Nobelpreis für Literatur: Interessant erwischt

Man hätte Abdulrazak Gurnah auch kennen können. Denn der Autor verhandelt postkoloniale Fragen, die derzeit auch hier vehement diskutiert werden.

Gebrauchte Bücher von Abdulrazak Gurnah werden präsentiert

Ausstellung seiner Bücher bei der Verkündung des Nobelpreises für Literatur in Stockholm Foto: Fredrik Sandberg/picture alliance

Überraschung also. Schon wieder. Jetzt hat die Schwedische Akademie in Stockholm, die die Nobelpreise für Literatur vergibt, zum zweiten Mal in Folge auch viele eingefleischte Li­te­ra­tur­ex­per­t*in­nen in Deutschland auf dem falschen Fuß erwischt. Im vergangenen Jahr hat sie in Louise Glück eine Lyrikerin ausgezeichnet, die hierzulande wenig gelesen wird – die in den USA allerdings eine sehr wichtige Rolle in den literarischen Debatten spielt. Dieses Jahr sind im Vorfeld Namen wie Annie Ernaux, Margaret Atwood oder Ngũgĩ wa Thiong’o erwartet worden. Doch die Akademie hat Abdulrazak Gurnah ausgezeichnet, einen Autor also, den – es fällt einem kein Zacken aus der Krone, wenn man das zugibt – auch Literaturredakteure wie ich bislang nicht kannten.

Doch sobald man sich nur ein bisschen informiert, stellt man fest, dass das Nichtkennen tatsächlich ein Defizit ist, ein selbstverschuldetes noch dazu. Denn man hätte Abdulrazak Gurnah kennen können. Man braucht nur zu googeln und herumzutelefonieren, sich über soziale Medien Hinweise zuspielen zu lassen, wo Aufschlussreiches über diesen Autor steht, und erkennt, dass es hier einen interessanten Autor zu entdecken gibt – zumal im Bereich des Postkolonialen, der in Deutschland derzeit breit diskutiert wird, Stichwort Humboldt-Forum. Es brauchte erst die Schwedische Akademie und den Nobelpreis, um einen darauf zu stoßen.

Was sagt einem das, über die Tatsache hinaus, dass es nun ein paar Romane nachzuholen gibt, seien es die bislang ins Deutsche übersetzten, seien es die noch nicht übersetzten englischsprachigen Bücher, die nun sicherlich bald auch einen deutschen Verlag finden werden? Es sagt einem zum Beispiel, dass der deutschsprachige Literaturbetrieb keineswegs der Nabel der Welt ist. Man weiß das natürlich irgendwie. Man vergisst es aber auch immer wieder, etwa dann, wenn man den Nobelpreis daran messen würde, inwieweit er einem die Autorinnen und Autoren, die man sowieso schon kennt, nur zurückspiegelt.

Und die Entscheidung ist auch ein starkes Indiz dafür, dass die Zeiten, in denen die Nobelpreisträger immer auch als nationale Repräsentanten gelesen wurden, endgültig vorbei sind. Anerkennung für die jeweilige nationale Literatur mag ganz schön sein – und die deutschsprachige Literaturwelt hat in der Geschichte des Nobelpreises einige Anerkennung erfahren. Aber viel interessanter und herausfordernder ist es doch, darauf hingewiesen zu werden, wie breit und themenstark die internationale Debatte über Literatur ist. So, wie es das Nobelpreiskomitee mit dem Preisträger dieses Jahres tut.

Vom Literaturnobelpreis hieß es in den vergangenen Jahren, er sei in der Krise. Die aktuellen Entscheidungen deuten allerdings eher darauf hin, dass er sich interessant neu aufstellt.

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Dirk Knipphals, Jahrgang 1963, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Kiel und Hamburg. Seit 1991 Arbeit als Journalist, seit 1999 Literaturredakteur der taz. Autor des Sachbuchs "Kunst der Bruchlandung. Warum Lebenskrisen unverzichtbar sind" und des Romans "Der Wellenreiter" (beide Rowohlt.Berlin).

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