„Neue Fischer Weltgeschichte“

So ehrgeizig wie erfolgreich

Die „Neue Fischer Weltgeschichte“ zeigt Zusammenhänge zwischen Regionen auf. Die Reihe ist ein Glanzstück historischer Darstellung.

Die Fischer-Reihen bietet mehr zu den Hintergründen des Sklavenhandels: Szene aus den US-Südstaaten. Bild: dpa

Menschliches Handeln und Leiden, von Einzelnen und Gruppen, vollzieht sich an bestimmten Orten im Lauf der Zeiten. Die Menschen machen – so schon Karl Marx – ihre eigene Geschichte, aber unter Bedingungen, die sie nicht selbst gewählt haben.

Die Soziologie lehrt seit einiger Zeit, dass Menschen nicht mehr in nationalen Gesellschaften, sondern in genau einer Weltgesellschaft leben. Deshalb fällt der Blick jetzt auf die Vorgeschichte dieser Weltgesellschaft – auf das, was heute in der Geschichtswissenschaft en vogue ist und „transnationale Geschichte“ genannt wird.

Dem will der Frankfurter S. Fischer Verlag, einer der renommierten Publikumsverlage, mit einer neuen Reihe entsprechen: Im letzten Herbst sind die drei ersten Bände der „Neuen Fischer Weltgeschichte“ erschienen. In einer Vorbemerkung, die gleichlautend allen Bänden vorangestellt ist, heißt es programmatisch, in geschichtsphilosophischer Emphase, dass die „Vorstellung eines Ganzen im Ablauf der Zeit“ eine notwendige, regulative Idee der Weltgeschichte sei, aber kein Mensch diese Gesamtheit empirisch erfassen könne.

Robert von Friedeburg: „Europa in der frühen Neuzeit“. Frankfurt am Main 2012, 469 Seiten, 29,99 Euro

Jürgen Paul: „Zentralasien“. Frankfurt am Main 2012, 576 Seiten, 29,99 Euro

David Arnold: „Südasien“. Frankfurt am Main 2012, 606 Seiten, 29,99 Euro

Daher bilde die Aufgliederung des Globus in „überschaubare, geographisch vorgegebene und historisch gewachsenen Regionen den Ausgangspunkt. Innerhalb dieses Rahmens versteht sie sich nicht als Geschichte von Ländern und Staaten, sondern als eine solche von Räumen und der Wechselwirkungen zwischen ihnen.“

Freilich: Die neue Reihe schließt an ein ebenso ehrgeiziges wie erfolgreiches Projekt des Verlags an, nämlich die zwischen 1965 und 1982 in 36 Taschenbüchern publizierte „Fischer Weltgeschichte“, die von Band 1 „Vorgeschichte“ bis Band 36 „Das Zwanzigste Jahrhundert III: Weltprobleme zwischen den Machtblöcken“ Generationen von Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaftlerinnen an Universitäten und Schulen durch Studium und Berufsleben begleitet hat.

Hardcover statt Taschenbuch

Der Relaunch, die neue, von Jörg Fisch, Wilfried Nippel und Wolfgang Schwentker konzipierte und herausgegebene Reihe überzeugt so, wie sie in den ersten drei Bänden vorliegt, keineswegs in allen Zügen. Im Unterschied zur älteren, jetzt digital erhältlichen „Fischer Weltgeschichte“ scheint der Gebrauchswert auf den allerersten Blick geringer. Das drückt sich schon in Äußerlichkeiten aus: So war das flexible Taschenbuchformat der älteren Reihe handlicher und ansprechender als die zu groß geratenen, aus Pappe bestehenden, mit papierenem, bebildertem Schutzumschlag und Lesebändchen versehenen Hardcoverausgaben der neuen Reihe.

Unübersehbar fällt zudem eine gewisse Provinzialität auf: War die ältere Reihe wirklich international, von der Crème de la Crème der weltweiten Historikerzunft verfasst, so sind für das neue Unternehmen mit wenigen Ausnahmen nur deutschsprachige Autorinnen verpflichtet worden.

Und nicht zuletzt – die ältere Reihe bot mehr fürs Geld. Ein Taschenbuch der älteren Reihe kostete um die zwanzig Mark, während für die neuen Bände jeweils knapp dreißig Euro zu berappen sind. Doch all das sind, wie gesagt, nur Äußerlichkeiten – wie ist es um Themen und Inhalte bestellt?

Der von Robert von Friedeburg verfasste Band „Europa in der frühen Neuzeit“ stellt, fesselnd geschrieben, bündig argumentierend, ansprechend bebildert sowie struktur- und mentalitätsgeschichtlich informiert die Epoche zwischen den Anfängen der Reformation und der Französischen Revolution dar. Man erhält so auf etwa vierhundert Seiten einen vorzüglichen Überblick, ohne dass es dem Autor in jedem Fall gelungen ist, die von ihm präsentierten Stränge etwa zwischen Bevölkerungs-und Religionsgeschichte systematisch zu verbinden.

