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Notizen zum Kleist-JahrDer Appetit kommt beim Essen

Von der Erregung des Gemüths und warum die Gedanken sich immer noch allmählich verfertigen.

Es war mitten im Studium und in einer Zeit, da es beim Lesen noch darauf ankam, ziemlich alles bedeutsam zu finden und zu unterstreichen. Nun ist es aber gerade bei diesem kleinen Kleist-Text nicht so. Der Bleistift wurde eher zurückhaltend eingesetzt, am Rand von "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" findet sich lediglich die Notiz: "Hermeneutischer Zirkel". Hört sich interessant an.

Warum ich das Anfang der Achtzigerjahre vermerkte, ist mir heute allerdings ein Rätsel. Man notierte ja einiges, von dem man überzeugt war, seine Bedeutsamkeit werde sich schon noch einstellen. Heinrich von Kleist jedenfalls, das wusste ich damals noch nicht, schrieb "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" in Königsberg, gegen 1805, spätestens 1806 und im Umfeld von "Der Zerbrochne Krug" und des "Amphitryon".

Dass man in diesen fünf bis sechs Seiten die Andeutung einer Kleist'schen Poetologie sehen kann, interessierte mich damals nicht, ging es doch um nicht weniger als dieses Gefühl der Befreiung. Endlich war es mal gesagt worden. Da stand es schwarz auf weiß: "Ich glaube, daß mancher großer Redner in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was er sagen würde. Aber die Überzeugung, daß er die ihm nöthige Gedankenfülle schon aus den Umständen und der daraus resultirenden Erregung seines Gemüths schöpfen würde, machte ihn dreist genug, den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen." Solche Sätze fraßen sich wie ein Wurm ins Gemüt. Es war allerdings ein zweischneidiges Erlebnis.

Okay, da war dieser Kleist'sche Aufruf zur Dreistigkeit, der es möglich machte, mit gutem Gewissen einfach mal loszureden und vor allem: loszuschreiben und zu hoffen, irgendwann stelle sich das Verb schon noch ein, auf das der Schachtelsatz doch sicherlich zusteuerte. Nicht selten war es aber gerade damals so, dass der Stein des Anstoßes keine Idee, sondern ein Affekt war, und das Verb zeigte sich auch am Ende doch nicht.

JÜRGEN BERGER

ist Theater- und Literaturkritiker.

Ich konnte also, ohne einen Gedanken zu verschwenden, nachvollziehen, was Kleist auch für sich selbst erhoffte, als er schrieb, der Redner werde hoffentlich ja schon irgendwann die "nöthige Gedankenfülle" aus der "Erregung seines Gemüths schöpfen".

Was stand da? War es nicht das geradezu skandalöse Eingeständnis, jede Kommunikation sei letztlich ein Monologisieren, dem nur die Hoffnung auf Sinn innewohnt. Stand da tatsächlich, es gehe beim Reden eben nicht um ein auf das gegenseitige Argument aufbauendes Gespräch, und wurde da nicht von einer in der eigenen Fantasie und Gedankenwelt haftenden Monade gesprochen.

Es war und ist auch heute noch eine prickelnde wie gruselige Vorstellung, die in den 70er Jahren so allseits beschworene diskursive Kompetenz, die wir doch bitte mal an Tag legen sollten, sei eine Schimäre und der lebendige Dialog nur ein Vorgang, in dessen Verlauf ein Redner sich ein Gegenüber schnappt, um es wie Lackmuspapier in die eigene ungeordnete Gedankenwelt zu tauchen.

Am Ende von Kleists kleinem Aufsatz steht übrigens noch dieses "Die Fortsetzung folgt". Das sollte dann doch nicht sein, also ist die "allmähliche Verfertigung" sich treu geblieben und bis heute ein immer weiter gewendeter Gedanke, der je nach Gemütslage einen inneren Dialog anstößt und bestrebt ist, "dem Anfang nun auch - ein Ende zu finden". Und, ach ja: Zum ersten Mal gelesen habe ich das in "Kleists Werke - In einem Band". Der schwarze Kloben lag auf einem Ramschtisch und kostete 13,80 anstatt 26,50 Mark. Was wollte man mehr, immerhin war es billig und einigermaßen vollständig.

2011 ist Kleist-Jahr. Am 21. November 1811 hat der Dichter sich erschossen. Wir drucken, immer am 21. eines Monats, Notizen zu Leben und Werk dieses seltsamsten deutschen Klassikers.

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