Neuer „Tatort“ aus Franken: Jedem Anfang liegt ein Zwetschgenquarkknödel inne
Nach zehn Folgen erfindet sich der fränkische „Tatort“ ein bisschen neu, fokussiert sich aber zum Glück auf den Fall: den Tod einer Dragqueen.
Foto: BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Hendrik Heiden
Die Zehnerjahre waren eine wilde Zeit: Mit einer Facebook-Gruppe und Zuschauerpost erzwangen Fans von Pollesch-Schauspieler Fabian Hinrichs eine „Tatort“-Reihe mit ihm als Hauptfigur. Vorausgegangen war dem Ganzen ein Gastspiel bei Batic und Leitmayr (RIP) in München. Dort spielte Hinrichs den übereifrig-nervig-liebenswerten neuen Assistenten Gisbert Engelhardt, der noch in der gleichen Folge das Zeitliche segnete. Der BR gibt und der BR nimmt. Und gibt dann wieder: Nach einer „Wir wollen Gisbert zurück!“-Kampagne wurde ein Franken-„Tatort“ mit Hinrichs angekündigt. Seit 2015 ermittelt Hinrichs zwar nicht als Gisbert, sondern als Felix Voss, aber dafür nicht mehr als Assistent, sondern als Hauptkommissar.
Die gute Nachricht: Das tut er auch im elften Jahr. Und hat nun nach Dagmar Manzels Weggang 2024 eine neue Kollegin zur Seite gestellt bekommen, Emilia „Emmy“ Rathgeber, gespielt von der Münchener Schauspielerin Rosalie Thomass. Filmfigur Rathgeber ist empathisch und emotional, wo Voss verstockt ist, und das Kennenlernen geht für „Tatort“-Verhältnisse undramatisch vonstatten. Niemand hat eine geheime Affäre, es gibt kein Gerangel um Status. Stattdessen beschnuppert man sich und erzählt einander vom Leibgericht Zwetschgenquarkknödel. Man könnte fast sagen: endlich normale Leute.
Im beschaulichen Franken ist eben ganz altmodisch der Fall für die Spannung zuständig. Diesmal geht es um eine männliche Leiche in einem Nürnberger Stundenhotel. So weit, so filmisches Milieuklischee. Auf den Bühnen Frankens trat das Opfer in Drag als Stella auf, lebte aber privat weiter als Elias Schaller und befand sich in psychiatrischer Behandlung. Und schon stellt sich ein Störgefühl ein: Kann eine genderqueere Person in einem deutschen Polizeikrimi nicht einfach mal in Ruhe ihr Leben leben? Anscheinend nicht. Allerdings: Auch im echten Leben wird Personen, die außerhalb der Geschlechterbinaritäten leben, keine Ruhe gelassen. Das zeigte gerade letztes Wochenende eine Razzia im Berliner Casa Kuá beim Treffen der transfemininen Gruppe „Dolls of Berlin“.
Im „Tatort“ bleibt Opfer Schaller Polizeischikane erspart, dafür lernen wir seine titelgebende Heimat Gottesgarten, seine Kindheitsfreunde und seine Eltern kennen, die arg unterschiedlich mit dem Tod der Dragkünstler:in umgehen. Am Ende stellt sich das Verbrechen am Anfang als Nebelkerze heraus und das wahre Monster sind wahlweise ablehnende Elternteile, missbräuchliche Vertrauenspersonen oder eine Gesetzeslage, die Sexualstraftätern Schlupflöcher bietet. Ob Polizeikrimi oder real life: „Protect the Dolls“ sollte mehr sein als ein Mottoshirt.
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