Neues Album der Einstürzenden Neubauten: Weltumsegelung im Röhrenradio

Mit Crowdfunding cofinanziert und per Zufallsgenerator erstellt: „Alles in allem“, das neue Werk der Krachexperten Einstürzende Neubauten.

Blixa Bargeld und die anderen Neubauten posieren in den charakteristischen Anzügen

Blixa Bargeld (Mitte) und Einstürzende Neubauten Foto: Mote Sinabel

Es gibt auf diesem Werk nur einen Rocker“, sagt Blixa Bargeld und meint damit den Song „Ten Grand Goldie“, der als diabolisch-freundlicher Poltergeist das neue Album der Einstürzenden Neubauten eröffnet. Die Neubauten sind ein Quintett, das sich in seinem ersten Jahrzehnt, den mythenumrankten Achtzigern, im alten Westberlin einen lautstarken Ruf erspielt hat und jetzt im 40. Jahr seines Bestehens mit „Alles in allem“ sein vielleicht häuslichstes Werk veröffentlicht. Sänger und Texter Bargeld erklärt, er habe seit Wochen das Haus gehütet.

Die Unterhaltung findet per Skype statt. Er nehme die Lockdown-Situation sehr ernst, schickt Bargeld gleich mal voraus. Im vor Kurzem veröffentlichten Videoclip zum Song „Ten Grand Goldie“ trägt er eine Atemschutzmaske, ihr Türkis trifft sich mit dem Make-up seiner Augenbrauen.

In die Schwarz-Weiß-Szenen der Einstürzenden Neubauten, wie sie in ihrem Studio tanzen, sind farbige Heimvideos von UnterstützerInnen geschnitten; jener Schwarm, der den Neubauten bereits seit 18 Jahren via Crowdfunding die Arbeit mit ermöglicht. Neubauten-Fans wohnen nicht schlecht, das ist im Video gut zu sehen. Bassist Alexander Hacke spielt die metallene Bassfeder, ein halbmeterlanges Instrument seines Kollegen N.U. Unruh, mit einem Jazzbesen, Bargelds Tochter die Posaune.

Motorisches Puckern

„Ten Grand Goldie“ puckert motorisch und wird von psychedelischen Zwischenpassagen akzentuiert, in denen Bargeld wohltemperiert sprechsingt, als habe er am Röhrenradio eine Weltumseglung absolviert. Deutsch, Englisch und Tagalog, die weitverbreitetste Sprache auf den Philippinen: „Kapit sa patalim“. Das meint „nah am Boden“ in sozialer Hinsicht. „Ten Grand Goldie“ ist eines der Stücke, die mithilfe des Neubauten-Navigationssystems „Dave“ entstanden sind, einer Art gelenkten Improvisation, und so ist Bargeld auch zu dieser Zeile gekommen.

„Dave“ umfasst 600 Karten, die die Musiker jeweils zur Inspiration zu Rate ziehen. Auf Bargelds Karte stand „Anrufe“, und so hat er per Zufallsgenerator 20 Neubauten-Supporter angerufen: „Und die haben mir wiederum Worte gegeben, die sie mit mir teilen wollten.“ Aus denen und eigenen Eingebungen montierte Bargeld einen Text, wie er sich erinnert: „Am Ende dieser Materialschlacht hatte ich schon den Eindruck, das ist politisch.“

Einstürzende Neubauten waren nie eine Band griffiger Parolen, aber auch nie so apolitisch, wie es die Mischung aus apokalyptischem Donnern und kryptischen Depeschen in ihrem Frühwerk suggerieren mochte. Es muss schon seine Gründe gehabt haben, dass „Kollaps“, Titelstück ihres 1981 erschienenen Debütalbums, einen Tag nach dem Wahlsieg der Allianz für Deutschland in der ersten und letzten freien Volkskammerwahl der DDR auf einer Demonstration am Berliner Alexanderplatz aus dem Lautsprecherwagen dröhnte.

Musik für marxistischen Vampirfilm

Das 1987 veröffentlichte „Fünf auf der nach oben offenen Richterskala“ wiederum, im Rückblick das Album, mit dem bei den Neubauten ein minimalistischeres Musizieren Einzug hielt, bezeichnete die US-Alternative-Bibel TrouserPress treffend als „hypothetischen Soundtrack für einen marxistischen Vampirfilm“.

2020 tritt bei den Neubauten tatsächlich eine marxistische Revolutionärin auf. „Behäbig und schwarz / Nur einen Menschen tief“, fließt der Landwehrkanal durch den zweiten Song auf „Alles in allem“, in der dritten Strophe singt Bargeld: „Ich war nicht dabei / Damals bei Rosa / Nicht im Eden-Hotel / Und auch nicht danach / An der Lichtensteinbrücke / Nach Mitternacht.“ Im Gespräch schildert er die Genese des Lieds.

