Neues Album von Sault: Unberechenbares Salz

Das mysteriöse Bandprojekt Sault ist wieder aufgetaucht: Mit „Untitled (Rise)“ feiert es die vielfältige Blackmusic und prangert Rassismus an.

Betende Hände, grau auf schwarzem Grund, Cover des neuen Sault-Albums. Die Band lässt sich nicht fotografieren

Don't preach, work: Cover des neuen Albums von Sault Foto: Sault

Ein gutes Omen: Sault tauchen immer auf, wenn man sie braucht. Nachdem das Londoner Projekt 2019 in kurzen Abständen zwei tolle Alben veröffentlichte, erschien vor einigen Monaten der nächste Meilenstein: Ihr Album „Untitled (Black Is)“ veröffentlichten sie am bedeutsamen Juneteenth, Jahrestag der formalen Abschaffung der Sklaverei in den USA.

Zugleich war dies vorläufiger Höhepunkt der Black-Lives-Matter-Proteste, die nach der Tötung von George Floyd durch einen Polizisten erneut entfacht waren. Und bald wurde klar, Sault gelang damit ein Album, das sich schon nach wenigen Durchläufen als eines der Alben des Jahres qualifiziert hat. Aber auch eines, dessen Musik mehr braucht als das beiläufige Hören.

Ihre Musik steckt voller Zitate, ist detailreich komponiert und lebt von empowernden Botschaften. Man hat „Untitled (Black Is)“ noch gar nicht bis in jeden Winkel erforscht, da legen Sault abermals ein neues Werk nach. Wenige Wochen nach „Untitled (Black Is)“ folgte kürzlich „Untitled (Rise)“. Sault bleiben unberechenbar. Auch weil nach wie vor ungeklärt ist, wer überhaupt alles daran beteiligt ist – das Projekt verrät nichts Biografisches über sich, gibt keine Interviews. Sicher scheint nur: Sängerin Cleo Sol und Produzent Inflo sind treibende Kräfte, angeblich wirkt auch die Chicagoer Rapperin Kid Sister mit. Trotzdem ist man versucht zu glauben, hinter Sault steckt ein größeres Kollektiv: So voller feinsinnig ausgelegter Spuren und weitergedachter Einflüsse sind ihre Songs.

Variationen eines Themas

Stilistisch dominieren auf „Untitled (Rise)“ Soul, Disco und Funk, dazu rufen Sault immer wieder die heilsame Energie von Gospel auf, lassen sich antreiben durch die Power von Worksongs und Afrobeat, kombinieren HipHop-Beats mit E-Gitarren. Eine weitere Stärke: Sault-Songs stehen nicht für sich. Spoken-Word-Passagen verbinden sich, Motive aus vorherigen Songs werden in anderen wieder aufgegriffen und variiert. So funktioniert auch „Untitled (Rise)“ als großes Ganzes.

Im Fall von „Untitled (Black Is)“ schien dieses Ganze, wie der Titel andeutet, nichts weniger als der Versuch einer Bestandsaufnahme Schwarzer Identitäten, die sich aus vielen Einzelaspekten zusammensetzen. Sault dokumentierten Rassismus und Polizeigewalt, aber zelebrierten auch Schwarze Kultur und Kämpfe von Black Power bis #blm.

Der Nachfolger „Untitled (Rise)“ wirkt nun zunächst wie dessen tanzbares Gegenstück. „Strong“, der Auftaktsong, startet zwischen Funk und Disco, um unvermittelt in einen perkussiongetriebenen Mittelteil mit Chants und Chören zu wechseln, bevor er auf die Tanzfläche zurückkehrt. Streicher und Claps situieren auch den nächsten Track, „Fearless“, in der Discotradition, garniert mit einer glasklaren Synthesizer-Melodie. In „I Just Want to Dance“ bestimmt ein trockener E-Bass das Instrumental, Cleo Sols Gesang, der um die titelgebende Zeile kreist, suggeriert Unbeschwertheit.

Mutmachende Texte

Nur, so einfach ist das nicht: „I don’t really wanna feel / I’m ’bout to cry“, heißt es im Songtext von „Fearless“ – einem Aufruf, sich von der Angst, die real ist, nicht das Leben bestimmen zu lassen. Der Mut, den das erfordert, wird auf der zweiten Hälfte des Albums noch einmal auf die Probe gestellt.

„No Black Violins in London“ ist eine furchtlose und wütende Anklage, der gesprochene Text wird ausschließlich von Streichern begleitet, deren Dramatik sich steigert, bis sie einem Horrorfilmsoundtrack gleichen und abrupt enden. Der Songtitel betont die Streichinstrumente, die auf „Untitled (Rise)“ facettenreich zum Einsatz kommen. Zugleich weist er darauf hin, wie unterrepräsentiert Schwarze Künstler:innen immer noch an den Konservatorien sind.

„Maybe you’re uncomfortable / With the fact we are waking up / Why do you keep shooting us?“, heißt es in „Uncomfortable“. Der Sound klingt alles andere als ungemütlich, sondern liebevoll und beruhigend. Aber es ist klar, wer mit „wir“ und „ihr“ gemeint ist. Sault fragen, wie man Hass in Liebe transformieren kann. Sie erforschen das Weiterleben, während andere sterben. So beruhigend, so heilsam die Musik von Sault klingt, die Realität bleibt in höchstem Maße beunruhigend.

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