Neuer „Polizeiruf“ aus München: Eine Frage der Banküberweisung
Falsche Fährten werden hier gelegt, aber wir wissen Bescheid und lassen uns nicht auf dem falschen Fuß erwischen. Dann kommt Tobias Moretti.
Foto: br/ard
Wu Tang Clan sagten es ja schon Anfang der Neunziger: „Cash Rules Everything Around Me, C. R. E. A. M., get the money“ – selbst wenn man dafür vielleicht auch mal was einstecken muss. Wie die Protagonist:innen des sonntäglichen Polizeirufs aus München zum Beispiel, so viel sei schon mal verraten.
Wobei: Der Titel allein, „Ablass“, macht ja schon klar, wohin die Marschrichtung der heutigen Fälle geht. Tue Schlechtes, Geld wird’s danach regeln. Aber bis wir dahin kommen, sind wir erst einmal nicht mit einem, nein, wir sind gleich mit zwei Fällen konfrontiert, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben scheinen.
Eingefleischte Fans des Genres aber wissen gleich, hah, hier wartet eine falsche Fährte auf uns: Die separat wirkenden Erzählstränge werden noch ineinander verflochten, so viel ist klar.
„Ablass“, So., 20.15 Uhr, ARD
Kommissar Dennis Eden (herrlich bajuwarisch: Stephan Zinner) scheint in seiner Freizeit allerdings nicht so gerne Krimis zu konsumieren, sonst würde er nicht den halben Film damit verbringen, seine Kollegin Cris Blohm (weltgewandt: Johanna Wokalek) davon abbringen zu wollen, vermeintlich klaren, längst aufgeklärten und vor allem völlig unzusammenhängenden Fällen auf den Grund gehen zu wollen. Warum auch ermitteln, wenn man stattdessen auch noch ein Feierabendbier trinken kann? Ein Prosit der Gemütlichkeit!
Die Welt ist schlecht
Wokaleks Cris Blohm allerdings kann nicht loslassen, ihr Bauchgefühl bringt sie dazu, die Regeln der Polizeiarbeit zu ignorieren (what else is new im deutschen Krimi) und sich selbst, scheinbar, in körperliche Gefahr zu begeben. Aber ihr Bauchgefühl soll ihr schließlich recht geben: Die Welt ist schlecht. Ihre Hoffnung, dass in dieser schlechten Welt aber anständige Menschen auch Anständiges tun, die wird enttäuscht.
Und hier zeigt sich der Polizeiruf vielleicht realistischer als viele andere Krimis seiner Art. Natürlich ist Recht käuflich, und natürlich gibt es auch keine Gerechtigkeit auf der Welt, wie ein Protagonist (toll: Yoli Fuller) irgendwann Kommissarin Blohm erklärt.
Wenn die Welt gerecht wäre, warum sei seine Familie in Burkina Faso dann in Armut gefangen? Auf diese großen Fragen der Welt hat die Kommissarin keine Antwort mehr.
Tobias Morettis wunderbar zwielichtiger Anwalt August Schellenberg aber schon: Am Ende geht’s immer nur um einen Deal, ganz im Sinne des globalen Zeitgeists. Und wenn der am Ende für beide Seiten funktioniert (oder zu funktionieren scheint), was spricht dann noch gegen Ablasshandel?
Für die Generation Kommissar Rex, also die Generation dieser Autorin, ist es natürlich herzzerreißend, Moretti in einer moralisch nicht zweifellos integren Rolle zu sehen. Immerhin lohnen sich seine Auftritte in dieser inhaltlich wie auch farblich düsteren Erzählung von Christian Bach, mit dem Moretti auch schon in der Vergangenheit zusammengearbeitet hat.
„Ablass“ wirft interessante moralische Fragen nach Recht und Gerechtigkeit, ihrer Käuflich- und Unkäuflichkeit, nach Verbrechen, Strafe, Schuld und Sühne auf. Zwischen mehreren Erzählsträngen und dementsprechend auch viel Personal bleibt zwar leider nur wenig Raum, diese Fragen in jedem Detail auszuleuchten. Aber vielleicht reicht ja auch die Andeutung, dass der Umgang mit Schuld nicht nur im Gerichtssaal entschieden wird. Sondern auch in der Psyche der Täter:innen – und ihren Banküberweisungen.
Dollar, Dollar Bills, y’all!
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