Neuer Roman von Simone Meier: Leichtfüßig über doppelte Böden

Liebeswirren, davon erzählt Simone Meier in ihrem Roman „Reiz“. Samt Peinlichkeiten und Frust. Und mit einem Bruch mit der Konvention.

Junger Mann mit Kapuze lehnt seinen Kopf gegen eine Wand

In Simone Meiers Roman „Reiz“ sind es die Männer, die an Liebe leiden Foto: Hanna Sachau/plainpicture

Manche Menschen neigen zu serieller Monogamie; Simone Meier neigt zum seriellen Schreiben von Romanen, die feinsinnig Irrungen und Wirrungen in Liebesdingen sezieren. Mit „Reiz“ hat sie nun den dritten Roman vorgelegt, der um das Thema Herzens­chaos kreist, ohne je sentimental zu werden. „Reiz“ ist nun eine kleine Fortsetzung von „Kuss“, insofern nämlich, als die Journalistin Valerie, die wir aus „Kuss“ bereits kennen, in „Reiz“ im Mittelpunkt steht.

Wieder geht es um amouröse Abenteuer. Nicht nur von Valerie, die ihre Zuneigung und sexuelle Aufmerksamkeit zwischen dem alternden Schauspieler F. und ihrem jungen, wohlhabenden Fuckbuddy Teo verteilt. Auch Luca, der im Verlauf des Romans zu Valeries Praktikanten werden wird, ist getrieben von der Liebe.

Simone Meier: „Reiz“. Kein und Aber, Zürich 2021, 240 Seiten, 22 Euro

Valerie weiß ganz genau, was sie will: Hier ein Abenteuer mit Teo, der sie an interessante Orte entführen kann, dort die vertraute Intimität mit F., die vielleicht nicht mehr abenteuerlich ist, aber doch so etwas wie „Geborgenheit“ spendet. Luca hingegen fühlt sich zu seltsam ätherisch anmutenden, abwesenden Frauen hingezogen. Im Roman lernen wir ihn kennen, als er eine E-Mail an seine Angebetete Malou schreibt.

Peinlich ödipal

Die junge Umweltaktivistin – man imaginiert sie als Inkarnation Luisa Neubauers – ist allerdings ganz der guten Sache verschrieben, und viel mehr als einige Worte an einigen netten Abenden scheint sie nie mit Luca gewechselt zu haben. Trotzdem ist Luca überzeugt davon, dass Malou die Richtige ist. Und es fällt ihm nichts Besseres ein, als ihr in seiner ersten Mail von der Liebesbeziehung seiner Mutter und ihrer Geliebten zu erzählen. Um es mit den Worten Lucas Generation zu sagen: cringeworthy.

Peinlich ödipal wie der Auftakt der Mail geht es für Luca weiter; seine Nachrichten müssen Malou gar nicht erreichen, denn Malou wird als die große Andere angeschrieben. Das Thema der Mails ist Lucas vertracktes Verhältnis zur peinlich-coolen Mutter. Die Pointe besteht nun darin, dass Luca im Gegensatz zu seiner hippiesk abgedrehten Mutter sich nach nichts mehr sehnt als nach konventionellen Beziehungen. Und vielleicht steht er damit innerhalb seiner Generation gar nicht allein da.

Die bekannte Trope der mittelalten Frau

Später im Roman zeigt die Autorin Meier Gnade mit Luca, indem sie ihm eine junge Frau beiseite gesellt, die angenehm anders, aber eben wenigstens nicht abwesend ist: Kia. Die wurde übrigens nach dem gleichnamigen Fahrzeughersteller benannt. Das ist nur eines der Details, das Meiers Vorliebe, ihren Charakteren lustvoll-sadistisch Peinlichkeiten anzudichten, beweist. In diesen peinlichen Aspekten übrigens erinnern Meiers Protagonisten an die Darsteller der Reality-TV-Formate, die sie als Journalistin so scharfsinnig und scharfzüngig auf watson.ch beobachtet.

Was ist nun der Kern dieses Romans? Auf inhaltlicher Ebene desavouiert er die bekannte Trope der mittelalten Frau, die in Romanen vor allem als verlassene und/oder frustrierte Ehefrau oder eben Mutter daherkommt. Valerie hält sich keine Sekunde damit auf, ihren Beziehungsstatus oder ihre Kinderlosigkeit zu diskutieren oder zu hinterfragen, sie ist völlig abgeklärt. Meier zeigt das Liebesleiden als Sache der Männer, noch dazu der jungen. Das ist für sich genommen ein hübscher Bruch mit Konventionen.

Eine Ebene darunter verbirgt sich ein Text übers Texteschreiben, in dem Valerie als Journalistin auftaucht, die recht eigentümlich arbeitet: So soll sie aus einer Agentur-Meldung über eine Auseinandersetzung zwischen Jugendlichen, bei der die oben genannten Kia einem jungen Mann ein Stück seiner Zunge abbiss, einen Text machen. Valerie erdichtet eine Geschichte um sexuelle Selbstbestimmung und Grenzübertretungen, in der die eigene Geschichte einer missbräuchlichen Affäre nachklingt. Valeries Text über die imaginierte Kia markiert die Grenze zwischen Journalismus und belletristischem Schreiben.

Wie die beiden Vorgängerromane ist „Reiz“ ein doppelbödiger Text, der leichtfüßig daherkommt, dann aber überraschend düstere Themen anschneidet. Meier beherrscht beide Tonlagen.

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