Obdachlosigkeit in Berlin: Heiß benötigte Hilfe

Das Aktionsbündnis „Solidarisches Kreuzberg“ sorgt dafür, dass Obdachlosen heißes Wasser zur Verfügung steht. Es gibt Anlaufstellen an 64 Orten.

Eine gelbe Pumpkanne steht in einem grauen Kasten. Auf der Kanne steht in schwarzer Schrift "Auffüllort für heißes Wasser" und mit roter Schrift "Kostenlos". Im Hintergrund sieht man einen Zaun und Schnee.

Wasser ist ein Menschenrecht – trotzdem ist es für Obdachlose schwierig, es zu bekommen Foto: Wolfgang Borrs

BERLIN taz | Lisa Cato (37) steht am Südstern neben einem Gabenzaun, an dem unter anderem Hygienepakete mit Desinfektionsmitteln und Toilettenpapier hängen. Die Pakete können von Obdachlosen und anderen Bedürftigen mitgenommen werden. Am Zaun sind auch Essenpakete und eine große Pumpthermoskanne aufgestellt, aus der sich je­de:r heißes Wasser nehmen kann.

Die Kreuzbergerin hat auch vor der eigenen Haustür eine solche „Auffüllstation“ eingerichtet, an der es heißes Wasser gibt. In der Kanne fehle etwa eine Tasse pro Tag, erzählt sie. Nur einmal habe sie bisher gesehen, wie sich jemand dort seine Thermoskanne aufgefüllt habe: „Er hat sich bedankt, dass es die Heißwasseraktion gibt.“

Die Kannen sind Teil einer Aktion des Bündnisses Solidarisches Kreuzberg, das sich Ende vergangenen Jahres gründete, um Obdachlose zu unterstützen. Es besteht aus 14 Initiativen, darunter die Berliner Obdachlosenhilfe (BOH), die Begegnungsinitiativen Nachbarschaftshaus Urbanstraße und Kotti e. V. und die Stra­ßen­so­zi­al­ar­bei­te­r:in­nen von Gangway.

Das Bündnis teilt auch Schlafsäcke aus und kümmert sich um die Gabenzäune, an denen Essen, Kleidung und Hygieneartikel hängen. Mitbegründerin Bahar Sanli sagt: „Jede Aktion, die wir durchführen, ist im Grunde auch ein politisches Statement.“

auffuellorte.wordpress.com listet alle 64 Adressen auf, an denen Thermoskannen mit heißem Wasser stehen.

Dazu gehören das Restaurant Guru (Körtestraße 30, 10967 Berlin, täglich 11 bis 23 Uhr), das Mehrgenerationenhaus an der Gneisenaustraße 12 (10961 Berlin, täglich 10 bis 17 Uhr), das Teehaus Sumak (Oppelner Straße 9, 10997, täglich 9 bis 20 Uhr) und das Lastenradkollektiv Crow (Neuenburger Straße 23a, 10969, montags bis freitags 9 bis 18 Uhr).

Cafés und Nachbarschafts­läden in anderen Stadtteilen beteiligen sich ebenfalls an der Aktion. In Neukölln gibt es unter anderem eine Auffüll­station im Restaurant Broschek (Weich­selstr. 6, 12043 Berlin, dienstags und mittwochs 12 bis 17 Uhr). Auch in Friedrichshain, Mitte und Prenzlauer Berg gibt es mittlerweile Auffüllstationen. (taz)

Das Bündnis ist eine Art Notlösung

Denn, und das zu betonen ist Sanli wichtig: Das Bündnis betrachte sich als eine Art Notlösung. Es will solange existieren, bis auf politischer Ebene Strukturen geschaffen sind, um Obdachlose ausreichend versorgen zu können. Gerade im Lockdown sei das dringend nötig, sagt Sanli. „Der Zugang zu Wasser ist kaum vorhanden. Kreative Lösungen sind gefragt. Wir versuchen, abzufedern, was die Politik versäumt hat.“

Und das scheint zu funktio­nieren: Im Dezember gab es 33 Orte, an denen Pumpkannen aufgestellt waren – im Februar sind es bereits 64 soziale Einrichtungen, Cafés, Privatpersonen und Geschäfte, die sogenannte Auffüllorte eingerichtet haben. Auch Nachbarschafts­kooperationen haben sich gebildet. Die große Pumpkanne etwa, die an dem Gabenzaun am Südstern steht, füllen ­Nach­ba­r:in­nen im Wechsel nach.