Die Melodie hatte er im Kopf gehabt, das Stück auch schon seinen Titel „Am Landwehrkanal“, als Gitarrist Jochen Arbeit Bargeld mit einem Satz, der nicht vervollständigt zu werden braucht, darauf hinwies: „Das ist dort, wo sie Rosa Luxemburg...“, nach ihrer Ermordung 1919 durch präfaschistische Freikorps. Der Song lässt sich als eine von vielen Neubauten-Geschichtsexkursionen hören, zeitlich und thematisch schließt er an „How Did I Die?“ (2014) aus „Lament“ an, der Studiorekonstruktion einer Performance zum Ersten Weltkrieg.

Agitprop statt Industrialrock

„Ich bin nicht derjenige, der Protestsongs schreibt“, betont Blixa Bargeld: Für ihren Agitprop berühmt war eine andere Westberliner Bandlegende, Ton Steine Scherben, Gewächs der linksradikalen Kreuzberger Wende der Sechziger zu den Siebzigern. Auf den letzten Neubauten-Alben gab es im Bandsound und bei Bargelds Gesang gelegentliche Anklänge an die Scherben, „Am Landwehrkanal“ könnte nun fast als Hommage durchgehen. Warum auch nicht? Die Neubauten werden gerne in die Schublade gesteckt, auf der in großen Lettern „Industrial“ steht, Bargeld meint: „Die musikalischen Referenzpunkte sind eher Krautrock und Ton Steine Scherben.“ Bei den Sessions zu „Am Landwehrkanal“ war dann tatsächlich Scherben-Gitarrist und -Mitbegründer R.P.S. Lanrue zugange, obwohl sein Beitrag es dann doch nicht auf den Schlussmix geschafft hat.

Ton Steine Scherben kriegten das Kunststück fertig, politisch zu sein und Privatheit nicht zu denunzieren. Bei den Einstürzenden Neubauten dringt das Politische aus einem Liebeslied. „Was ich in deinen Träumen suche? / Ich suche nichts / Ich räume auf“, hieß es 2004 in „Grundstück“ auf dem Album „Perpetuum Mobile“. Die erste Hälfte von „Alles in allem“ schließt mit „Taschen“, einem getragenem, mit Streichern unterfüttertem Stück: „Was wir in deinen Träumen suchen / Wir suchen nichts / Wir warten.“ Dann: „Zwischen uns und dir / wälzt die Wogen ungeheuer / ein gefräßiges Ungetüm.“

Einstürzende Neubauten: „Alles in allem“ (Potomak/Indigo)

Die Tournee beginnt aufgrund der Coronakrise erst im kommenden Jahr. Start ist wahrscheinlich am 14. Mai 2021 in Prag

Die Fortschreibung bezieht sich auf den Titel der Übersetzung des palästinensisch-schwedischen Dichters Ghayath Almadhoun, „Ein Raubtier namens Mittelmeer“. Die unheimlichen Schlinggeräusche im Song kommen aus den titelgebenden Instrumenten, speziellen Jumbo-Plastiktaschen, deren Modell Bargeld auf dem Smartphone zeigt: „Im Berliner Volksmund werden die auch Migrantenkoffer genannt.“ Vier davon haben die Neubauten mit Lumpen aller Art gefüllt, die fünfte, die sogenannte Solo-Tasche, spielt Alexander Hacke. Sie enthält kleine, mit Erbsen, Nägeln, Münzen gefüllte Tupperware-Boxen: „Das ergibt eine Art Meta-Maracas“, meint Bargeld.

Verdammte Nazi-Architektur

Das längste Stück des Albums haben die Neubauten wie auf einem klassischen Rockalbum kurz vor Schluss gesetzt: „Grazer Damm“ nimmt sechs Minuten ein und kommt als eine Art Talking Blues daher. Eine „autobiografische Berlin-Referenz“ Bargelds: „Das ist, wo ich herkomme.“ Eine Schöneberger Durchgangsstraße, Ortsteil Friedenau. Ihren Namen hat sie vom „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938, die Bauten gelten als eines der wenigen Beispiele für Wohnungsarchitektur des Nationalsozialismus. Der Song verschränkt Erinnerungen und Träume, erzählt, wie jemand aufwächst mit „Kachelöfen, Waschküche unterm Dach“, dazu „Luftschutzkeller in allen Häusern“. Und dabei „entbehrt er einer gewissen Schwere“, so Bargeld.

Ende der Achtziger hat Bargeld im Westberliner Merve Verlag einen Materialband veröffentlicht, sein Titel: „Stimme frisst Feuer“. Das Bonus-Album, enthalten auf der De-luxe-Edition von „Alles in allem“, enthält ein Stück namens „Zuckerstimme“, und es klingt tatsächlich wie aus einem tiefenentspannten Krautrocktrip. Die Perkussion, mit der „Wedding Dress“ unterlegt ist, erinnert wiederum an frühe Sun-Ra-Alben. „Alles in allem“: Blixa Bargeld möchte den Albumtitel nicht als Bilanz verstanden wissen, die Musik lebt von einer Klangästhetik, die ihre Hörer:innen nicht übermannen muss. Einstürzende Neubauten sind inzwischen eine andere Band als noch 1981. Das war zu hoffen.

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