Konzert der Einstürzenden Neubauten

Ketten auf Stahl

Die Einstürzenden Neubauten stellen in Berlin „Lament“ vor: ein Konzeptalbum zum Ersten Weltkrieg – mit ächzendem Getöse und Friedensliedern.

Gut gescheppert: Unruh (vorn), Bargeld (hinten). Bild: Miguel Lopez

„Sag es nicht, Sag es nicht, Sag es nicht!“ – Blixa Bargeld steht fast stoisch am Mikro. Er trägt, klar, einen schwarzen Anzug und schwarzes Hemd, ist barfuß. „Zeg het niet, Zeg het niet, Zeg het niet!“, singt er auf Flämisch, mit gehetzten Atemzügen, fast flehend. Sprich bitte nicht von dem Kugelhagel, von den Granatwerfern, von den Krankentragen. Bargeld rezitiert, von rhythmischen Trommeln, von Klackern untermalt, den flämischen Dichter Paul van den Broeck.

Die Einstürzenden Neubauten stellen ihr neues Album „Lament“ – „Klagelied“ – im Berliner Tempodrom vor, das ein Konzeptalbum zu den Geschehnissen an der Westfront während des Ersten Weltkriegs ist. Drei Tage zuvor hat das Werk im belgischen Diksmuide seine Live-Premiere gehabt – die Band wurde von der flämischen Stadt und der Provinz Westflandern beauftragt, zum 100-jährigen Gedenken an den Krieg und an die Invasion der Deutschen in der Stadt ein Album zum Thema einzuspielen. Diksmuide lag an der Front, am 10. November 1914 nahmen die deutschen Truppen die Stadt ein, die im Kriegsverlauf komplett zerstört wurde.

Wenn der Krieg nun auf die Bühne kommt, sieht das zunächst so aus: Ein tischtennisplattengroßes metallenes Experimentierfeld steht neben Perkussionist N. U. Unruh und Bassist Alexander Hacke – es erzeugt ächzendes Getöse. Hacke und Unruh ziehen Ketten und Röhren über die Stahlfläche. Metall reibt auf Metall. Betörend laut ist es zu Beginn, quälend; klar irgendwie, wenn die Neubauten Krieg spielen.

Einzig: so bleibt es nicht. Den Horror des Krieges präsentieren die Neubauten eher als Materialsammlung. Diese Band also, die in der Nachfolge von Throbbing Gristle den Industrial- und Post-Industrial-Sound mitprägte, trägt nun etwa einen schauerlich-schrecklichen Hymnen-Remix vor („Heil Dir im Siegeskranz, Herrscher des Vaterlands!“, intoniert Bargeld) oder bricht das Weltkriegselend auf einen Telegrammwechsel von Kaiser Wilhelm und Zar Nikolaus herunter. Der Willy-Nicky-Schlagabtausch – Hacke als Nicky und Bargeld als Kaiser Willy – hat gar Hooklines und ist fast schon eingängiger Postpunk, wie man ihn etwa von Wire kennt.

Kurz darauf kommt eine Stacheldrahtharfe zum Einsatz, das Klackern der Krücken der Kriegsversehrten hallt durch den Raum. „Der Erste Weltkrieg, Percussion-Version“ eben, wie auch ein Stück heißt, das die viereinhalb Jahre Krieg in 392 Viervierteltakten darstellt. Der Abend lebt wie das Album von den radikalen Brechungen: Bargeld singt als nächstes „Sag mir, wo die Blumen sind“, den von Marlene Dietrich eingedeutschten Antikriegssong von Pete Seeger; er ist in einen dietrichschen Schwanenmantel gehüllt.

„Sicher, dass Sie klatschen wollen?“

Das Publikum im ausverkauften Tempodrom hat zumindest zum Teil wohl ein eher übliches Neubauten-Konzert erwartet, falls es das gibt, zumindest keine Weltkriegsperformance – so jedenfalls konnte man die Zwischenschreie und den nicht immer enthusiastischen Applaus lesen. Vielleicht wäre die Performance an einem anderen Ort, im Theater, besser aufgehoben gewesen als im Rockkonzert-Kontext. Das zeigt auch Bargelds vorsichtige Nachfrage, als er ein weiteres Gedicht des Expressionismus- und Dada-Dichters van den Broeck rezitiert: „Sind Sie sicher, dass sie zu einem Schützengrabenlied rhythmisch klatschen wollen?“

Man hätte vielleicht mehr visuelle Elemente erwartet, denn die Stücke sind keineswegs so vollgepackt, dass dies den Abend hätte überfrachtet wirken lassen. Ein Bühnenbild aber gibt es nicht, allerdings sind die Instrumente vielleicht auch Bühnenbild genug. Die Neubauten setzen eben auf Sound, auf Montage, und das ist auch okay.

Einstürzende Neubauten: Lament live: 13. 11., Les Docks, Lausanne, 16. 11., Muffatwerk, München, 20. 11., Le Guess Who, Utrecht

Die Band bleibt überraschend nah an den Studioaufnahmen zu „Lament“. Vor allem die Nuancen, extrem wichtig bei einem perkussiven Werk zum Krieg, kommen live eindrücklicher rüber – ebenso das fulminante Intro. Etwas unnötig, dass man dann nicht gänzlich auf andere Songs verzichtet (zwei andere Stücke spielen sie).

Am 11. November 1918 endete der Wahnsinn. Der Wahnsinn genau 96 Jahre später auf der Bühne endet mit einem einfachen: „Ich gehe jetzt“.

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