Damit die Obdachlosen auch Behältnisse haben, in die sie das heiße Wasser füllen können, hat das Bündnis bei einer Eröffnungsaktion im Dezember am Kottbusser Tor 600 Thermoskannen ausgeteilt.

Die Aktion fand an dem Ort, an dem sich viele Obdachlose treffen, großen Zuspruch. Etwa 30 Personen haben sich dort im Dezember zu der Eröffnungsaktion eingefunden, Freiwillige der Berliner Obdachlosenhilfe schenken Tee, Kaffee und Suppe aus und verteilen dabei die Thermoskannen.

Auch Lisa Cato ist dabei. Sie steigt mit ihren langen Winterstiefeln über eine Bierbank am Kottbusser Tor und geht zielstrebig auf zwei Frauen zu, die sich angeregt unterhalten. „Möchten Sie eine Thermoskanne? Hier ist auch eine Liste mit allen Orten, an denen Sie Ihre Kanne mit heißem Wasser auffüllen können“, sagt sie. Die beiden Frauen schauen zu Cato, greifen nach den Thermoskannen und lächeln: „Klar!“

Sie sind begeistert: „Das kann man darin warm halten, das ist ja toll.“ – „Ich bin ein Teetrinker. Ich habe noch zwei Kamillentee, dazu nehme ich Zucker.“ – „Du trinkst Tee?“, fragt die eine Person und hält eine rosafarbene Verpackung hoch: „Ich habe noch diesen, kennst du den? Ich gebe dir einen Beutel, der ist geil.“

Wasser ist ein Menschenrecht

Bereits im Jahr 2010 haben die Vereinten Nationen in einer Generalversammlung „das Recht auf einwandfreies und sauberes Trinkwasser und Sanitärversorgung als ein Menschenrecht“ anerkannt, das heißt, dass Trinkwasser sauber, einwandfrei, zugänglich und bezahlbar sein sollte. Zwar ist dieser Beschluss nicht bindend, aber auch die Bundesrepublik stimmte zu.

Zurzeit wird in Berlin viel über die grundlegende Versorgung von Obdachlosen diskutiert. Welche Schlafplätze stehen ihnen in der Stadt zu Verfügung? Sollte man in Pandemiezeiten Hostels für die Unterbringung Obdachloser nutzen? Wo gibt es Gabenzäune für Klamotten und Essen? Für all das gibt es Lösungswege und Ideen, doch ein ebenso wichtiges Thema scheint dabei unterzugehen: das Wasser. Die Hemmschwelle für Obdachlose ist groß: Wo kann man in Zeiten des Lockdowns nach Wasser fragen?

Cato erklärt, dass es deshalb Sticker der Aktion gibt: „Die können sich die Cafés und Restaurants in die Fensterscheiben kleben, damit man als obdachloser Mensch keine Angst haben muss, abgewiesen zu werden, wenn man nach Wasser fragt“, sagt sie.

Heißes Wasser für Tütensuppe

Auch Matze, ein ehemals Obdachloser, findet die Aktion gut. Er kommt mittwochs öfter zur Suppenküche am Kottbusser Tor, um sich mit heißem Tee und warmem Essen zu stärken. Auch im Dezember, als Cato die letzten Thermoskannen verteilte, steht er dort und holt sich Essen. Er trägt ein Käppi, auf dem „Just Chill“ steht, und ein Piercing an der Augenbraue.

„Im Moment habe ich einen Wohnheimplatz, das Jobcenter bezahlt das“, sagte er. „Tagsüber sammle ich Pfandflaschen.“ Ihn interessiert vor allem die Wohnungspolitik Berlins: „Wenn ich tagsüber unterwegs bin, sehe ich, was leer steht. Vor allem in Ostberlin.“ Doch die Politik tue zu wenig, vor allem Tagesaufenthalte seien zu rar. „Es ist so scheiße, wenn man morgens rausmuss.“

Während Matze spricht, sieht er geradeaus und hält seinen Plastikteller mit Essen der Suppenküche in der Hand. Wenn ihm das Gesagte wichtig zu sein scheint, nickt er schnell. Außer an Wohnpolitik ist Matze auch an der Verpflegung von Obdachlosen interessiert.

Er lobt eine Ini­tia­tive am Hermannplatz: „Von Donnerstag bis Sonntag gibt es dort warmes Essen und belegte Brote. Das ist eine private Initiative, die machen geile Sachen.“ Auch die Thermoskannen-Aktion des Bündnisses Solidarisches Kreuzberg findet Matze gut, er nickt schnell: „Gerade um mir tagsüber eine Tütensuppe aufzuwärmen, ist das gut.“

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