Neuer Film von Ang Lee

Schwierige Abschüsse

Ang Lees „Gemini Man“ über einen Auftragskiller und dessen Klon wird wegen der „3D+“-Bildtechnik als Sensation angepriesen. Ist er das auch?

Ein junger dunkelhäutiger Mann und ein ihm sehr ähnlicher älterer dunkelhäutiger Mann

Woher kommt der Typ, der mir so ähnlich sieht? Henry Brogan (Will Smith) und sein Alter Ego Foto: Paramount

In der Mail, die die Agentur kurz vor Filmstart von „Gemini Man“ an die berichterstattende Presse schickte, werden die „wichtigsten Fakten zu 3D+ auf einen Blick“ aufgeführt. Man erfährt da, dass es sich um ein „evolutionäres digitales Format“ handelt, mit „einer Bildrate von 60 Bildern pro Sekunde“, die aus noch höheren „120 Bildern pro Sekunde“ generiert wurde – damit würde sich die Bildrate (also die Bildwechselfrequenz) „stärker als je zuvor an das annähern, was das menschliche Auge sieht“.

Durch „mehr Tiefe“ könne der Betrachter mehr im Bild erleben, und auch die „emotionale Tiefe“ würde von den Filme­machern so besser umgesetzt. Fazit: 3D+ ergebe schlichtweg „das beeindruckendste Kino­erlebnis, das derzeit in einem Filmtheater möglich ist“.

Das menschliche Auge kann, je nach Wissenschaftsmeinung, bei diesen hohen „frames per second“ (fps) nur zum Teil mithalten: Es erkennt bei den höheren Frequenzen zwar Unterschiede, die sich in visuellen Artefakten, einer größeren Klarheit äußern – das Gefühl, alles tiefenschärfer, deutlicher zu sehen, bleibt allerdings diffus.

Doch beeindruckend ist es tatsächlich: Bei „Gemini Man“ schaut man durch die 3D-Brille aus dem dunklen Kino in ein (je nach Leinwandgröße) riesiges, blankgeputztes Fenster. Und heraus schaut, noch näher als zum Greifen nah, das Gesicht von Will Smith. Freundlich, glatt und immer auf der Hut.

„Gemini Man“. Regie: Ang Lee. Mit Will Smith, Mary Elizabeth Winstead u. a. USA 2019, 117 Min.

Denn Smith spielt den für die Regierung arbeitenden Auftragskiller Henry Brogan, einen Mann, für den Sehschärfe ebenfalls lebenswichtig ist: Auf Brogans Treffsicherheit auch bei schwierigen „Abschüssen“ können sich die Auftraggeber*innen verlassen. Brogan kann einem Terroristen in einem fahrenden Schnellzug aus zwei Kilometer Entfernung das Gehirn wegpusten – und tut dies in der Exposition von Ang Lees nach einem Drehbuch von David Benioff und Billy Ray inszenierten Actionabenteuer auch.

Der Mystery Man

Eigentlich sollte der 72. „Kill“ jedoch Brogans letzter sein – der 51-jährige Feldveteran will sich zur Ruhe setzen. Stattdessen kommt er einer Verschwörung auf die Schliche, in die der vermeintliche Terrorist, der sich als unschuldig herausstellt, ebenso verwickelt war wie Brogans Auftraggeber Clay Verris (Clive Owen).

Nur wenige Tote später wird Henry Brogan, dessen junge Kollegin Danny Zakarweski (Mary Elisabeth Winstead) ihm mittlerweile mit Witz und Schlagkraft zur Seite steht, von einem mysteriösen Agenten gejagt, der Henrys Schritte vorauszuahnen scheint – und Danny alsbald zu der Frage verleitet: „Hast du einen Sohn, Henry?“

Denn der Mystery Man weiß nicht nur, was Brogan denkt, er sieht ihm auch noch ähnlich wie ein (junges) Ei dem (alten) anderen. Was daran liegt, dass Clay ihn vor 25 Jahren heimlich aus Brogans DNA klonte (beziehungsweise dass er von Programmierer*innen komplett per CGI – Computer Generated Imagery – erschaffen wurde).

Die Prämisse von „Gemini Man“ ist nicht neu: Klongeschichten sind ein Kino-Standard, genau wie mittlerweile der Einsatz von CGI. Die genetische Blaupause für die „Klonarmee“ im Star-Wars-Universum war ein Krieger namens „Jango Fett“, in der animierten, seriellen Fernsehadaption „Clone Wars“ wurden – einigermaßen kindgerecht – zudem Fragen zum Thema Identität und Verhaltenskongruenz verhandelt.

