piwik no script img

Nach der Wahl in IsraelBekommt Eisenkot das Mandat, eine Koalition zu bilden?

Netanjahu-Gegner und Oppositionsführer Eisenkot erhält von den israelischen Parteien die meisten Empfehlungen. Was das für eine Regierungsbildung bedeutet.

Aus Tel Aviv

Tamar Ziff

Alle Parteien in Israel haben nun ihre Empfehlungen an Präsident Isaac Herzog abgegeben, wer das Mandat zur Bildung einer neuen Regierung erhalten soll. Bis Donnerstagabend hatte Oppositionsführer Gadi Eisenkot 67 Empfehlungen erhalten – von der arabischen Partei Ra’am, der Mitte-links-Partei Demokraten, den Mitte-rechts-Parteien Bejachad und Jaschar, seiner eigenen Partei. Außerdem sprach sich die arabisch-nationalistische Joint List überraschenderweise für Eisenkot aus.

Der derzeitige Premier Benjamin Netanjahu erhielt hingegen nur 46 Empfehlungen – und zwar von der ultraorthodoxen Partei Schas und den beiden am ganz rechten Rand stehenden Parteien Religiöser Zionismus und Otzma Jehudit sowie seiner eigenen Partei Likud. Die ultraorthodoxe Partei Vereinigtes Thorah-Judentum (UTJ) weigerte sich – obwohl sie Teil der scheidenden Koalition ist –, einen der beiden Kandidaten zu unterstützen.

Der Präsident erhält zwar die Empfehlungen, hat aber weitreichenden Spielraum bei der Entscheidung, wen er nun mit der Regierungsbildung beauftragt. Herzog hat nun bis zum 11. November Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Danach hat der ausgewählte Kandidat 28 Tage Zeit, eine Regierungskoalition zu bilden, mit der Möglichkeit einer zweiwöchigen Verlängerung.

Doch bis dahin werden bereits Entscheidungen getroffen: Ganz oben auf der Agenda der derzeitigen Opposition steht die Ablösung des Knesset-Präsidenten Amir Ohana von der Likud-Partei. Der hatte jüngst erklärt, er werde einer Abstimmung über seine Ablösung bei der Knesset-Eröffnung in der kommenden Woche zustimmen, falls eine Mehrheit der Abgeordneten dies fordere. Weitere Tagesordnungspunkte sind die Aufhebung der von der Netanjahu-Regierung verabschiedeten Gesetze zur Justizreform, die Einrichtung einer staatlichen Untersuchungskommission zum 7. Oktober 2023 sowie die Verabschiedung eines Gesetzes, das für alle Bürger einen zivilen oder militärischen Dienst vorschreibt.

Weiter Stimmungsmache gegen arabische Parteien

Und Netanjahu zeigt wieder einmal, dass er noch nicht geschlagen ist: Am Mittwochabend, während Herzog sich mit der Führung kleinerer Parteien traf, veröffentlichte Netanjahu seine erste aufgezeichnete Videobotschaft seit den Wahlen. Darin warnte er davor, sich auf „islamistische Parteien zu verlassen, die die bloße Existenz eines jüdischen Staates leugnen“. Er betonte, dass er eine „breite nationale Koalition“ anführen solle, und behauptete, die Sorgen „der überwiegenden Mehrheit der israelischen Bürger würden von den Spitzenpolitikern des linken Blocks leichtfertig beiseitegeschoben“, die eine Regierung bildeten, die „sich auf Terrorismusbefürworter stütze“.

Außerdem wiederholte er die Behauptung, dass „ernsthafte Verdachtsmomente bestehen, dass ausländische Staaten mit riesigen Geldsummen in die Wahl Ergebnisse im Staat Israel eingegriffen haben“. Diese Behauptung hatte allerdings keinen Einfluss auf die erfolgte Anerkennung des Wahlergebnisses durch den Vorsitzenden der Wahlkommission, Richter Noam Sohlberg.

Der Chef des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet, David Zini, ein von Netanjahu ernannter Beamter, hatte jüngst eine Untersuchung wegen angeblicher ausländischer Finanzierung eingeleitet – ohne irgendwelche Beweise für Fehlverhalten vorzulegen. Das Bestreben: Zweifel an den Wahlergebnissen zu säen. Zini hatte jüngst verkündet, dass gegen den arabischen Abgeordneten Ayman Odeh wegen des mutmaßlichen Empfangs von „Hunderttausenden Schekel“ von externen Parteien ermittelt werde. Er erklärte außerdem, weitere arabische Parteiführer verhören zu wollen, ohne dafür Beweise vorzulegen.

Die israelische Zeitung Ha’aretz beruft sich in einem Text auf Schin-Bet-Beamte, die der Zeitung mitgeteilt hätten, dass die Behauptungen über Einflussnahme übertrieben seien und keinen Einfluss auf das Wahlergebnis hätten. Die Polizei unter dem rechtsextremen Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir von der Partei Otzma Jehudit hatte am Wahltag mehrere Aktivisten der arabischen Partei Ra’am wegen des Verdachts der Bestechung und Wahlbeeinflussung verhaftet – ohne Beweise vorzulegen. Bis Mittwoch, acht Tage nach der Wahl, waren alle wieder auf freiem Fuß.

Mehr zum Thema

2 Kommentare

  • zartbitter

    Das Ereignis, welches Eisenkot das Mandat zur Regierungsbildung sicherte: Die arabische Joint List kündigte an, sie werde Herzog vorschlagen, Eisenkot mit der Regierungsbildung zu beauftragen – obwohl die joint list vorher angedeutet hatte, sich möglicherweise zu enthalten.



    =



    Da mit der Joint List nun 67 Knesset-Abgeordnete dem Präsidenten Herzog empfohlen haben, Eisenkot den ersten Versuch zur Regierungsbildung zu übertragen, hat Eisenkot nun Rückenwind – und momentan offensichtlich keinen Bock sich auf eine Machtteilung mit Likud/Netanju einzulassen.



    ==



    Doch da die Zahl der Abgeordneten, die tatsächlich zu einer Regierungszusammenarbeit innerhalb des Oppositionsblocks bereit sind, weit von einer Mehrheit entfernt ist, hat der Auftrag zur Regierungsbildung momentan leider nur wenig an der Ausgangslage geändert:



    =



    Nach Analysten der Times of Israel steuert Israel nun auf eine Sackgasse zu -- man kann nur hoffen (Daumen drücken) das Eisenkots diplomatische Flexibilität (hoffentlich wächst er mit seinen Aufgaben über sich hinaus ) den Analysten das Gegenteil beweist.

  • Effigia

    Hoffnung re Israel



    Danke, liebe Inlands- und Auslands-Israelis für diese Wahl.



    Sie gibt mir die Hoffnung, dass endlich Vernunft einkehrt in das Verhältnis Israel-Palästina. Wir Deutschen dürfen dann wieder einmal finanziell helfen Palästina wiederaufzubauen, ohne gleich in den Geruch des "Antisemitischen" zu geraten. Und vielleicht möchte sich auch Israel an dem Wiederaufbau der zerstörten Wohnbauten beteiligen und seine Siedler im Westjordanland entsprechend den rechtlichen Gegebenheiten zur Ordnung rufen.



    Optimal wäre auch eine Aufarbeitung der begangenen Verbrechen an beiden Parteien unter internationalem Gesetz, um klare Verhältnisse zu schaffen: Die Zahlen Toten und Verletzten geben Aufschluss