dürfen auch Muslime und Konfessionslose bei den Spielen mitwirken.

Christian Stückl, Spielleiter, über den Tag der Absage

„Als ich die ganzen jungen Spieler gesehen habe, wie sie da ums Theater rumgestanden sind, sind mir ein paar Tränen weggeschossen“

Donnerstag, 19. März, vor dem Theater. Anton Speer, der Landrat, spricht es offiziell aus: Die Passionsspiele sind verschoben. Neuer Termin: 2022. Als Stückl dann das Wort ergreift, überkommt es ihn. „Als ich die ganzen jungen Spieler gesehen habe, wie sie da ums Theater rumgestanden sind, sind mir ein paar Tränen weggeschossen.“ Eine Fernsehjournalistin ist so begeistert, dass sie ihn hinterher fragt, ob er nicht fürs Interview noch mal ein bisschen weinen könne. Nein, das könne er nicht, sagt Stückl.

Seit diesem Tag herrscht eine seltsame Stimmung im Dorf. Alle haben sich zurückgezogen, über die coronabedingte Distanz hinaus. So scheint es dem Spielleiter wenigstens. Gerade die ganz Jungen, der neue Jesus-Darsteller, Judas oder Maria Magdalena, alle seien abgetaucht. Eben habe man sich noch täglich gesehen, dann von einem Tag auf den anderen überhaupt nicht mehr.

Sophie Schuster, die die Maria Magdalena hätte spielen sollen

„Mein Jahr war komplett durchgeplant. Da steht man erst mal da und schluckt“

Sophie Schuster ist eine dieser Jungen, sie hätte die Maria Magdalena spielen sollen. „Da wird einem schon der Boden unter den Füßen weggerissen“, erzählt sie. „Mein Jahr war komplett durchgeplant. Da steht man erst mal da und schluckt.“

Die 24-Jährige sitzt im leeren Zuschauerraum, während einige Bühnenarbeiter die Kulissen abbauen. Rechts vor der Bühne liegen aufgereiht ein paar blaue und rote Tempelsäulen aus Pappmaché. Schuster ist gelernte Bankkauffrau, studiert gerade Marketing an einer Fernuniversität. Schauspielerfahrung hat sie schon an der Schule gesammelt, später dann auch bei den Theateraufführungen, die seit den letzten Passionsspielen auch in den Sommern dazwischen aufgeführt werden. So war sie bereits die Julia aus „Romeo und Julia“ und die Geierwally.

Wenn die Oberammergauer sich für die Teilnahme an den Spielen anmelden, dürfen sie auch Rollenwünsche angeben. Schuster schrieb ihre Traumrolle in das Formular: Maria Magdalena. „Ich bin nie davon ausgegangen, dass ich die Rolle krieg’.“ Doch als dann an einem Herbsttag 2018 die Namen der Hauptdarsteller feierlich und in Schönschrift auf zwei Tafeln vor dem Theater geschrieben wurden, war sie eine der beiden Frauen, die Maria Magdalena spielen durften. „Da hab’ ich mir schon gedacht: Okay, krass!“

Die Passionsspiele sind längst auch bei den jungen Oberammergauern wieder angesagt. Landflucht ist hier nicht das große Thema. Und wer weggezogen ist, kommt oft sogar nur für die Passionsspiele ins Dorf zurück. Schuster zieht es nicht weg. „Hier kennt man die Leute und grüßt sich auf der Straße. München wäre mir viel zu hektisch.“ Wie die große weite Welt ja ohnehin völlig überschätzt wird. Wozu sollte man raus in die Welt, wenn die ganze Welt doch zu einem kommt?

Anton Preisinger

Anton Preisinger alias Pontius Pilatus vor seinem leeren Gasthaus Foto: Dominik Baur

Dass dem so ist, ist nicht zuletzt dem Briten Thomas Cook zu verdanken. Der Vater der Pauschalreise sitzt 1880 im Publikum und ist begeistert. Fortan organisiert er im großen Stil Reisen zu den Passionsspielen. Die Passion wird zur Touristenattraktion für Engländer und Amerikaner und zum Geschäft für die Oberammergauer.

