Neuer Roman von Leïla Slimani: Das Leben der anderen
Drei Generationen: Mit „Trag das Feuer weiter“ beendet Leïla Slimani ihre Romantrilogie über eine marokkanische Familie mit französischer Großmutter.
Wut und Scham wohnen eng beieinander in den Familien Belhaj und Douad. Quälend drohen sie die Mütter, Töchter und Väter zu zerreißen. Schmerzhaft reiben sie sich an einer Realität, die ihre Wünsche und Ideale nicht zulässt. Über drei Generationen hinweg können wir sie begleiten in einer Trilogie der französisch-marokkanischen Autorin Leïla Slimani. Mit „Trag das Feuer weiter“ ist der dritte Roman erschienen und bei den Enkelinnen Inès und Mia, die auch als Erzählerin der Familiengeschichte fungiert, angekommen.
Mia, die in den 1980er Jahren in Rabat in Marokko auf eine französische Schule geht, ist erst voller Ablehnung, als ihr Vater Mehdi ihr privaten Arabischunterricht verordnet, weil er, der Bankdirektor, sich vor seinen Untergebenen schämt, dass seine Tochter kein Arabisch versteht. Zornig hadert sie dann mit sich, denn „egal, wie sehr sie sich anstrengte, ihr schien, als perle diese Sprache, die doch ihre Sprache war, an ihr ab wie das Wasser an den Glaswänden der großen Veranda“.
Mia ist einerseits stolz auf die Offenheit und Fortschrittlichkeit ihrer Eltern: Die Mutter Aïcha arbeitet als eine der ersten Gynäkologinnen des Lands. Aber sie ist auch beschämt, zu sehen, dass „hinter diesen großen Worten ihre Eltern ängstlich, angepasst, verklemmt waren. Mia hatte schließlich begriffen, dass sie zwischen zwei Welten lebte. Der im Haus, wo ihre Eltern sich modern und um den Erfolg und die Unabhängigkeit ihrer Töchter besorgt zeigten. Und der draußen, die gefährlich und unbegreiflich war.“ Dieser Zwiespalt, der hart an der Selbstachtung nagt, verschärft sich im Lauf der Geschichte immer mehr, je größer die Spaltung der marokkanischen Gesellschaft zwischen Modernisten und Islamisten wird.
Leïla Slimani: „Trag das Feuer weiter“. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Luchterhand Verlag, München 2026. 448 Seiten, 25 Euro
Unter den Spannungen, die von politischer Ideologie und Religion angefeuert werden, liegen soziale Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten. Das wird in allen drei Romanen immer wieder deutlich. Anfangs kämpfen Amine Belhaj und Mathilde gegen Armut auf ihrer Farm, im ersten Band „Das Land der anderen“, bis sie langsam zu Wohlstand kommen.
Mia und Inès hingegen wachsen privilegiert auf um den Preis, wenig zu wissen von dem, wie die Menschen leben. Mathilde war eine Frau aus dem Elsass, die Amine als marokkanischen Soldaten auf französischer Seite Ende des Zweiten Weltkriegs kennengelernt hatte. Wie sie im Land der anderen, in patriarchalen Strukturen zu bestehen gelernt hat, verleiht ihr die Kraft, Tochter und Enkelinnen mit dem Mut auszustatten, sich ihren Platz zu suchen.
Die Geschichte treibt die Personen vor sich her
Wie die ersten zwei Romane entwickelt auch „Trag das Feuer weiter“ einen Sog von Kapitel zu Kapitel. Einerseits sind sie stets eng an einer Figur, ihren Wünschen, ihren Kämpfen, ihren Niederlagen entlang erzählt. Andererseits beleuchten sie punktuell, wie die Geschichte, die politischen Entwicklungen die Personen vor sich hertreibt.
