Neues Buch über das Blaumeier-Atelier: Im Bremer Abendwind

Mit einem neuen Buch stellt das Bremer Blaumeier-Atelier 22 seiner Künstler:innen mit und ohne Behinderung in Wort und Bild persönlich vor.

Ein Mann sitzt im Bürostuhl draußen an einem See

Weil Uwe sein ganzes Leben unter zu viel Druck stand, ist er heute „Entspannungs-Experte“ Foto: Theobild/Blaumeier

BREMEN taz | Kennen Sie Blaumeier? Ganz bestimmt, wenn Sie aus Bremen kommen. Aber auch sonst stehen die Chancen ganz gut: vielleicht wegen des preisgekrönten Films „Verrückt nach Paris“ oder dank eines der anderen internationalen Projekte des inklusiven Theater- und Kunstateliers. Nur ist das mit dem Kennen so eine Sache, weil die Blaumeier es ernst meinen mit der Kunst und uns all die Menschen mit und ohne Behinderung tatsächlich als Künstler:innen und Kunstfiguren begegnen.

Und das gerät leicht in Vergessenheit über die Intimität der Produktionen – und weil die Fragen, wer hier eigentlich was spielt, was verrückt heißt, was Schauspiel, und was einfach so zum Leben gehört, selten so verworren und zugleich entscheidend sind wie bei Blaumeier.

Mit dem neuen Buch, „Blaumeier oder der Möglichkeitssinn“, verhält es sich etwas anders. Porträts stellen 22 der rund 250 Personen aus dem Atelier als Menschen vor. Schriftstellerin Jutta Reichelt hat die meisten davon geschrieben und zusammen mit Blaumeiers – unter Leitung von Franziska von den Driesch und Wiebke Emmerich neu gegründeter – Fotogruppe zum Buch verdichtet. Die Bilder werden derzeit auch in einer begleitenden Ausstellung im Bremer Rathaus ausgestellt.

Über zwei Jahre haben Autorin und Fotograf:innen sich mit den Porträtierten getroffen und gemeinsam nach Geschichten und Motiven gesucht. „Wir dachten ja erst, wir machen echte Porträts“, sagt Reichelt, was bei Blaumeier nicht so ganz einfach ist. Heute spricht sie von „literarischen Reaktionen auf die Begegnungen“. Manchmal erzählt sie Lebenswege nach, öfter entwirft sie im Zusammenspiel mit den Fotos Momentaufnahmen.

Blaumeier-Atelier (Hg.): Blaumeier oder der Möglichkeitssinn, Eigenverlag, 244 Seiten, 24 Euro. Erhältlich über info@blaumeier.de

Ausstellung „Blaumeier – von Räumen und Menschen“: bis Sa., 7. 11., Untere Rathaushalle Bremen

Da ist zum Beispiel Uwe Grossmann, Theaterspieler bei den „Blaudrians“, auf seinem Fahrrad: Selbst die bewegungsunscharfe SchwarzWeiß-Fotografie verrät eine extreme Entschlossenheit im Blick des behelmten Mannes; schwer zu fassen zwischen leichter Verkrampfung und ungeheurer Dynamik. Überblickshaft skizziert der Text, wie der Mensch auf dem Bild krank geworden ist. Vom Druck zweier Ausbildungen nämlich, dem Fachabi, der Uni, den Prüfungen.

„Es war das falsche Leben“, schreibt Reichelt, und dass die Schmerzen Grossmann auch heute noch in den Gliedern steckten. Eine andere Aufnahme zeigt den Schauspieler am Werdersee auf einem zwar deplatziert, aber doch gemütlich wirkenden Bürostuhl zwischen den Büschen. Es ist schön zu lesen, wie Reichelt schreibt, dass aus Grossmann über die Arbeit am Stress inzwischen „ein Entspannungs-Experte“ geworden ist.

Das ist ein kurzer Einblick in ein Leben, der wie von selbst aus einer flüchtigen Begegnung zwischen Autorin und Fahrradfahrer erwacht. Einfühlsam, frei von Bevormundung und übrigens auch höchst unterhaltsam versammelt das Buch 22 solcher Suchbewegungen, die ganz nebenher Blaumeier auch als Institution vorstellen, mit seiner inzwischen immerhin fast 35 Jahre langen, längst nicht immer gradlinig verlaufenden Geschichte.

Die Anfänge finden sich im Porträt Bernd Dabows wieder, der schon sehr lange dabei ist und zu Blaumeier kam, als allen noch die psychiatrische Verwahranstalt Kloster Blankenburg in den Knochen steckte. Im Zuge der Psychiatriereform waren die Menschen aus dem Elend befreit worden – und in noch zu (er)findende Betreuungsstrukturen und Lebensformen entlassen. Dabow kam als Fahrer und Betreuer zu Blaumeier – und wurde Schauspieler, weil es da keine reinen Zuschauer:innen gab.

Ein weiterer Teil der großen Geschichte blitzt im Porträt Ulrike Bauers aus dem Maskenensemble auf, die beim Erzählen ihres Wegs zu Blaumeier die aufsehenerregenden Großprojekte von damals vermisst. Statt alle durcheinander arbeiten die verschiedenen Sparten heute nämlich etwas geordneter an je eigenständigen Projekten, womit allerdings nicht alle nur glücklich sind.

Auch dem Autor in lebhafter Erinnerung geblieben ist etwa das „Elfenbeinander“ von 1998: ein Shakespeare’scher Sommernachtstraum im Bürgerpark, wo auf verschlungenen Pfaden überhaupt erst mal zu suchen war: nach der Bühne selbst. Zwischen Kleinstkonzerten, Großpuppen und ausgestellter Malerei schlichen von der Maskenwerkstatt urgewaltig ausstaffierte Satyrn keckernd durch die Dunkelheit. Das war ein Feuerwerk der Bildebenen und explodierender Repräsentationsfragen, während Feen mit und ohne psychische Diagnosen jauchzend auf Efeu-Schaukeln durch den Bremer Abendwind rauschten.

Profis mit Downsyndrom sind nicht vorgesehen

Wo die Inklusion heute steht, wird am deutlichsten wohl im Porträt von Aladin, einem der bekanntesten Blaumeiern. „Aladin ist Profi“ heißt der Text und handelt eben davon, wie ein diszipliniert und professionell arbeitender Künstler immer wieder auf sein Downsyndrom zurückgeworfen wird.

Nicht weil er krank wäre, sondern weil auch am Theater nicht vorgesehen ist, dass Menschen mit Behinderung regulär beschäftigt werden. Oder weil sie noch immer viel zu selten engagiert werden, selbst wenn es um Rollen mit Behinderung geht.

Die wirkliche literarische Qualität von Jutta Reichelts Texten ist es, Gesellschaft und Person zusammenzuerzählen – und dabei auch ihr eigenes Ringen um die Geschichte offen zu verhandeln: zu suchen eben. So wie es auch die Fotos tun, die mal klassisch porträtierend Mimik nach Lebensgeschichten befragen – dann wieder verträumt oder grübelnd durch Wohnungen, Arbeitsplätze und den öffentlichen Raum schweifen.

Den Kurzschluss, irgendwo bei einer runden und widerspruchsfreien Biografie oder gar Krankengeschichte anzulanden, vermeidet das Buch konsequent – und nährt so, Seite für Seite, die sehr berechtigten Zweifel daran, dass es so was überhaupt gibt.

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