Nibelungen als trashiger Kostümball

Im Glitzerschuh aus Rheingold

Heldenepos in Hamburg: Clemens Sienknecht und Barbara Bürk bringen „Die Nibelungen“ auf die Schauspielhaus-Bühne.

Vier Schauspieler sitzen in trashigen Kostümen auf Stühlen auf einer Bühne

Die „Nibelungen“ als Trash – aber mit großer Ernsthaftigkeit auf die Bühne gebracht Foto: Matthias Horn

HAMBURG taz | Routiniert und schnoddrig begrüßt er seine Hörer und lädt sie ein zu „24 Stunden Nibelungen nonstop“: „Willkommen bei Radio Walhalla, hier gibt es Super-Hits, geile Musik, ich bin Euer DJ Wotan und wir mögen es deutsch“. DJ Wotan sitzt in seinem in die Jahre gekommenen Studio und verbreitet schrecklich gute Laune. Tatsächlich sind seine Hörer die Zuschauer im Hamburger Schauspielhaus. Und tatsächlich dauert die Nibelungen-Aufführung nicht 24 Stunden, sondern, wie im Programmzettel angekündigt, „mindestens 100 Minuten, aber nicht länger als 119 Minuten, bestimmt keine Pause“.

Hier werden „Die Nibelungen“ aufgeführt, „allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“. So wie bereits bei den vorangegangenen Abenden „Effi Briest“ aus dem Jahre 2015 und „Anna Karenina“ von 2017, die Clemens Sien­knecht und Barbara Bürk in Hamburg auf die Bühne gebracht haben. „Effi Briest“ wurde mit dem Rolf-Mares-Preis ausgezeichnet und 2016 zum Theatertreffen eingeladen. Mittlerweile sind beide Inszenierungen längst Kult geworden und ausgezogen aus ihrem Erstaufführungsort, dem kleinen, überschaubaren, dauernd ausverkauften Malersaal auf die große Bühne des Theaters.

„Je berühmter die Vorlage, desto einfacher ist es, die Erwartungen der Zuschauer zu unterwandern“, hat Clemens Sienknecht mal in einem Interview gesagt – und dieser Satz klingt aus seinem Mund wie ein schmunzelndes Versprechen für kluge Unterhaltung. Die dritte Folge der Radioshow-Reihe wurde also gleich fürs große Haus inszeniert. Man erhofft eine Fortsetzung des Erfolgs, zahlreiche Zuschauer und großartiges Entertainment: zu Recht.

In der Umsetzung des mittelalterlichen Heldenepos begegnen sich dann erneut Feinsinn und Witz, Ernst und Ironie, Musik und Trash, Raumanzüge und Perücken, Geschichte und Gegenwart. Großzügig umreißen Sienknecht/Bürk die Aventuren der Sage, stellen zentrale Szenen heraus, besingen Liebe, Betrug und Rache, mixen dafür die Spice Girls mit Sinéad O’Connor, Shaggy, Queen, Snap!, Sister Sledge und Bruce Springsteen.

Siggy Stargast auf den Knien

Durch eine ausgefuchste Playlist wird der Heldenepos über Krieger und Spielleute, Königinnen und Jungfrauen, über Drachen, Zwerge und einen fluchbeladenen Schatz, der im Rhein versenkt wird, wiederbelebt und neu erzählt. Und zwar von sieben absolut grandiosen Performern: Lina Beckmann, Yorck Dippe, Ute Hannig, Markus John, Friedrich Paravicini, Clemens Sienknecht und Michael Wittenborn.

Mit großer Ernsthaftigkeit tragen sie die vermutlich trashigsten Kostüme der Welt, meinen in Trainingsanzügen aus den 1970er-Jahren eine neue Star-Trek-Ära erwecken zu können und mit festsitzenden Föhnwellen oder grausam krausen Dauerwellen ihren Coolness-Faktor zu erhöhen. Was gelingt!

Die (theatrale) Behauptung ist der eigentliche Hauptdarsteller dieses herrlichen Abends – flankiert von der hohen Musikalität der Darsteller, einem feinen Blick für Situationen, grandiosen Sound-Untermalungen und einem genauen Umgang mit dem Stoff und seiner Rezeptionsgeschichte.

Da wird kein einziges Wort bedeutungslos verplappert, da ist jeder Werbe-Jingle, den DJ Wotan einspielt, ein Hinweis auf Hebbel oder Worms, sind radiointerne Programmankündigungen kleine Seitenhiebe auf die Historie. Da wird mit Hingabe auf Mittelhochdeutsch rezitiert, natürlich auch mit Schwertern gekämpft, und da wird die zunächst wild fauchende Brunhilde betrogen und gezähmt. Da wird Wagner eingespielt und die Zeit auch mal zehn Jahre nach vorn gespult. Sonst würde die Aufführung vermutlich wirklich 24 Stunden dauern.

Clemens Sienknecht selbst spielt den Helden Siegfried, als „Siggy Stargast“ mit silbernen Glitzerschuhen. Ein zart gebauter Alleskönner und Alle­besieger ist er, der im Drachenblut gebadet hat, dessen Tarnkappe nur ein lächerliches, selbst gehäkeltes, rotes Mützchen ist, doch dessen Song-Repertoire unendlich scheint – was ihn aus jedem Wettstreit als Sieger hervorgehen lässt. Seine Kriemhild erobert er im lässigen Knietanz, während Yorck Dippe als Gunther seine Ehe mit der eisigen Brunhilde unfassbar komisch und herzzerreißend heulsingend beweint.

Nächste Aufführungen: Sa, 5.10 + Sa, 12.10., 20 Uhr. Weitere Termine bis 11. Januar 2020. Infos und Karten: Deutsches Schauspielhaus

Wunderbar sinnfreie Choreografien – meist jenseits der Schamgrenze – wechseln sich ab mit andachtsvollen Szenen, in denen sich die Darsteller um einen historischen Plattenteller kuscheln. Knisternd, rauschend und mit Kratzern werden manche Teile der Sage hier erzählt. Kurz wird es richtig weihevoll (Stimme: Michael Prelle). Nur damit gleich darauf alle wieder einen Hit von Kool & the Gang mit neuem Text versehen können: „Nibelungen, if you really want it“ – Yeah!

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