Das ist es bis heute geblieben. Rund hundert Aufführungen gibt es pro Spieljahr, 450.000 Tickets. „Wir rechnen jetzt gerade zusammen, was die ganze Verschiebung kostet“, sagt Stückl, „das geht schon in einen zweistelligen Millionenbereich.“ Und das sind nur die Kosten für die Gemeinde. Natürlich lebt das Dorf zu einem großen Teil vom Tourismus, und jeder hat die Passion fest eingeplant. „Wenn investiert wird, dann immer vor der Passion.“

Bei Pontius Pilatus sind noch Zimmer frei

Man muss ja nur einmal die Theaterstraße runtergehen bis zur Alten Post und sich mit Pontius Pilatus treffen. Der sitzt in der leeren Gaststube, heißt im bürgerlichen Leben Anton Preisinger und muss jetzt erst einmal zwei Jahre warten bis zu seinem großen Auftritt als römischer Statthalter. Preisinger gehört die Alte Post, er hätte nun viel Zeit, sich um seine Gäste zu kümmern. Nur: Welche Gäste? „Wir haben einen Buchungsstand von null“, sagt er.

Die Alte Post ist vermutlich das älteste Gasthaus in Oberammergau, das Hauptgebäude ist knapp 500 Jahre alt, die Preisingers haben es seit Ende des 19. Jahrhunderts in Familienbesitz. 38 Zimmer, 250 Restaurantplätze. Auch Preisinger hat vor der Passion noch einmal investiert, Restaurant und Zimmer renoviert, neue Badezimmer einbauen lassen – alles in allem für 300.000 Euro.

„Das ist für uns nicht existenzgefährdend“, sagt der Hotelier. „Aber ich musste jetzt ein Darlehen aufnehmen, das ich nicht geplant hatte.“ Außerdem hatte er die Mitarbeiterzahl für das Jahr von 30 auf 45 aufgestockt. Die ersten haben schon im Dezember angefangen, wurden angelernt. Diese Mitarbeiter musste Preisinger jetzt wieder entlassen, die Stammbelegschaft in Kurzarbeit schicken. Zumindest gibt es für die Oberammergauer Wirte eine Perspektive: das Jahr 2022. „Wenn alles gut läuft“, sagt der 51-Jährige, „gibt es dann einen gewissen Ausgleich.“

Überhaupt sind die meisten Oberammergauer froh, dass es schon 2022 und nicht erst 2030 weitergeht. „Ich glaub’ auch, dass die Zeit schneller vergeht, wie man denkt“, sagt Sophie Schuster, die wie alle Darsteller ihre Rolle behalten darf. „Nächsten Aschermittwoch ist schon der nächste Haar- und Barterlass. Und das ist ja schon der erste Schritt, wo man weiß: Jetzt geht’s dann bald los.“

Für andere jedoch sind zwei Jahre eine sehr lange Zeit. An dem Tag, an dem er schließlich die Fotoaufnahmen abgebrochen hat, erzählt Christian Stückl, sei eine 85-jährige Frau auf ihn zugekommen und habe gesagt: „Dank schön für die schöne Zeit noch, aber die nächste Passion werde ich jetzt nimmer schaffen. Schad.“

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■ Das neuartige Coronavirus trägt die offizielle Bezeichnung SARS-CoV-2. Es ruft die Krankheit mit dem offiziellen Namen Covid-19 hervor. Der Virus ist von Mensch zu Mensch übertragbar.

Ab Januar 2020 hatte sich das Virus von der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei her ausgebreitet – inzwischen weltweit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus am 11. März 2020 zur Pandemie erklärt, also zu einer weltweiten Epidemie.

Alle Artikel der taz zum Thema finden sich im Schwerpunkt Coronavirus.

