Neues Album von Julianna Barwick: Selbstgespräch und Gottesdienst

Ganz zart, ganz hoch, manchmal etwas bedröppelt: Das neue Album der US-Künstlerin Julianna Barwick „Healing Is a Miracle“ hört man am besten alleine.

Die US-Künstlerin Julianna Barwick im Wasser.

Abtauchen mit der US-Künstlerin Julianna Barwick Foto: Jen Medina

Die Heilung. Das Wunder. Julianna Barwick will es wissen und nutzt als Titel für ihr neues Album „Healing Is a Miracle“ gleich zwei Buzzwords, die im geistlichen Kontext genauso präsent sind wie in esoterischen Erzählungen. Doch zum Glück macht die Produzentin und Sängerin, die in Louisiana, tief im Süden der USA, aufgewachsen ist, weder christlichen Pop noch Neo-New-Age-Sound. Auch wenn man ihr neues Album durchaus als Sound zur Meditation vereinnahmen könnte, weil es so unglaublich einfach ist, ihm zu folgen, selbst wenn man beim Zuhören zwischenzeitlich gedanklich abdriftet.

Textinhalte sind bei Barwick nebensächlich, aber das ist in Ordnung. Wenn sie beim Auftaktsong „Inspirit“ immer wieder die Zeilen „Open your heart / It’s in your head“ wiederholt, dann spielt es dabei gar keine Rolle, was sie da gerade singt. Es geht darum, wie sie es singt, es geht um die Aura ihrer Stimme. Denn die Stimme funktioniert bei Barwick als Signal­instrument, die einzelnen Wörter wiederum funktionieren als Variationen und Interpretationen dieses Instruments. Barwick nutzt einfache Mittel für den maximalen Effekt ihrer auf den Klang fixierten Musik.

Julianna Barwick: „Healing Is a Miracle“ (Ninja Tune/GoodToGo)

Barwicks Songs bestehen zum Großteil aus ihrer eigenen Stimme und stoisch brummenden Bassfundamenten im Hintergrund, die alles zusammenhalten. Barwick singt dann ganz zart, ganz hoch, manchmal etwas bedröppelt, dann wieder verschlafen. Währenddessen sampelt und loopt sie sich und ihre Stimme wieder und wieder. So entstehen mysteriöse Vocal-Drones, die sich überlagern, gegenseitig ergänzen, verstärken, zerteilen, aufheben.

Der Hall und die Überlagerungen codieren schließlich die verknappten Songtexte, sie sind kaum noch zu entschlüsseln. Oft sind es aber ohnehin nur langgezogene Ahhhs, Ohhs und Uhhhs. Es ist dabei nie so ganz klar, ob aus Barwicks Stimme Melancholie klingt oder ob sie absolute Gleichgültigkeit transportiert. Der Trott, die vermeintliche Gleichgültigkeit wird glücklicherweise auf dem kürzesten, aber intensivsten Stück des Albums aufgebrochen. Auf „Flowers“ entwickelt sich die Bassline zu einem Grollen, die Stimme Barwicks zu einem unerträglich hohen Schrei. Die Emotionslosigkeit endet spätestens hier.

Das ideale Album für die Pandemie

Barwick erschafft schließlich, und das ist bezogen auf die Gegenwart interessant, ihren eigenen Chor mit nur einem Mitglied: sie selbst. In gewisser Weise ist „Healing Is a Miracle“ das ideale Album für die Coronapandemie und die damit verbundenen Einschränkungen. Das liegt zum einen an seiner Wirkung: Der Barwick-Sound provoziert In-sich-Gehen und Mit-sich-allein-Sein. Barwick hat keine Social-Distancing-Music gemacht, ihre Songs fordern keine Party und keine Gruppenbildung durch gemeinsame Codes, auf die man sich beziehen könnte, zu denen man tanzen oder bei denen man mitgrölen könnte.

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Das Album zusammen mit anderen zu hören, ergäbe keinen Sinn. Barwicks Musik funktioniert eher als Rückzugsort und als Aufforderung dazu, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, runterzufahren, Selbstoptimierung und Verwertungslogiken auszublenden und vielleicht sogar Selbstgespräche zu führen. Wie gute Selbstgespräche funktionieren können, führt Barwick vor.

Auch die Arbeitsweise von Barwick, die sie schon seit ihrem Debütalbum „The Magic Place“ (2011) verfolgt, also die durch Loop-Stations und Effektgeräte unterstützte Arbeit mit Stimme, beweist, dass es nicht zwangsläufig nötig ist, Musiker*innen und Backing-Vocalist*innen um sich zu scharen, um Musik mit vielen Stimmen zu kreieren.

In einigen Momenten klingt „Healing Is a Miracle“ schließlich so, als sei ein Kirchenchor vollzählig versammelt. Da ist es dann doch noch, das irgendwie Christliche in Barwicks Musik, auf das der Titel schließen lässt. Interessant wäre es ja, in der Kirche aufgrund von Abstandsregelungen und Personenbeschränkungen auf den Chor zu verzichten und sich stattdessen Barwicks Methoden zunutze zu machen. Vielleicht kämen dann auch mehr junge Fans von elektronischer Musik zum Gottesdienst.

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