Neues Glück für Luis Suárez bei Atlético: Bad Boy zeigt Klasse

Atlético Madrid und Luis Suárez passen bestens zusammen. Der FC Bayern, Gegner am Mittwoch, ist maßgeblich für die Verbindung verantwortlich.

Suaréz liegt bäuchlings auf dem Rasen

Großer Kampfgeist: Luis Suaréz bleibt nie lange am Boden liegen Foto: Miguel Vidal/reuters

MADRID/taz | Sein Haar durchziehen inzwischen schon ein paar graue Strähnen. Luis Suárez ist 33, im Herbst seiner Karriere, und eigentlich hatte er nicht vor, noch mal sein Leben zu ändern. Aber dann kam dieser Abend in Lissabon, ein 2:8 gegen Bayern München, und jetzt schießt er also für Atlético Madrid die Tore, die er immer geschossen hat: ein Stürmer, der Torschützenkönig in drei Ligen war (Holland, England, Spanien); der beim FC Barcelona in nur sechs Jahren zum drittbesten Goalgetter der Vereinsgeschichte avancierte. Und der doch so kalt vom Hof gejagt wurde.

Wenn er heute mit Atlético zum Champions-League-Auftakt beim FC Bayern gastiert, dann tun das auch die Erinnerungen an die infame Nacht. Suárez war fürwahr nicht Barças Schlechtester in Lissabon, er provozierte mit seinem Lauf das Eigentor zum 1:1, sah ein mögliches 2:1 von Manuel Neuer stark pariert und verkürzte exzellent zum zwischenzeitlichen 2:4.

Doch als Barças Welt zusammengebrochen war, hörte er den Präsidenten in die Fernsehkameras sagen, dass jetzt harte Entscheidungen anstünden. Als er danach persönlich wochenlang gar nichts vom Klub hörte, ahnte er: Es würde ihn betreffen. Er konnte davon jeden Tag in der Zeitung lesen, und zum Trainingsstart folgte die Gewissheit – für ihn war kein Spieltrikot mehr übrig.

Dass ein so verdienter Profi zum Sündenbock mutierte, hat eine Vorgeschichte: 2019 hatte er sich vor dem – prompt verlorenen – Pokalfinale einer umstrittenen Knieoperation unterzogen, um in Bestform mit Uruguay die Südamerikameisterschaft zu spielen. Trotzdem verpasste er auch weite Teile der folgenden Saison wegen Knieproblemen. Vor allem aber erklärt sich das Zerwürfnis dieses Sommers über seinen besten Kumpel, Lionel Messi.

Dunkles Image

Mit ihm teilte er Nachbarschaft, die tägliche Fahrt zum Training, die Freundschaften der Frauen und Kinder, endlose Tassen Mate-Tee. Für ihn steckte er jetzt die Schläge ein. Der sakrosankte Kapitän Messi wird im Barça-Kosmos wie von nostalgischen Eltern als das unschuldige, schützenswerte Eigengewächs gesehen. Außerdem braucht man ihn aus Marketinggründen. Wenn er nun kaum noch rannte und im täglichen Umgang den Stinkstiefel gab, musste jemand anders schuld sein. Die nicht zuletzt aus dem Verein lancierte These lautete: Suárez übt schlechten Einfluss aus.

Bei Barça drittbester Goalgetter der Klubgeschichte – und doch kalt vom Hof gejagt

Solche Anschuldigungen spielten subtil mit dem dunklen Image, das ihn nach seinem WM-Biss 2014 gegen Giorgio Chiellini als Teufel des Weltfußballs zeichnete. Barça verpflichtete ihn damals trotzdem für 80 Millionen Euro aus Liverpool – und musste es nicht bereuen. Suárez hat diese Loyalität nie vergessen. Barcelona war sein Sehnsuchtsort seit Teenagertagen, als seine damalige Freundin ­– und heutige Frau – aus Montevideo dorthin gezogen war. Einmal selbst dort angekommen, hatte sich der Kreis geschlossen. Dennoch akzeptierte er nun professionell das Ende seines Zyklus. Als er nach einer Einigung mit Atlético über einen Gratis-Transfer in einer eilig anberaumten Matinee verabschiedet wurde, verzichtete er auf größeres Nachtreten. Der vermeintliche Bad Boy zeigte die Klasse, die andere vermissen ließen. Nur seine Gefühle konnte er nicht verbergen. Suárez schluchzte wie ein Baby.

„Nach tränenreichen Tagen habe ich das Glück wieder gefunden“, bewertet er jetzt das neue Kapitel bei Atlético. Es hätte ihn schlechter treffen können. Für den testosterongeladenen Konterfußball des Trainers Diego Simeone scheint sein kämpferischer Stil wie gemacht. „Einer beißt, einer haut“: so süffisant beschrieb sein gleichfalls rauflustiger Sturmpartner Diego Costa das neue Traumduo im Angriff. In München fehlt Costa allerdings wegen einer Muskelverletzung. Dafür soll Suárez von den Zuspielen des 20-jährigen João Félix profitieren; der feingeistige 127-Millionen-Euro-Rekordeinkauf der Vorsaison passt zu seinen Partnern wie ein Chorknabe ins Heavy Metal, aber gerade dieses Crossover soll die notorisch stotternde Offensive von Atléticos Maurermeistern beflügeln.

Bisher klappt es so lala. Nachdem er bei einem 6:1 gegen Granada mit zwei Toren und einer Torvorlage in 20 Spielminuten ein Traumdebüt feierte, musste Suárez bei zwei 0:0 in Serie auch schon die hausübliche Askese praktizieren. Am Wochenende traf er wieder beim 2:0 in Vigo, und nun geht es also – wenn Corona mitspielt – nach München: Barças verramschte Legende erhält als Erster die Chance zur Revanche.

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