Eine Pandemie ist eine weltweite Epidemie, also regional nicht begrenzt. Bei einer Pandemie überträgt sich ein neuartiger Virus von Mensch zu Mensch.

■ Da es keine Grundimmunität gibt, keine spezifischen Medikamente und keine Impfung, führt das zu einer hohen Zahl an teils schweren Erkrankungen und Toten. Dies kann unter anderem zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, wie es beispielsweise in Italien bereits regional zu beobachten war. Deshalb ist das Ziel, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken.

Auf eine weitreichende Beschränkungen sozialer Kontakte haben sich am 22. März 2020 die Bundeskanzlerin und Regierungschefs der Länder geeinigt. Damit soll der Anstieg der Fallzahlen verlangsamt und eine Überlastung des Gesundheitssystems möglichst verhindert werden. Im April sowie Anfang Mai beschlossen Kanzlerin und Länderchefs dann schrittweise Lockerungen: Die Kontaktbeschränkungen bleiben grundsätzlich bis zum 5. Juni bestehen. Details regeln weiterhin die Länder. Im Fall regionaler schneller Anstiege der Infektionszahlen sollen die Behörden vor Ort sofort mit neuen Beschränkungen reagieren.

■ Einen Abstand von mindestens 1,5 Metern soll man weiterhin draußen zu allen anderen Menschen außer der Begleitung einhalten.

■ Ein Mund-Nasen-Schutz muss in ganz Deutschland beim Einkaufen und im Öffentlichen Personennahverkehr getragen werden.

■ Seit Anfang Mai gilt: Angehörige zweier Haushalte dürfen sich grundsätzlich treffen – beispielsweise also zwei Familien oder zwei Wohngemeinschaften. In einzelnen Bundesländern gibt es darüberhinaus Spezialregelungen.

Schulen und Vorschulen sollen unter Auflagen noch vor dem Sommer wieder für alle Kinder öffnen.

■ In Kliniken und Pflegeeinrichtungen sollen die Regeln gelockert werden: PatientInnen oder BewohnerInnen sollen wieder durch eine bestimmte Person besucht werden können.

Alle Geschäfte in Deutschland dürfen unter Auflagen wieder öffnen – ohne Quadratmeterbegrenzung der Verkaufsfläche.

Im Sport soll das Training unter freiem Himmel wieder erlaubt sein. Freizeitsportler müssen sich aber an bestimmte Auflagen halten. So muss eine Distanz von mindestens 1,5 Metern gewährleistet sein.

Die Fußball-Bundesliga darf die Saison ab Mitte Mai mit Geisterspielen fortsetzen – zumindest die erste und zweite Liga der Männer. Die Fußballbundesliga der Frauen bleibt hingegen zunächst ausgesetzt. Vor Publikum werden in dieser Saison in jedem Fall keine Spiele mehr stattfinden.

Großveranstaltungen bleiben bis zum 31. August verboten. Was alles unter „Großveranstaltung“ fällt, wird noch geklärt.

Bei Restaurants sollen die Bundesländer eine schrittweise Öffnungen selbst regeln. Auch für Kinos, Theater, Hotels oder Kosmetikstudios sollen die Ländern Lockerungen eigenständig verantworten.

■ Spielplätze sollen unter Auflagen wieder öffnen – darauf einigten sich Kanzlerin und Länderchefs bereits am 30. April.

Gottesdienste und Gebetsversammlungen werden wieder zugelassen – unter besonderen Anforderungen des Infektionsschutzes. Taufen, Beschneidungen und Trauungen sowie Trauergottesdienste sollen im kleinen Kreis möglich sein.

Museen, Ausstellungen, Gedenkstätten, Zoos und botanische Gärten können unter Auflagen wieder öffnen.

Aktuelle Fallzahlen zum Coronavirus in Deutschland veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI).

Eine ausführliche Darstellung der COVID-19-Fälle in Deutschland bis auf Landkreisebene hat das RKI in einem Corona-Dashboard zusammengestellt. Auch gibt es tägliche Situationsberichte heraus.

