Neues Album von Gruff Rhys: Fanfaren für einen Vulkan

Der walisische Popstar Gruff Rhys hat sein neues Album „Seeking New Gods“ veröffentlicht. Darin geht es um einen Berg, Einsamkeit – und den Brexit.

Auf einer Tour durch felsiges Gelände trinkt Gruff Rhys aus einer Flasche

Expeditionen müssen sein, und unterwegs kommt die Musik: Gruff Rhys beim Kraxeln​ Foto: Mark James

Entwaffnender Humor und eine, wie er selbst sagt, „chronische Schüchternheit“ – eine schwierige Kombination ist es, mit der der walisische Musiker Gruff Rhys sich herumschlägt. Im taz-Interview bereitet es dem ausgesprochen zugewandten 50-Jährigen sichtlich Mühe, ganze Sätze zu bilden. Er spricht langsam, stockend, schließt die Augen, um sich zu konzentrieren. Aber jede Mitteilung schließt er mit einem entspannten, freundlichen Lächeln ab. Vielleicht eine besondere Form von Schüchternheit, an der der ehemalige Sänger der Band Super Furry Animals leidet; sonderlich ängstlich oder verschlossen wirkt er jedenfalls nicht.

Gruff Rhys hat es allerdings schon verstanden, seine Kommunikationsschwierigkeiten durch charmante Tricks zu überlisten. Zum Beispiel durch den Einsatz von sogenannten Cue Cards bei Konzerten – Schildern mit Aufschriften wie „Applause!“, „Louder!“ und „Thank You!“. Sie wurden zu Rhys’ Markenzeichen und fielen zunehmend überdrehter und absurder aus: „Wild Abandon!“, „Burger Franchise Opportunity!“ oder aber: „Generic Festival Reaction!“ Ein anderer Trick ist es, sich Themen für Konzeptalben auszudenken, um über diesen Umweg leichter Songs über sich selbst komponieren zu können.

„Seeking New Gods“ heißt Gruff Rhys’ am Freitag (21. Mai) veröffentlichtes Werk, es dreht sich um den Vulkan Paektu im Grenzgebiet von China und Nordkorea – ein Berg, der nach einer Überlieferung als Geburtsort des koreanischen Volkes gilt und auch in der inoffiziellen koreanischen Nationalhymne „Arirang“ besungen wird. Viel Stoff für ein Konzept­album also, aber Gruff Rhys winkt lächelnd ab: Man werde beim Hören der Musik nicht viel über diesen Berg erfahren – aber, so hofft er, man werde etwas dabei fühlen.

Keine Sorge, es ist fast unmöglich, beim Hören dieser Musik teilnahmslos zu bleiben. Rhys beginnt die äußerst gelungenen neun Songs mit drei euphorischen Hymnen, die verdeutlichen, dass er in kompositorischer Hinsicht alles andere als schüchtern ist. Melodieseliger Pop mit Klavier, Streicherarrangements und Backgroundchören, leuchtend, schillernd, erhebend – wie der Paektu bei Sonnenschein?

Gruff Rhys: „Seeking New Gods“ (Rough Trade/Beggars/Indigo)

Unterwegs nahmen die Songs ihren Anfang

„Für mich symbolisieren Vulkane Einsamkeit“, sagt Rhys. „Sie stehen für sich, sind meist kein Teil von Gebirgsketten. Oft sind es Krater, sie haben nicht mehr ihre ursprüngliche Gestalt.“ Wenn Rhys über sich selbst in Gestalt eines Vulkans schreibt, klingt das zum Beispiel so: Im Eröffnungsstück „Mausoleum of My Former Self“ reimt er: „A crater for the greater good / Smoking away as it should / Shrugging like it doesn’t care / For a fanfare that elevates hair“.

Und Fanfaren, die die Haare zu Berge stehen lassen, hat Gruff Rhys drauf. Dass seine Musik so mitreißt, liegt sicher auch daran, wie sie entstanden ist: 2018 ging Rhys auf US-Tour, als ihm die Songs einfielen, besser lavaartig aus ihm herausströmten. Er studierte sie mit seiner Band ein und spielte sie live.

„Ich bekam Panik und dachte, ich muss dieses Album sofort aufnehmen, sonst ist die Idee weg. Finale der Tour war in Los Angeles, und ich habe Freunde gebeten, mir vor Ort ein Studio zu organisieren. Die Freude, diese Musik aufzuführen, kommt auf dem Album durch. Und unsere Liebe zur Musik der US-Westküste auch, zu den Songs von Gene Clark, dem Gitarristen der Byrds und zu den Songs der Beach Boys.“

Westküsten-Leichtigkeit und fernöstliche Naturmythologie also als Vehikel für eher düstere Gedanken über das Leben, das Altern, die Welt überhaupt: Die Figur des Vulkans, dessen Ausbruch Tod und Verderben bringt, und der doch als Berg alles andere überdauert, bringt die Gegensätze von „Seeking New Gods“ auf den Punkt: Schmerz und Vergänglichkeit in den Texten (Gruff-Rhys-typisch in kuriose Bilder gepackt), zu einer Musik, die teilweise überirdisch und lichtdurchflutet ist wie das Deckenfresko einer Barockkirche.

