Neue Ausstellung auf der Burg Beeskow: Dem Land lauschen
Wie klingt ein Landkreis? Das Museum Oder-Spree hat Kirchenglocken und Landstraßen akustisch kartiert. Vor allem der Wald ist ein Ort der Polyphonie.
„Aber bitte nicht anfassen“, lacht Kristina Geisler. Die „Jagdklapper“, die die Leiterin des Museums Oder-Spree in ihren historischen Beständen gefunden hat, ist Marke Eigenbau – und schon etwas klapprig. Aber Lärm würde sie immer noch machen. Ähnlich wie die Ratschen, mit denen Fußballfans manchmal ihre Mannschaft anfeuern.
Die Jagdklapper, die Geisler ausgestellt hat, stammt aus dem 19. Jahrhundert und lärmte einst im Wald. Um das Wild aufzuscheuchen und vor die Flinten der Jäger zu treiben, gehörten die Holzklappern zur Ausrüstung von Treibern. Ein Waldgeräusch also, später wurde es abgelöst durch das Schlagen der Treiber mit Stöcken auf Baumstämme.
Dass ein Waldgeräuschmacher in der neuen Ausstellung des Museums Oder-Spree gezeigt wird, ist kein Zufall. Mit 48 Prozent seiner Fläche ist der gleichnamige Landkreis der waldreichste in ganz Brandenburg. In der neuen Ausstellung „Lauschen und Lärmen“, die am Sonntag eröffnet wurde, geht es also nicht nur darum, wie der Landkreis klingt, sondern auch, welche Klänge oder auch welches Lärmen der Wald hervorbringt.
Die Ausstellung: „Lauschen und Lärmen – Eine Geschichte von Geräuschen“ ist bis zum 14. Dezember 2025 im Museum Oder-Spree auf der Burg Beeskow zu sehen.
Das Buch: Kursbuch-Oder-Spree „Vom Lauschen und Lärmen“, 128 Seiten, 10 Euro
Fünf Jahre ist es jetzt her, dass im Museum auf der mächtigen Beeskower Burg nicht mehr die historische Sammlung ausgestellt wird, sondern der Alltag der Menschen zwischen Erkner und Eisenhüttenstadt. Eine museologische Zeitenwende, die auch Kristina Geisler gefordert hat. Doch das Umdenken und Umräumen hat sich gelohnt. „Ein akustisches Highlight“ nennt die Museumsleiterin die neue Ausstellung – und das nicht unbedingt wegen der Jagdklapper.
Es sind vor allem die Klänge des Alltags, die die Ausstellung präsentiert. Sie zu sammeln hat sich der Klangkünstler und Musiker Wolfram Spyra zum Ziel gesetzt. Mit seinem Team hat er nicht nur das Schlagen der Kirchenglocken in der Stiftskirche des Klosters Neuzelle, der wuchtigen Stadtkirche Sankt Marien in Beeskow oder der Dorfkirche in Grunow (Niederlausitz) akkustisch kartiert. Auch das Lärmen einer Sirene gehört dazu.
Stille. Wie geht das?
Auch im buddhistischen Zentrum Sukhavati in Bad Saarow haben die Ausstellungsmacher gelauscht. Und eine in Nepal gefertigte Fußklangschale mit nach Beeskow gebracht. Ein Meditations-, aber auch ein Heilungsinstrument ist sie. Und sie trennt den Klang von der Stille. Die nämlich tritt ein, wenn der Gong dreimal geschlagen wurde.
„Es gibt hier viele, die Stille suchen, aber nicht wissen, wie“, sagt Oliver Peters, der Leiter des Zentrums, das vieles in einem ist: Hospiz und Pflegeheim, buddhistisches Meditationszentrum, Café und Garten.
Im Kursbuch Oder-Spree, das jedes Jahr zusammen mit der Ausstellung erscheint, wird Oliver Peters porträtiert. Und auch das Zentrum, das er leitet. „Ein Haus, das versucht, dem Sterben einen anderen Klang zu geben“, schreibt Autorin Julia Vogel. „Und dem Leben gleich dazu.“
Waldgeräusche, Kirchenglocken, Klangschalen: Ist das nicht in jedem Landkreis zu finden? Klingt Oder-Spree nicht auch ein bisschen wie Lüchow-Dannenberg in Niedersachsen oder Bad Kissingen in Bayern? Vor allem aber: Welche Botschaft hält die akustische Kartierung bereit? Gibt es Klanglandschaften, die für die Region zwischen Spree und Oder typisch sind?