Europas Expansion

Zum Vergleich: Die ältere Reihe benötigte für den gleichen Zeitraum und dieselbe Region anderthalb deutlich ausführlichere Bände: Richard van Dülmens „Die Entstehung des frühneuzeitlichen Europa 1550–1648“ sowie der halbe, von Louis Bergeron und François Furet verfasste Band „Das Zeitalter der europäischen Revolution“ stehen von Friedeburgs Darstellung in nur wenigem nach. Eine auch nur angedeutete Geschichte der Expansion der europäischen Mächte nach Übersee wird man in den älteren Bänden ebenso vergeblich suchen wie Elemente einer Geschichte der Sklaverei. In dieser Hinsicht ist der neue Band informativer.

Zudem ist von Friedeburg ein vorzüglicher Spezialist für das politische und völkerrechtliche Schrifttum jener Zeit, das in anderen Darstellungen kaum Erwähnung findet. Dass von Friedeburgs Skizze von Geschichte und Vorgeschichte der Französischen Revolution hinter den intensiven Forschungen eines der berühmtesten Revolutionshistoriker, François Furets, zurückbleiben muss, versteht sich beinahe von selbst.

Nachdenklich lässt der umfassende, von Jürgen Paul verfasste Band über Zentralasien den Rezensenten zurück. Ohne jeden Zweifel dürfte der Autor einer der ganzen wenigen exzellenten Kenner der Geschichte jener weithin unbekannten, riesigen Region sein; einer Region, die sich von den östlichen Teilen Russlands bis nach Iran erstreckt und deren Geschichte von den Mongolen bis zum gegenwärtigen Krieg um Afghanistan reicht. Über Jahrhunderte war die Region nicht nur von Handelswegen über Land, sondern auch von Sklaverei geprägt.

Mit diesem Band ist es dem Autor gelungen, dem Konzept der ganzen Reihe gerecht zu werden, nämlich an einem (riesigen) Großraum über eine Zeit von mehr als zweitausend Jahren hinweg zu demonstrieren, was es heißen kann, wenn Agenten zweier basaler Kulturformen, Ackerbauer und Nomaden, in immer neuen Konstellationen, unter veränderten politischen, ökonomischen, sprachlichen und religiösen, nicht zuletzt islamischen Vorzeichen aufeinandertreffen. Damit hat Jürgen Paul den Blick auf eine lange vergessene Region eröffnet, deren politische und welthistorische Bedeutung ob ihrer – unter jahrhundertelang als Weiden benutzten Böden liegenden – Bodenschätze in Zukunft nur zunehmen kann.

Postkoloniale Geschichte

Die Geschichte einer Region, die heute unübersehbar als ökonomische und militärische Großmacht auf den Plan getretenen ist, hat der britische Historiker David Arnold geschrieben. Seine mehr als fünfhundert Seiten starke Geschichte Südasiens ist nicht nur ein Glanzstück historischer Darstellung, sondern vermittelt auch Hintergrundwissen über eine ganze Zivilisation, die vor mehr als viertausend Jahren am Indus ihren Anfang nahm und sich in ihren theologischen, philosophischen sowie in ihren politischen Welt- und Herrschaftsbezügen massiv von allem, was Europa vertraut war und ist, unterscheidet. Buddhismus, Hinduismus und Kastenherrschaft – was hierzulande als klare, einfache Formation erscheint, hat selbst eine wechselvolle Geschichte, in der sich alles, was man unter diesen Begriffen verstehen will, mehrfach grundlegend verändert hat.

Das ist nicht nur für die aktuelle, globalisierungspolitische Debatte von besonderer Bedeutung, sondern auch für die intellektuellen Auseinandersetzungen um die beinahe zu modisch gewordene „postkoloniale“ Theorie. Hat sie doch ihr Gepräge nicht zufällig von aus Indien stammenden Intellektuellen erhalten; deren Überlegungen versteht man wesentlich besser, wenn man Arnolds erhellende Abschnitte zur Geschichte Indiens in der Kolonialzeit, also in den Jahren von 1750 bis 1948, gelesen hat.

Dann zeigt sich als Erstes, dass ein schlichter Begriff von „Kolonialismus“ der historischen Wirklichkeit in keiner Weise entspricht. Wer hätte etwa gedacht, dass die britische Herrschaft über Indien – „British Raj“ – von einem zahlenmäßig zu vernachlässigenden Personal ausgeübt wurde: 1901 lebten in Indien 300 Millionen Menschen, von denen noch nicht einmal 170.000 Europäer waren – was nichts oder nur wenig am grundlegenden Rassismus dieser Herrschaft änderte.

Freilich belässt es Arnold nicht bei einer politischen oder religiösen Geschichte dieser alten Zivilisationen, stärker noch als die Autoren der anderen Bände arbeitet er an einer Integration der Indien bis heute prägenden Sozial- und Geschlechtergeschichte, der Geschichte von Armut, Hunger und Herrschaft. „Fischers Neuer Weltgeschichte“ ist zu wünschen, dass ihre künftigen Bände dem glänzenden Beispiel von Arnolds Geschichte Südasiens genügen.

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