Mia hat sich den Vater Mehdi Douad zum Vorbild erkoren. Sein Egoismus erscheint ihr viel attraktiver als die Aufopferung der Mutter. Die weibliche Opferrolle lehnt sie voller Wut ab, kleidet sich als Junge, hängt mit den Jungs ab. Mehdi begegnete den Leser:innen in „Schaut, wie wir tanzen“, dem zweiten Band, noch als junger Revolutionär, scherzhaft Karl Marx genannt, charismatisch in seinen Vorträgen. Aber auch schon streberhaft ehrgeizig, die eigene Herkunft aus armen Verhältnisse schamhaft verdrängend. Jetzt ist er ein Bankdirektor, der sich gegen die Korruption positioniert.
Doch dann werden seine hochfliegenden Entwicklungspläne ausgehebelt durch den Irakkrieg, Investitionen in arabische Länder gelten plötzlich als riskant. Niemand weiß genau, warum er später in Ungnade fällt und kaltgestellt wird. Im Gefängnis merkt er, wie wenig er vom Leben der meisten in seinem Land wusste. „Er dachte, sich für die Menschen einzusetzen, und sieht sich jetzt als Hampelmann der herrschenden Klasse.“
Seine Einsamkeit in den Jahren, während er arbeitslos und voller Unverständnis einer Welt gegenüber, die er doch früher so gut zu erklären verstand, auf dem Sofa vor sich hindämmerte, setzt nach seinem Tod seiner Tochter Mia zu. Sie war auf seinen Spuren schon zur erfolgreichen Bankerin in London geworden, doch jetzt stürzt sie in ein Loch. Sich ihre Familie, auch in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit, erzählend neu zu erfinden, ist ihre Therapie.
Weibliche Sexualität
In Frankreich ist Leïla Slimani ein Star der Literaturszene, 2016 ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt. Dass ihre Familiengeschichte in der Trilogie verarbeitet ist, verrieten schon immer die Klappentexte der Romane. Eines ihrer Themen, nicht nur in der Trilogie, ist die Sexualität der Frauen, die Bedingungen, unter denen Begehren nur mit der Gefahr der Selbstzerstörung gelebt werden kann. In „Das Land der anderen“ ist es Amines Schwester Selma, die Lust nur um den Preis der gesellschaftlichen Ächtung ausleben kann, sich aber doch nicht kleinkriegen lässt im Ringen um Unabhängigkeit.
In „Trag das Feuer weiter“ lieben die Schwestern Mia und Inès gefährlich, die eine, weil sie lesbisch ist, die andere, weil sie ihre Lust nicht verbirgt. Hinzu kommt noch die Perspektive ihrer Mutter Aïcha, der Gynäkologin, die sieht, wie Scham und Tabu Unheil anrichten unter ihren Patientinnen, das Verhältnis zum Körper zerstören und Krankheiten begünstigen. Geheimnisse aus dem Schrank holen, Lieben und Wissen miteinander zu vereinbaren, das bleiben die Herausforderungen.
In einem Gespräch im RBB betonte Leïla Slimani, wie wichtig es ihr sei, das Thema Sexualität öffentlich zu verhandeln. Sie widmet den Roman ihren „ältesten Freunden, die keine andere Wahl haben, als ihre Sexualität im Verborgenen zu leben“. Was verboten, unsichtbar gemacht werde und ohne Sprache sei, erzeuge stets großes Unglück. Der Fortschritt in den Rechten für Frauen habe der queeren Kultur viel zu verdanken, meinte sie im Gespräch.
Wie die Unmöglichkeit, das eigene Begehren zu leben, einen Menschen auch hart und grausam machen kann, war im Roman „Das Land der anderen“ an Mouad zu erleben. Er hat mit Amine im Zweiten Weltkrieg gekämpft und kommt mit auf die Farm. Er wird ein strenger Vorarbeiter, der um Anerkennung seines Chefs ringt. Sein homosexuelles Sehnen nach Amine kann er nicht mal sich selbst eingestehen. Am Ende wird er von Amine gedrängt, dessen wilde Schwester Selma zu heiraten, um ihre Schwangerschaft zu decken. Ihre Ehe voller Hass gehört zu den traurigsten Episoden der Trilogie.
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