Internationale Zahlen hat unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer interaktiven Grafik aufbereitet.

■ Ebenso weltweite Fallzahlen stellt die Johns Hopkins University auf einer interaktiven Karte dar.

■ Die Unterschiede bei den Fallzahlen von RKI, WHO und Johns Hopkins University bedeuten nicht, dass die Zahlen falsch sind. Differenzen ergeben sich vielmehr aus Melde-Verzögerungen und unterschiedlichen Quellen: Dem RKI werden die Fallzahlen von den Gesundheitsämtern über das jeweilige Bundesland übermittelt. Es meldet die Zahlen nach einer Prüfung dann weiter an die WHO – so kommt es zu Verzögerungen. Die Daten der Johns Hopkins University kommen nach eigenen Angaben aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Quellen und können daher von jenen Zahlen von RKI und WHO abweichen.

Eine Erkrankung an Covid-19 nach einer Infektion mit dem Coronavirus äußert sich laut Bundesgesundheitsministerium durch grippeähnliche Symptome, wie trockenem Husten, Fieber, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch über Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Durchfall sowie Schüttelfrost sei berichtet worden.

Die Inkubationszeit beträgt nach aktuellen Erkenntnissen wohl bis zu 14 Tage: Das heißt, dass es nach einer Ansteckung bis zu zwei Wochen dauern kann, bis Symptome auftreten.

■ Wichtig: Infizierte können den Virus schon übertragen, wenn sie selbst noch keine Symptome bemerken.

Der Coronavirus wird vor allem mit einer Tröpcheninfektion übertragen. Laut Robert-Koch-Institut sind theoretisch auch eine Schmierinfektion (über kontaminierte Oberflächen) und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Nach bisherigen Erkenntnissen verlaufen mehr als 80 Prozent der Erkrankungen vergleichsweise mild. Wer meint, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sollte unbedingt

zu Hause bleiben und zum Telefon greifen. Dann entweder

■ beim Hausarzt anrufen

oder beim

■ Ärztlichen Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117.

Telefonisch gibt es zudem noch weitere Stellen für Informationen:

■ Die Unabhängige Patientenberatung ist zu erreichen unter: ☎ 0800 – 011 77 22

Ein Bürgertelefon hat das Bundesgesundheitsministerium eingerichtet unter: ☎ 030 – 346 465 100

Für Gehörlose und Hörgeschädigte ist ein Beratungsservice des Gesundheitsministeriums per Fax zu erreichen: ☎ 030 – 340 60 66 07, sowie per Mail unter info.deaf@bmg.bund(dot)de und info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Ein Gebärdentelefon mit Videotelefonie findet sich unter: www.gebaerdentelefon.de/bmg/

Die aktuellen Risikogebiete für Ansteckungen hat das Robert-Koch-Institut bis zum 10. April 2020 veröffentlicht. Mittlerweile hat sich Covid-19 weltweit ausgebreitet. Ein Übertragungsrisiko bestehe daher „sowohl in Deutschland als in einer unübersehbaren Anzahl von Regionen weltweit“, schreibt das RKI.

Für Reisende gibt es weitere Informationen zu Covid-19 und Reisewarnungen beim Auswärtigen Amt.

■ Zum Infektionsschutz gibt es auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Anleitungen zum richtigen Händewaschen, zu den angemessenen Regeln beim Niesen sowie auch Merkblätter zu allgemeinen Hygiene- und Verhaltensregeln.

■ Niesen oder Husten soll man möglichst in die eigene Armbeuge und versuchen, sich seltener ins Gesicht zu fassen.

Händwaschen sollte man regelmäßig und zwar mindestens 20 Sekunden mit Wasser und Seife.

■ Reduzieren sollte man den Kontakt zu anderen Menschen derzeit so stark wie möglich, empfiehlt die BGzA. Wenn man doch in der Öffentlichkeit unterwegs ist, soll man möglichst einen Abstand von zwei Metern zu anderen Menschen einhalten.

■ Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) gilt bundesweit einheitlich und bisher richten sich die Maßnahmen der Behörden nach diesem Gesetz, schreibt unser rechtspolitischer Korrespondent Christian Rath in seinem Überblick zur Rechtslage.

■ Die Katastrophenschutzgesetze der Länder sind anwendbar, sofern sich die Lage zur Katastrophe zuspitzen sollte.

■ Die Bundeswehr kann im Rahmen der Amtshilfe heute schon tätig werden, etwa im Sanitätsbereich oder zur logistischen Unterstützung. Im Extremfall kann sie auch im Inland eingesetzt werden, um (gemeinsam mit der Polizei) die öffentliche Ordnung zu bewahren oder wiederherzustellen, etwa wenn geplündert wird oder Krankenhäuser belagert werden.

■ In den „Notstandsgesetzen“ ist das geregelt, zu denen die Artikeln 35, 87a und 91 des Grundgesetzes zählen. Die „Notstandsgesetze“ wurden 1968 gegen den Widerstand der Außerparlamentarischen Opposition (APO) beschlossen.

■ Gerüchte, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über das Coronavirus kursieren derzeit viele.

■ Aufklärung über viele Corona-Falschmeldungen bietet unter anderem der Verein Mimikama.at.

■ Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in englischer Sprache eine eigene Seite zur Aufklärung von Mythen über den Coronavirus veröffentlicht.

■ Zu den häufigsten Fragen hat das Robert-Koch-Institut ein FAQ zu Corona veröffentlicht.

■ Weitere Fachinformationen finden sich ebenso auch auf einer Überblicksseite des Robert-Koch-Instituts.

■ Verhaltens- und Hygienetipps und ebenso in einem FAQ die häufigsten Fragen beantwortet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Corona-Übersicht auf infektionsschutz.de.

■ Umfassend informieren kann man sich auch beim Bundesgesundheitsministerium.

■ Eine weltweite Übersicht bietet die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Bundesweite Telefonnummern im Überblick:

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117

Unabhängige Patientenberatung: ☎ 0800 011 77 22

■ Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums: 030 346 465 100

Beratungsservice für Gehörlose und Hörgeschädigte: Fax: 030 / 340 60 66 – 07 sowie per Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de / info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Gebärdentelefon (Videotelefonie): www.gebaerdentelefon.de/bmg

■ Bei Sorgen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar unter: 116 123 sowie 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222.

■ Infos über Corona auf Türkisch hat die taz in ihrem Text „Koronavirüs Almanya'da“ zusammengestellt.

■ In weiteren Sprachen sammelt die taz Info-Texte under taz.de/coronainfo

■ Hygiene-Infos in weiteren Sprachen bietet die BZgA in Hygiene-Merkblättern unter anderem auf Türkisch “Viral enfeksiyonlar – hijyen korur!“ (PDF) sowie auf Englisch “Viral infections – hygiene works!“ (PDF)

Leichte Sprache: Informationen zum Coronavirus in Leichter Sprache stellt das Bundesgesundheitsministerium zur Verfügung.

Gebärdensprache: Das Bundesgesundheitsministerium beantwortet Fragen mittels Videotelefonie und ist dafür über ihr Gebärdentelefon zu erreichen. Dazu gibt es hier noch mehr Infos. Das Gebärdentelefon ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 12 Uhr erreichbar. Ebenso möglich sind Fragen per Fax: 030 / 340 60 66 – 07 oder per E-Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de oder info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de.

■ Weitere Sprachen: Kurze Info-Flyer der Johanniter auf Englisch (PDF), Dari (PDF), Arabisch (PDF), Farsi (PDF), Türkisch (PDF), Russisch (PDF), Italienisch (PDF) und Französisch (PDF) hat der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bereitgestellt.

International: Informationen zum Coronavirus in verschiedenen Sprachen stellt zudem die Weltgesundheitsorganisation WHO bereit.

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