Naturklang und Zivilisationslärm
Es ist vor allem die in weiten Teilen geschützte Natur. Wolfram Spyra hat darum nicht nur das Läuten von 15 Kirchenglocken aufgezeichnet, sondern auch das Summen auf Sommerwiesen, das Gurgeln an Bachläufen, das Zirpen auf Waldlichtungen, das Plätschern an Flussufern.
In einem sogenannten Audio-Drama ist all das auf Knopfdruck zu hören, aber auch miteinander kombinierbar. Eine Natursinfonie, zu der sich zwangsläufig der Zivilisationslärm gesellt: Hundegebell, Schweinegrunzen, der Laster auf der Bundesstraße.
Mit den interaktiven Klanginstallationen geht das Museum einen nächsten Schritt, der nur möglich wurde durch eine entsprechende Förderung durch die Sparkasse Oder-Spree und die Ostdeutsche Sparkassenstiftung. Vor allem bei den Kleinen kommt das an. Wer sich dagegen auf das Froschquaken in den Gosener Wiesen konzentrieren will, muss warten, bis die Kids genug haben. Auf den zahlreichen Kopfhören sind immer alle Soundscapes gleichzeitig zu hören. Auch das, wenn man so viel, eine Sinfonie.
„Gibt es noch lauschige Winkel?“, fragt Museumsleiterin und Kuratorin Kristina Geisler bei der Eröffnung. Und Landrat Frank Steffen (SPD) erinnert an die Geräuschkulisse und die Beschallung, die uns Tag für Tag im Alltag verfolgt. „Wer vor hundert Jahren Musik hören wollte, musste sie selber machen.“
Das heißt nichts anderes, als dass wir in einem Jahrhundert des Lärmens leben. Es lärmen die Handys in der Bahn, die Schreihälse in den sozialen Medien, die aufgetunten Autos auf den Landstraßen. Insbesondere aber lärmt die Stadt. Das zumindest ist die Erfahrung von Eileen Froelich. Es sind vor allem Menschen aus Berlin, die zum Waldbaden kommen, das die zertifizierte Kunst- und LOM-Therapeutin anbietet. Wie lässt sich die äußere Unruhe so weit reduzieren, dass die innere Stimme wieder hörbar wird? Ganz einfach sei das nicht, erzählt Froelich dem Kursbuch-Autor Nicolas Flessa: „Wenn es ruhig wird, wird es laut im Kopf.“
Eileen Froelich
Eine innere Ruhe stelle sich erst später ein. „Natürliche Klänge wie Vogelgezwitscher oder Blätterrascheln lenken die Aufmerksamkeit sanft auf den Moment“, sagt sie. „Belastende Erinnerungen oder Zukunftssorgen, die krankmachende Stresshormone auslösen, spielen nun keine Rolle mehr.“
Klingen alle Wälder gleich? Natürlich nicht, weiß Eileen Froelich. „Dichte Nadelwälder mit moosbedecktem Boden dämpfen Geräusche eher, wohingegen luftige Buchenwälder klarer und lebendiger klingen.“ Und dann ist da auch noch der Wind. „Er verändert den Klang des Waldes je nach Stärke und Richtung.“
Wer also Ruhe sucht und Lauschen will, ist im Wald gut aufgehoben, diesem ganz besonderen Ort der Polyphonie. Und manchmal ist vielleicht sogar ein Jagdhorn zu vernehmen. Auch das ist in Beeskow ausgestellt. Es stammt von Horst Wilde aus Giesensdorf, der den alten Brauch, eine Stecke aus erlegtem Wild zu „verblasen“, wiederbeleben will.
Für das Jagdhorn hat Museumsleiterin Kristina Geisler ebenfalls ein passendes Objekt aus dem Depot gefunden. Ein Schirmständer aus dem 19. Jahrhundert, gefertigt aus Geweihen erlegter Hirsche.
Unser Mittel gegen Antifeminismus
Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen
meistkommentiert