Neuer Roman von Cemile Sahin: Bomben im Boden

„Alle Hunde sterben“ von Cemile Sahin ist drastisch und sprachlich stark. Der Roman verhandelt die Grausamkeit der türkischen Sicherheitskräfte.

Die Autorin Cemile Sahin sitzt in Bomberjacke auf einem Sessel

Gewalt gibts umsonst in diesem Land: Cemile Sahin ist in ihrem zweiten Roman sehr politisch Foto: Paul Niedermayer

Einen „Hund“ schimpft man in „diesem Land“ jemanden, der ganz unten ist, ungefähr auf einer Stufe mit Abfall. In „diesem Land“, von dem die Autorin Cemile Sahin immer nur schreibt, ohne es zu benennen, geht es im Gefängnis grausam zu: „Wir hängen euch auf wie Hunde“, sagen die Wärter zu der Figur Metin, als er inhaftiert ist.

Und „Hunde“, das weiß er, „sind nichts wert in diesem Land, jetzt sind wir ihre Kettenhunde. Im Gefängnis vergessen die Wärter, dass sie Menschen sind, und sie vergessen, dass die Gefangenen Menschen sind.“

„Dieses Land“ also behandelt seine Feinde wie Hunde. Insofern ist es folgerichtig, dass Cemile Sahins neuer Roman den Titel „Alle Hunde sterben“ trägt. Auch wenn die Türkei nur einmal im Vorspann genannt wird, wo ein Hochhaus im Westen der autoritären Republik als Handlungsort eingeführt wird, ist klar, dass die Geschehnisse sich auf den kurdisch-türkischen Konflikt beziehen, dass Sahin von der Gewalt gegenüber Kurden und kurdischen Kämpfern erzählt. Auf 239 Seiten schildert sie sie präzise, teils minutiös.

Erzählt wird die Handlung in neun Episoden, aus neun verschiedenen Perspektiven. Die Figuren Necla, Murat, Nurten, Birgül, Sara, Umut, Haydar, Metin und Devrim berichten gegenüber einem Erzähler (der lediglich als Erzählinstanz existiert) vom Sadismus des Militärs, der Polizei und der Gefängniswärter, von Ereignissen aus den Kriegs- und Konfliktjahren. Alle bis auf Devrim leben in jenem Hochhaus, das ihr Exil ist.

Die Figuren sind zum Teil verwandt miteinander oder leben gemeinsam in einer Wohnung. Die Szenen sind drastisch: Necla wird in eine Hundehütte gequetscht und gezwungen, in eine tote Ratte zu beißen. Murat gräbt die Leiche seiner Mutter aus und bewahrt sie in einer Plastiktüte im Schrank auf. Umut zündet vor seiner Flucht sein eigenes Haus an („Lieber bringe ich es mit eigenen Händen zu Ende. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass Soldaten mein Haus zerstören und danach anzünden“).

Auch im Exil noch voller Angst

Interessant ist, was Sahin bewusst auslässt: Nicht nur die Türkei als Land wird (fast) gänzlich ausgespart, es werden ohnehin Kontexte weggelassen. Alles fokussiert sich auf die konkreten Erinnerungen der Figuren, die vom türkischen Apparat unterschiedslos als „Terroristen“ gejagt werden.

Menschen werden bespitzelt, abgehört, verraten. Menschen werden erniedrigt, drangsaliert, terrorisiert. Menschen werden geschlagen, getreten, gefoltert. Menschen verschwinden. Menschen fliehen, um nicht zu Hunden degradiert zu werden. Und sind auch im Exil noch voller Angst, dass es an der Tür klopfen könnte.

Wenn die Figuren es nicht mehr schaffen (wollen), Worte für die Ereignisse zu finden

Cemile Sahin hat 2019 mit ihrem Debütroman „Taxi“ (Korbinian Verlag) bereits für Aufsehen gesorgt, „Alle Hunde sterben“ ist ihre erste Veröffentlichung bei einem großen Verlag (Aufbau). Die Autorin, Jahrgang 1990, stammt aus einer kurdischen Familie. Sie ist in Wiesbaden geboren, verbrachte aber die frühe Kindheit in Dersim (so der kurdische Name des Gebiets) im Osten der Türkei. Im Alter von vier Jahren ging sie mit ihrer Familie von dort wieder nach Wiesbaden. Nach der Schule hat Sahin in London und Berlin studiert, wo sie heute als Autorin und bildende Künstlerin lebt. taz-Leser*innen können sie als Kolumnistin kennen, mit Ronya Othmann (von der auch gerade ein Roman erschienen ist, „Die Sommer“) hat sie die Kolumne „Orient Express“ geschrieben.

Schnelle, rasante, klinische Sprache

Schon in „Taxi“ hat sich Sahin formal an der Struktur von Serien orientiert, auch nun lehnt sie sich an diese Technik an. Während „Taxi“ aber eine Groteske war, arbeitet Sahin diesmal nicht mit Komik. Die schnelle, rasante, manchmal gewollt klinische Sprache dient hier voll und ganz der deskriptiven Darstellung – wobei die starken Stellen auch gerade jene sind, in denen die Figuren es nicht mehr schaffen (wollen), Worte für die Ereignisse zu finden.

Als Haydar etwa seinen im Sterben liegenden Sohn, der auf der Straße von einem Polizisten beschossen wurde, im Krankenhaus besucht, sagt er: „Mein Sohn war aufgegangen wie ein Ballon. Der Bauch, das Gesicht, die Arme. […] Ich möchte das nicht beschreiben. Das kann ich nicht. Bitte zwingen Sie mich nicht.“

Cemile Sahin: „Alle Hunde sterben“. Aufbau Verlag, Berlin 2020. 239 Seiten, 20 Euro

Wie die Figuren alle miteinander verwoben sind, das ist, wie auch der starke Plot, gut gemacht. Auch die zusätzlichen Ebenen und Sprechweisen tun dem Roman gut: In der zweiten Episode („Murat“) verhandelt Sahin auf einer Metaebene, wie Wirklichkeit in Bild und Wort konstruiert wird.

Gewalt ist Nationalsport für alle

In der fünften Episode („Sara“) flicht sie eine extrem von den anderen abweichende Stimme ein. Sara, bei der man irgendwie das Bild einer YPG-/YPJ-Kämpferin vor Augen hat, spricht in Versen. Typografisch verstärkt wird dies durch Versalien: „GEWALT IST NATIONALSPORT IST FÜR ALLE/ DAS GIBTS UMSONST IN DIESEM LAND“.

Dass eines der Leitmotive, der Hundevergleich, in Teilen plakativ eingesetzt wird, ist schon das Einzige, was einen stören kann. Denn „Alle Hunde sterben“ ist raffiniert gebaut, klug konzipiert, sprachlich größtenteils stark. Sahin gelingt es Traumata darzustellen, indem sie mit Wiederholungen arbeitet, indem sie ausschließlich bei dem bleibt, was den Figuren tatsächlich und vor Ort widerfahren ist.

Gegen Ende heißt es: „Und die Bomben, die sie legen, fliegen aus der Luft in unsere Häuser. Eine Bombe, die nicht in die Luft geht, kann entschärft werden. Aber auch eine entschärfte Bombe war einmal eine Bombe.“ Wie viel Unaufgearbeitetes noch auf türkischem Boden lagert, das erfährt man in diesem Roman.

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