„Die Insel“ von 2005 lässt zwei naive Klone die schlechte Welt und später auch ihre echten Vorbilder entdecken. Wild (noch analog) geklont wurde bereits in Harold Ramis’ Komödie „Vier lieben dich“ von 1996. Und im Jahr 2015 fungierte in „Terminator – Genisys“ Arnold Schwarzeneggers Antagonist als CGI-geborener, jugendlich-properer Klon seiner selbst.

Dass nun Will Smiths merkwürdig leblos wirkender Computer-Klon in „Gemini Man“ bei 120 fps äußerlich auch aus der Nähe überzeugt, könnte an Smiths Botox-Vorliebe liegen – das echte Gesicht des Superstars nähert sich, so scheint es, der artifiziellen Überzogenheit auf der Leinwand an.

Altmodischer Actionkracher

Doch die vorwiegend in großen, hellen Bildern erzählte Handlung schert sich nicht um die im Klon- und Identitätsthema schlummernden erzählerischen Abgründe und bleibt von Anfang an hinter ihrem Format zurück: „Gemini Man“ ist trotz seiner Ultrabrillanz nicht mehr als ein altmodischer Actionkracher mit wenig überraschenden Held*innen und An­ta­­gonist*innen, belanglosen Dialogen, einem an die schwächeren James-Bond-Musiken erinnerndem Soundtrack des Hans-Zimmer-Kollegen Lorne Balfe und einer Lücke dort, wo die Figurenzeichnung interessant werden könnte.

Smiths zaghafte Versuche, seinen Charakter als zutiefst zweifelnden, an der Grenze zur Depression balancierenden Auftragskiller zu beschreiben, scheitern – einerseits an Smiths unablässig aus ihm herausströmender guter Laune, die trotz anhaltender Kritik an seiner Scientology-Zugehörigkeit nie versiegt: Bitterkeit liegt ihm einfach nicht.

Andererseits scheinen den „Tiger & Dragon“-, „Life of Pi“- und „The Ice Storm“-Regisseur Ang Lee, der dem seit Jahren schwelenden Prestige-Projekt erst spät und mit ausgesprochenem Interesse an der neuen „High Frame“-Technik beitrat, die Figuren wahrhaftig kaltzulassen. So zeigt er Brogan als kumpeligen Typen, dessen persönliche Tragik – er ist ein vielfacher Mörder ohne Beziehungserfahrung – seine Moral nur sachte durchschüttelt.

Die für den klischierten weiblichen Action-Sidekick typische normative Schönheit und Jugend von Danny wird zwar in einer Szene humorvoll herausgearbeitet – immerhin ist die Agentin nicht süß-tölpelig, sinkt nicht ständig in jedermanns Arme und arbeitet nicht im Bikini. Doch der am Computer entstandene Brogan-Klon kann die dürftige emotionale Dramatik mit seiner technisch eingeschränkten Ausdruckskraft auch nicht steigern.

Die Möglichkeiten, die tatsächlich hinter der abstrusen Geschichte stecken könnten – wie oder wie wenig ähnlich sind sich zwei genetisch gleiche Menschen, die in verschiedenen Umgebungen aufwachsen? Wie kann man 72 (Auftrags-)Morde verwinden? –, ignoriert der Film.

Wie damals, als das Fern­sehen auf HD umschaltete

Somit gerät er selten derartig intensiv, dass eine Dringlichkeit entsteht – und wenn, dann geschieht dies vor allem durch die ungewöhnliche Ästhetik: Bei der langen, von Egoshooter-Perspektiven wimmelnden Showdown-Sequenz zwischen den Beteiligten in einer Garage wird die Düsterheit der Umgebung und der Story (immerhin wurde ein kleiner, niedlicher Klonjunge zur Kampfmaschine ausgebildet) spürbar.

Überhaupt ist die hohe Bildrate in nächtlicher Atmosphäre viel beeindruckender – die hellen, von Dion Beebe gefilmten Bilder der Dialoge wirken ein bisschen wie damals, als das Fernsehen auf HD umschaltete und man ob des plötzlich sichtbaren Alters der Nachrichtenmoderator*innen erschrocken vom Bildschirm zurückwich.

Wenn die „High Frame Rate“ à la 3D+ also tatsächlich die Zukunft des Kinos sein sollte, und irgendetwas muss es ja retten, dann müssten Geschichten vielleicht ein wenig anders erzählt werden. Dann müssen Schau­spieler*innen damit arbeiten, wie surreal deutlich und wenig verschattet man ihre Mimik wahrnimmt, und Regis­seu­r*innen und Directors of Photography müssen jede Ecke ihres opulenten, hochauflösenden Rahmens mit Bildideen füllen. Damit könnte der Eskapismus, der dem Kino (erst recht in 3D) immanent ist, noch steigen, gemeinsam mit der „emotio­nalen Tiefe“. Das wäre Kintopp vom Feinsten.

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