Neues Album von Jay-Z: Abrechnung mit dem rappenden Ich

Der US-Superstar übt auf seinem neuen Album „4:44“ Selbstkritik – und fordert von anderen HipHoppern mehr Zusammenhalt.

Jay-Z rappt auf einem Konzert im Jahr 2016

Jay-Z kritisiert sich auf seinem neuen Album selbst, eine Seltenheit im HipHop Foto: ap

Jay-Z bringt sich selbst um die Ecke. Als HipHop-Legende wird er respektiert von Jung und Alt – den Ton im Rap gaben zuletzt aber andere Künstler an. Also zieht Jay-Z den Trumpf und tötet sein Ego gleich zum Einstieg seines neuen Albums „4:44“, das am Freitag erscheint. „Kill Jay Z“ heißt die Abrechnung, die Shawn Carter mit seinem rappenden Ich führt. Es ist ein Geständnis voller Selbstzweifel und die Einlösung eines Versprechens, das er vor vielen Jahren bereits auf „The Black Album“ abgab: Jay-Z lässt seine Hörer wieder an sich heran.

Damals, vor 14 Jahren, kündigte der Rapper aus Brooklyn an, das Mic an den Nagel zu hängen. Ironischerweise bewirkte er mit seinem vermeintlich finalen Album das Gegenteil: „The Black Album“ erfand den Rapper Jay-Z neu. Das lag nicht nur an den großen Produzenten der Stunde, die Kanye West, The Neptunes und Just Blaze hießen, sondern an der tiefgreifenden Erzählung des Rappers. Angereichert um Anekdoten seiner Mutter, wurde die Persönlichkeit von Shawn Carter hinter der Player-Persona Jay-Z greifbar.

Wenig überraschend annullierte der damalige Mittdreißiger daraufhin sein Karriere­ende. Die folgenden Alben aber enttäuschten. Mit Ausnahme des Gangsterfilm-inspirierten Storytellings auf „American Gangster“ setzte sich Jay-Z weniger mit seiner Musik ein ­Denkmal, sondern profilierte sich als Geschäftsmann und gab an der Seite von Beyoncé den Promi-Gatten. Sein populärster Coup: die Plattform Tidal, ein größenwahnsinniger Angriff auf den Streaming-Markt, mehrfach totgesagt und gerettet durch exklusive Veröffentlichungsdeals mit Prince und Beyoncé.

Auf „4:44“ erfindet sich Jay-Z nun musikalisch neu: als erwachsenster Rapper seiner Zeit. Im Zentrum der Platte, im titelgebenden „4:44“, steht der Rapper für testosterongesteuerte Fehltritte ein. Die Fehler bei sich selbst suchen: Auf dem Superhelden-Schlachtfeld, das sich Rap nennt, ist das eine kleine Sensation.

Die Fehler bei sich selbst suchen: Unter Rappern ist das eine kleine Sensation

Doch Jay-Z verweilt nicht im Privaten, er schlägt auch eine Brücke ins Politische. Wenn Shawn Carter auf seinem dreizehnten Soloalbum den Zusammenhalt der Familie predigt, spielt er nicht nur auf die Ehekrise und die Zwillingsgeburt im Hause Carter-Knowles an. Wenn er den „Family Feud“ beiseite legen will, ruft er auch zur popkulturellen Solidarität auf.

Finanzielle Freiheit als einzige Hoffnung

Rap ist ein Milliardengeschäft und Jay-Z ein Mogul. Davon erzählt er in „The Story of O. J.“, angelehnt an den ehemaligen American-Football-Spieler O. J. Simpson, der sich einst in die US-amerikanische High ­Society kämpfte, wo er sich heillos zwischen den Stühlen verlor, bevor ihn schlimmere Dämonen heimsuchten.

Jay-Z ist heute eine Galionsfigur der erfolgreichsten afroamerikanischen Popkultur, HipHop, und auch er weiß von einer rassistischen Sackgasse zu erzählen: „Rich nigga, poor nigga, house nigga, field nigga – still nigga.“ Dort, wo keine Gleichheit erfahren wird, winkt die finanzielle Freiheit vielen als einzige Hoffnung; in der gesellschaftlichen Realität aber bleibt die Anerkennung meist aus.

Jay-Z: „4:44“ (S. Carter Enterprises/RocNation/Universal)

Als Konsequenz des Ausschlusses fordert Jay-Z den Zusammenhalt im HipHop. Seine Kampfschrift lässt er auf geradezu traditionelle Weise instrumentieren: Der Chicagoer Produzent No ID, Mentor von Kanye West und musikalische rechte Hand von Common, bestreitet die Produktion des Albums im Alleingang und fasst um „4:44“ eine musikalische Klammer aus Samples.

Darunter finden sich Musikzitate, die sich nur einer wie Jay-Z leisten kann, aber leider nicht immer überraschen. So bemüht man den abgedroschenen Reggae-Klassiker „Bam Bam“ von Sängerin Sister Nancy und beschwört die ­HipHop-Historie mit dem totgehörten ­Evergreen „Fu-Gee-La“ von The Fugees. Besser funktionieren die Referenzspielchen, wenn Nina Simone und Stevie Wonder zu Wort kommen und die Grundlage liefern für drastische Bürgerrechts-Pamphlete. Man kann „4:44“ als Retro-Gehabe abtun oder aber als minimalistische Großtat verstehen, die sich den neuesten Rap-Trends nicht beugt. Das ist keine Selbstverständlichkeit für einen gestandenen Endvierziger, der in einem Becken voll Hyperlink-aktiver Minderjähriger schwimmt.

Doch „4:44“ funktioniert allein deshalb, weil Jay-Z in seiner Selbstreflexion eine neue Gelassenheit findet. Wenn man Alter im Rap als Stärke ausspielt, dann so.

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