Einen Blick ins Himmelreich sollte man von Gruff Rhys aber nicht erwarten. „Ich bin Atheist, das Einzige, woran ich glaube, ist der Geist der Lebenden. Und das einzige Vermächtnis, das man hinterlässt, sind Ideen.“

„Die düstere Zeit, in der wir leben“

Nur zu gut in die Pandemie passt die Zeile „Fools will welcome plagues as blessings“ aus dem Titelsong des Albums. „Bei,plague'“, sagt Rhys, „habe ich an den extremen Nationalismus gedacht, der nach dem Brexit-Referendum und der Wahl von Donald Trump aufkam. Das wäre auch am ehesten, worauf sich der Titel „Seeking New Gods“ bezieht. Er umschreibt die düstere Zeit, in der wir leben.“

Da spricht Rhys auch als Waliser, der zwar aus den „Bergen“ stammt (höchste Erhebung von Wales, der Snowdon, misst wenig mehr als 1.000 Meter), aber heute in der walisischen Haupt- und Hafenstadt Cardiff lebt. Wales ist eine der ärmsten Regionen Westeuropas, ein Großteil der Exporte von dort ging in die EU, nicht nur die Fischerei leidet stark unter dem Brexit.

Gleichzeitig ist musikalisch und kulturell eine Menge los in Cymru (sprich „Kimri“), wie die Waliser ihr Land nennen. Rhys selbst ist, als Sänger der Super Furry Animals, eine der prominentesten Stimmen dessen, was in den 1990er Jahren, in Abgrenzung zu Cool Britannia, als Cool Cymru bezeichnet wurde.

Gebeutelt vom Niedergang der Kohleindustrie, gab der Erfolg von walisischen Popbands wie Manic Street Preachers, Gorky’s Zygotic Mynci und Super Furry Animals den gut drei Millionen Ein­woh­ne­r*in­nen in der Region neue Hoffnung und mehr Selbstbewusstsein. Als autonomer Triumph wurde es gefeiert, als das Album „Mwng“ der Super Furry Animals, dessen zehn Songs komplett auf Walisisch gesungen waren, Platz elf der britischen Albumcharts erreichte. Und natürlich sind walisische Texte ein bewusstes Statement, die Super Furry Animals hatten, wie viele andere Bands, ursprünglich in ihrer Heimatsprache gesungen und nur ins Englische gewechselt, um mehr Leute erreichen zu können.

Gruff Rhys als walisische Ikone zu bezeichnen, ohne die Vorsilbe „Pop-“, ist keineswegs übertrieben. Trotzdem agiert er bis heute eher abseits großer medialer Aufmerksamkeit, was einerseits erstaunlich ist, singt er doch hauptsächlich auf Englisch. Seine Musik könnte zudem kaum freundlicher und affirmativer sein.

Chaotische Autobiografie

Andererseits ist die Gedankenwelt von Gruff Rhys doch ziemlich schräg und nicht immer ganz so zugänglich. Das hat er gerade wieder mit seinem als Autobiografie bezeichneten Buch „Resist Phony Encores!“ unterstrichen: Besprechungen in der britischen Presse klingen durchweg so wohlmeinend wie irritiert. Selbst die Wales Art Review schreibt von einer „chaotischen Expedition, vollgestopft mit bizarren inhaltlichen Sprüngen“.

So ist sie wohl, die Welt des Gruff Rhys, der auf seinem neuen Soloalbum „Seeking New Gods“ zwischen sich und einem koreanischen Vulkan hin- und herspringt. Sympathisch ist, dass er das nicht aus einem erzwungenen Willen zur Originalität tut: „Ich kann gar nicht anders, als Musik zu machen. Besser als in einem Gespräch, kann ich mich ausdrücken, wenn ich Songs komponiere. Da nehme ich mir Zeit, Ideen zu entwickeln und über die Abstraktionen des Alterns und des Lebens überhaupt nachzudenken.“

Ach ja, das Altern. Mit seinen 50 Jahren hat Gruff Rhys es bereits zu einem enormen Vermächtnis gebracht, in dieser Hinsicht könnte er sich doch zurücklehnen, oder? „Kultur ändert sich ständig. Ob die Art, wie ich Popsongs schreibe, in der Zukunft noch relevant sein wird, lässt sich heute nicht sagen. Jeder hat seine eigene Art, sein Leben zu dokumentieren. Zum Beispiel durch Fotos. Oder dadurch, Heizungen in Häuser einzubauen, um sie warm zu halten.“ Er lacht. Der Vergleich kommt aber nicht von ungefähr: Gruff Rhys’ macht Musik, die Herzen warmhält.

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