Neue Spionagethriller auf Wow und Prime: Der Feind im Inneren
„Ponies“ und die neue Staffel von „The Night Manager“ zeigen: Spionageserien boomen wie lange nicht – auch in Deutschland. Doch warum eigentlich?
Zwei Amerikanerinnen wollen im Moskau der späten 1970er Jahre herausfinden, wie ihre dort stationierten Ehemänner zu Tode gekommen sind, und heuern zu diesem Zweck gleich selbst als Undercover-Agentinnen bei der CIA an.
Derweil wird ein MI6-Mitarbeiter, der vor seiner Abwerbung Soldat und Hotelmanager war und nun nach einem recht traumatischen Fall eigentlich Schreibtischdienst schiebt, im heutigen London von der Vergangenheit eingeholt.
Auf den ersten Blick haben die Prämissen der neu angelaufenen Serie „Ponies“ (bei Wow) und der zweiten Staffel von „The Night Manager“ (bei Prime Video) nicht viel gemeinsam. Doch ihre Unterschiede illustrieren, wie omnipräsent und dabei vielfältig der gegenwärtige Boom von Spionagethrillern ist.
Nicht dass das Genre, dessen literarische Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert und Romane von James Fenimore Cooper zurückreichen, je unbeliebt gewesen wäre. Doch so viele Geheimagent*innen und Nachrichtendienste wie in den letzten paar Jahren waren nicht zuletzt in Serienform selten im Einsatz.
Noch im Februar etwa geht bei Netflix „The Night Agent“ in die nächste Runde, bei den Golden Globes waren jüngst unter anderem „Slow Horses“ und „Diplomatische Beziehungen“ nominiert, und neue Staffeln von „Black Doves“ oder „The Day of the Jackal“ stehen für 2026 auch noch auf dem Programm.
Trend auch in Deutschland
Der Trend beschränkt sich nicht auf den englischsprachigen Raum: Die französische Serie „Büro der Legenden“ war fünf Jahre lang so erfolgreich, dass sie sogar ein US-Remake namens „The Agency“ nach sich zog; bei AppleTV läuft aktuell die dritte Staffel der israelischen Serie „Tehran“ (über eine Mossad-Agentin undercover in Iran).
Und selbst in Deutschland, wo seit jeher klassische Polizeiarbeit die Krimilandschaft dominiert, wagt man sich inzwischen an Spion*innen als Protagonist*innen. Das zeigt nach „Deutschland 83“ oder „Kleo“ nun auch „Unfamiliar“ (ab 5. 2. bei Netflix) über ein Agent*innen-Ehepaar.
Dass Geschichten über CIA und MI6, finstere Verschwörungen und eiskalte Auftragskiller*innen aktuell im Überfluss vorhanden sind, hat Gründe. Immer mehr Streaminganbieter brauchen immer mehr Content, und selbstverständlich wird dabei vor allem auf Genres und Erzählmuster gesetzt, die sich über Jahre immer wieder bewährt haben.
Spionagethriller, mit denen stets auch ein Versprechen von Spannung und Action einhergeht, bilden ein gutes Gegenstück zu Cosy Crime, jenem anderen Streaming-Trend rund um Wohlfühlkrimis à la „The Thursday Murder Club“ und Agatha-Christie-Variationen, wo gemächliches Tempo und Augenzwinkern dominieren. Hochglanzbilder, reizvolle Locations wie Luxushotels oder ferne Länder und jede Menge Hightech-Ermittlungswerkzeuge – alles feste Bestandteile des Genres – tun ein Übriges in Sachen Schauwert.
Doch die Erfolgsgeschichte des Spionagethrillers war immer auch ein Spiegel der weltpolitischen Großwetterlage und gesellschaftlichen Stimmung. Den ersten Boom, nicht zuletzt in Gestalt von James Bond, erlebte das Genre in den 1960er Jahren, als der Kalte Krieg sich merklich zuspitzte. Einblicke in die Welt der Geheimdienstarbeit, damals dem Publikum noch verborgener als heute, vermittelten einen Anflug von Sicherheit.
Wer wollte, hoffte darauf, dass auch in der realen Welt wackere Helden wie 007 das Schlimmste zu verhindern wissen. Oder sich dem Gefühl hingeben, dank solcher Geschichten zumindest ein bisschen zu verstehen, nach welchen Mechanismen das Weltgeschehen funktioniert.
Keine Saubermänner mehr
Es ist kein Zufall, dass gerade in den zu Friedenshochzeiten verklärten Jahren zwischen Mauerfall und dem 11. September 2001 die Abenteuer von James Bond so humorig überzeichnet und unrealistisch waren wie nie, bevor dann mit der Daniel-Craig-Ära Schmerz und Trauma Einzug hielten in die Geheimagentenwelt.
Gequälte Held*innen oder besser: Anti-Held*innen sind seither – siehe Serien wie „Homeland“ oder die „Bourne“-Filme – fester Bestandteil des Genres. Das passt zu einer Welt, in der kaum noch jemand der Illusion von Saubermännern und aufrechten Retter nachhängt. Längst kommt eigentlich kein Spionagethriller mehr ohne innerlich zerrissene Protagonist*innen und moralische Grauzonen aus.
Vermeintlich ein Bild davon vermitteln, was hinter den Kulissen der Politik passiert und wo die Strippenzieher*innen sitzen, tun diese Geschichten auch heute noch. Nur sind die Grenzen zwischen Gut und Böse längst bis zur Unkenntlichkeit verschwommen.
Viele aktuelle Serien reflektieren auch das allgemeine Misstrauen, das gegenüber Regierungsbehörden aller Art besteht: Wo die Gegenspieler*innen einst klar und je nach Weltlage in Russland, China oder der arabischen Welt verortet wurden, sitzen sie nun meistens auch in den eigenen Institutionen.
Glamour, Erotik und Trauma
In dieser Hinsicht schlagen auch die eingangs erwähnten Serien nicht aus der Art. In der neuen Staffel von „The Night Manager“, die zehn Jahre nach der fantastischen ersten an den Start geht, muss Tom Hiddleston als Jonathan Pine nicht nur erkennen, dass er das Geschehen von damals doch nicht gänzlich hinter sich gelassen hat. Zudem könnte diesmal die eigene Chefetage unmittelbar verwickelt sein in die Drogen- und Waffengeschäfte, die ihn bald nach Kolumbien, aber eben auch in die eigene Vergangenheit führt.
Ein möglicher Verräter in den eigenen Reihen wird auch in „Ponies“ vermutet, wobei dort ansonsten in bester Retromanier der KGB mit ruchlosen Mitteln den beiden unbedarften, aber sich natürlich im permanenten emotionalen Zwiespalt befindlichen Neuagentinnen auf ihrer vage als postmodern-feministisch gezeichneten Mission das Leben schwer macht.
Einmal Glamour und Erotik kombiniert mit Trauma und internen Intrigen, einmal Kalter-Krieg-Nostalgie gepaart mit Humor, Selbstfindung und amourösen Verstrickungen. Die beiden Serien zeigen, wie viel Variantenreichtum in Sachen Spionagethriller möglich sind.
Allerdings zeigen sie auch, dass es angesichts des Übermaßes ähnlicher Serien inzwischen mehr braucht als eine leidlich kurzweilige Geschichte und Figuren mit zwei, drei Ecken und Kanten, um bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
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