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Neues Kunstwerk am Humboldt ForumIn der kolonialen Wunde bohren

Mit dem letzten Kunst-am-Bau-Projekt schließt das Humboldt Forum seinen Umbau ab. Der Südpfeil von Jürgen Mayer H. soll den eurozentrischen Blick irritieren.

Kunst am Bau: Der Südpfeil von Jürgen Mayer H. an der Nordostfassade des Humboldt Forums Foto: David von Becker/Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss

Ein Storch fliegt 1822 nach dem Winter zurück nach Norddeutschland. In seinem Hals steckt ein afrikanischer Pfeil. Trotzdem überlebt der Vogel die lange Reise.

Die Entdeckung dieses sogenannten Pfeilstorches sei ein Wendepunkt gewesen, erzählt der Architekt und Künstler Jürgen Mayer H. am Mittwoch vor dem Humboldt Forum. „Denn erstmals konnte die Migration von Vögeln nachvollzogen werden.“ Zuvor habe es lediglich Vermutungen gegeben, wohin Vögel im Winter verschwinden: „Vielleicht verwandeln sie sich in Fische und kommen als Vögel zurück. Vielleicht überwintern sie in Baumhöhlen.“

Heute, mehr als 200 Jahre später, ragt ein solcher „Pfeilstorchpfeil“ als fast vier Meter langes, bronzenes Kunstwerk aus der Nordwand des Humboldt Forums. Der Pfeil soll nicht nur bloßer Schmuck neben der barocken Fassade sein. „Auf den ersten Blick erscheint dieser Pfeil wie ein Fremdkörper, ein abstraktes Zeichen, das in der steinernen Fassade steckt“, erklärt Mayer H. bei der Präsentation. „Doch genau diese Irritation ist entscheidend.“

Für das Projekt am Nordgiebel des Humboldt Forums sollten sich Künst­le­r:in­nen mit der Architektur und Programmatik des Hauses auseinandersetzen. Unter 130 Einreichungen gewann der „Südpfeil“ von Mayer H. Laut Jury ist er eine sichtbare Wunde an dem Übergang zwischen der rekonstruierten Barockfassade und dem modernen Betonbau von Franco Stella.

Das Motiv soll eine Provokation an einem Ort sein, der wie kaum ein anderer in Deutschland um den Umgang mit seinem Erbe ringt. Während Karten üblicherweise genordet sind, zeigt dieser Pfeil demonstrativ nach Süden: um den Blick wegzulenken von der eurozentrischen Sichtweise. Stattdessen soll auf die Herkunftsorte der Sammlungen im Inneren und die gewaltvollen Spuren gedeutet werden, die die europäische Kolonialisierung auf dem afrikanischen Kontinent hinterlassen hat. Mayer H. versteht seinen Pfeil als „Akupunktur“, als „präzisen Impuls im Zentrum einer vielschichtigen Debatte“.

Jürgen Mayer H. (links) und Hartmut Dorgerloh vor dem Südpfeil Foto: David von Becker/Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss

Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt Forums, findet, dass das Werk „bewusst irritiert“. Es sei eine Aufforderung, nicht bei der schönen Fassade stehenzubleiben, sondern hineinzugehen und sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen.

Vergebene Chancen

Es ist die achte und letzte künstlerische Intervention im Rahmen des Umbaus des Humboldt Forums. Die anderen sieben Projekte wurden bereits umgesetzt: Eine Installation aus 66 Uhren verweist auf die Zeit vor einheitlichen Zeitzonen 1884, ein Wandbild von Mexiko-Stadt in Blattgold thematisiert Alexander von Humboldts Reisen sowie Rohstoff- und Machtverhältnisse.

Tiefere Verbindungen zum globalen Süden habe er nicht, räumt Mayer H. ein. Damit ist er nicht allein: Ein Blick auf die Geburtsorte der weiteren für die Interventionen engagierten Künstler – Braunschweig, Heiligendorf, Münster, Saarlouis, Würselen – macht klar, dass vor allem gebürtige Deutsche sich am Forum verewigen durften.

Es gibt auch einige wenige Ausnahmen: Der in Seoul geborene Künstler Kang Sunkoo setzt sich in einer Bronzeplastik, einer Fahne auf halbmast, kritisch mit der deutschen Kolonialgeschichte auseinander. Emeka Ogboh, ein nigerianischer Künstler, hat koloniale Eingriffe mit einer Klanginstallation reflektiert. Ihre Kunstwerke sind die einzigen von Menschen, die in ehemals kolonisierten Ländern geboren wurden.

Jürgen Mayer H. sieht den Südpfeil als „gemeinsamen Nenner“. Er sei ein Objekt, das fast alle Kulturen auf der Welt kennen. „Wir haben uns für einen abstrakten Pfeil entschieden, fast wie aus einem Design-Manual“, ergänzt er. Der Pfeil solle nicht einer bestimmten Kultur zugehörig sein, sich nicht lokalisieren lassen können. Freudig gibt der Künstler noch bekannt: „Der Südpfeil hat auch schon eine Google-Location.“ Ob die Nachfahren von Menschen, die Opfer der Kolonialisierung waren, dem Pfeil fünf Sterne geben würden, bleibt offen. Spre­che­r:in­nen von betroffenen Communitys waren an diesem Vormittag nicht geladen.

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