Nazi-Devotionalien in Tschechien: Brauner Spuk in Prag

Ein für Provokationen bekannter Verlag bietet für 2021 einen Kalender mit Bildern von Nazigrößen an. Jetzt hagelt es erste Anzeigen.

Shreiender Demonstrant.

Der Markt ist da: Tschechische Nazis bei einem europäischen Treffen rechter Parteien in Prag 2019 Foto: Gabriel Kuchta/getty images

PRAG taz | Stechend sind die Blicke, die aus dem Kalender in schwarz-weiß-rot hervorstechen: Reinhard Heydrich im Februar oder Josef Mengele im September. Nur K.H. Frank im April schaut drein, als ob er gerade vor dem Schafott im Prager Pankrác-Gefängnis steht, wo er 1945 unter öffentlichem Jubel hingerichtet wurde.

Adolf Hitler ist doppelt dabei, im Januar mit herunter gezogenen Mundwinkeln und im Dezember mit entschlossener Miene. Der neue Jahreskalender “Persönlichkeiten des Dritten Reichen“, den der Prager Verlag “Naše vojsko“ gerade in seinem Sortiment veröffentlicht hat, verspricht: das Jahr 2021 kann braun werden.

Aber wer um alles in der Welt hängt sich freiwillig nachgezeichnete Fotos von Nazi-Größen an die Wand? Das fragen sich dieser Tage viele in der Tschechischen Hauptstadt, einen solch miserablen Geschmack traut kaum eine(r) seinen/ihren Mitbürgern zu.

„Vielleicht gar keine schlechte Idee, um unliebsamen Besuch loszuwerden“, meint Michal, der mit Freunden im Biergarten das Ende der Corona-Krise feiert. „Oder wenn man mal jemanden beherbergen muss, den man nicht mag“, theorisiert sein Kumpel Petr. „Da müsste ich schon eine hohe Wette verlieren, um mir die Hackfressen an die Wand zu nageln“, erklärt indes Vojta.

Nicht vorstellbar

Aber freiwillig? Das kann sich keiner vorstellen. Nicht nur der Ästhetik wegen. Sondern auch wegen der eigenen Vergangenheit. 360 000 Tschechen und Tschechinnen kamen während der Nazi-Besatzung ums Leben. Das sollte eigentlich reichen, um die Zielgruppe, die sich von diesem braunen Kunstwerk in passendem Schwarz-Weiß-Rot angesprochen fühlt, auf Null zu reduzieren.

Hitler sells – das ist nichts Neues. Mit dem Bösen kann man genauso verdienen wie mit Sex oder Crime. Wobei das eine das andere natürlich nicht ausschließt. Inwiefern die Herausgabe des Nazi-Kalenders für 2021 eine Straftat darstellt. prüft jetzt die Polizei.

Der Vorsitzende des Stiftungsfonds für Holocaust-Opfer, Michal Klima, hat mit einer Strafanzeige auf den Kalender reagiert. „Ich halte es für inakzeptabel, dass man bei uns im Jahr 75 nach der Niederlage des Nationalsozialismus seine Vertreter legal propagieren kann.

Er sei „geschockt und angeekelt“, kommentierte Israels Mann in Prag, Daniel Meron auf Twitter. Deutschlands Botschafter Christoph Israng fragte sich auf Facebook, wie man überhaupt einen solchen Dreck herstellen oder kaufen könne. So etwas sollte man nicht tolerieren, schimpft Israng.

Weiterer Aufruhr

Eine Unverschämtheit, urteilt auch Tomáš Kraus, Vorsitzender der Föderation der jüdischen Gemeinden in Tschechien, dessen Familie über Generationen das jüdische Leben in Prag mitbestimmte. Seine Großmutter kannte Egon Erwin Kisch sogar noch persönlich.

„Allein die grafische Aufarbeitung des Kalenders zeigt, dass es sich hier um eine Glorifizierung des Nazi-Regimes handelt“, erklärt Kraus. Bevor er deswegen Strafanzeige gegen den Verlag gestellt hat, ließ er ihm im Namen der Jüdischen Föderation ausrichten, den Kalender aus dem Verkauf zu nehmen. „Die Reaktion war nicht nur ablehnend, sondern sie haben sich richtig gehend lustig über uns gemacht, meint Kraus.

Mit ähnlichen Beschwerden, Strafanzeigen und weiterem Aufruhr hat der Verlag natürlich gerechnet. Es ist nicht das erste Mal, dass er mit der Nazi-Thematik auf sich aufmerksam macht. Schon länger bietet er die „Persönlichkeiten des Dritten Reiches“, die jetzt in fragwürdiger Ästhetik den Kalender schmücken, auf Tassen an.

Für Kontroversen sorgte der Verlag auch vor vier Jahren, als er eine tschechische Übersetzung von „Mein Kampf“ auf den Markt brachte. Allerdings ging das Buch wie warme Semmeln weg: innerhalb von zwei Wochen vertickte der Verlag über seinen E-Shop um die zehntausend Exemplare.

Kick beim Nachmittagskaffee

Vielleicht sind es ja weniger die Nazis selbst, die für Verkaufszahlen sorgen., sondern der Tabubruch an sich. Das banalisierte Böse wird zum Alltagskick beim Nachmittagskaffee.

Auf dieses Konzept vertrauen die ganzen Kitsch-und Kramläden für Touristen, die die Prager Altstadt bevölkern seit Jahren. Dort gilt Hitler, ob als Marionette oder Maske, als Bestseller. Jetzt soll es aber genug sein mit dem braunen Spuk in Prag. Ein neues Gesetz soll den braunen Verkaufsschlagern den Garaus machen.

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