Nach Unglück in Israel: Solidarität für kurze Zeit

Nach dem Tod von 45 Menschen am Berg Meron erhalten Ultraorthodoxe Beileidsbekundungen von ungewohnter Seite. Die Suche nach Schuldigen läuft.

Ultraorthodoxe Juden stehen vor einer Absperrung zu einer vermüllten Treppe

Spuren einer Katastrophe: Auf diesen Stufen wurden 45 Menschen zu Tode gequetscht Foto: Sebastian Scheiner/ap

TEL AVIV taz | „Es gibt erstaunliche Momente der Solidarität, und ich würde mir wünschen, dass sie auch ohne Katastrophen existieren würden“, erzählt der ultraorthodoxe Journalist Yakov Plevinsky, der seinen Cousin in der Massenpanik am Berg Meron bei Feierlichkeiten ultraorthodoxer Jüdinnen und Juden im Norden Israels am vergangenen Donnerstag verloren hat.

Er ist beeindruckt von der Menge an Beileidsbekundungen, die er von säkularen Personen, in erster Linie Berufskolleg*innen, erhalten hat; von den Hunderten, ebenfalls überwiegend säkularen, die schon am Freitag früh, am Morgen nach dem Desaster, zur Blutspende am Rabinplatz in Tel Aviv Schlange standen.

Auch von den arabischen Israelis, die normalerweise nicht viel mit Ultraorthodoxen zu tun haben, kam Hilfe: Umliegende arabische Dörfer richteten am Freitagmorgen Stationen ein, um den Evakuierten aus dem Katastrophengebiet in Meron Essen und Trinken anzubieten; viele der arabischen Be­woh­­ner*in­nen nahmen laut Medienberichten religiöse Jüdinnen und Juden auf, die nach der Evakuierung im Norden gestrandet waren.

Der Vorsitzende der hauptsächlich arabisch geprägten Vereinigten Liste, Ayman Odeh, sprach ebenfalls sein Beileid aus und nannte die Zusammenarbeit von Jü­d*in­nen und Ara­be­r*in­nen in der Reaktion auf die Katastrophe „einen kleinen Lichtstrahl in der großen Tragödie“.

Angehörige im Ungewissen

Am Sonntag wurde ein Trauertag abgehalten, um der 45 Toten zu gedenken. Flaggen an öffentlichen Gebäuden, Militärbasen und diplomatischen Vertretungen waren auf halbmast gesetzt.

Die Massenpanik am Berg Meron ist eine der größten Katastrophen, die sich zu Friedenszeiten in Israel ereignet haben. Dabei sollte dieser Tag eigentlich ein Freudentag werden. Zehntausende ultraorthodoxer Jüdinnen und Juden versammeln sich jedes Jahr am jüdischen Feiertag Lag BaOmer am Berg Meron, gedenken dort des jüdischen Aufstands gegen die römischen Besatzer im zweiten Jahrhundert, drängen zum Grab des Rabbis Schimon Bar Jochai, der an diesem Aufstand beteiligt war.

Einige Feiernde glitten, dicht aneinander gedrängt, auf einer rutschigen Rampe mit Metallboden aus, die zum Grab Bar Jochais führte. Sie rissen andere mit. 45 Menschen wurden zu Tode gequetscht, unter ihnen auch ein Dutzend Kinder. Über 150 wurden verletzt. Berichte von Augenzeugen und die Bilder im Fernsehen waren erschütternd. Wo normalerweise getanzt und gesungen wird, lagen Leichen in Plastiksäcke gehüllt auf dem Boden.

Nachlässigkeiten im Management

Plevinsky selbst war, anders als in vergangenen Jahren, in diesem Jahr nicht dort, jedoch viele seiner Familienmitglieder und Freunde. Lange hatte er keine Sicherheit, ob sein Cousin wirklich in der Massenpanik gestorben war. Viele der Toten waren durch die Quetschungen nur schwer zu identifizieren. Zahlreiche Familienangehörige waren bis Sonntag noch nicht über den Tod von Angehörigen informiert.

Während die betroffenen Familien Solidaritäts- und Beileidsbekundungen erreichen, sind die Schuldzuweisungen bereits im vollen Gange. Nur wenige Stunden nach der Katastrophe veröffentlichten Medien den Bericht des staatlichen Rechnungsprüfers von 2008 und den drei Jahre später veröffentlichten Folgebericht, in dem die Probleme des Geländes, Nachlässigkeiten im Management und die daraus resultierenden Gefahren detailliert beschrieben wurden.

Nach den üblichen polizeilichen Sicherheitsvorschriften für öffentliche Versammlungen hätten demzufolge nicht mehr als 15.000 Menschen zugelassen werden dürfen. Tatsächlich waren es über 100.000. Die Polizei sagt, ihr fehle die Autorität, religiöse Veranstaltungen einzuschränken.

Die Gräben der Gesellschaft sind zu tief

Die Kontrolle über die Stätte selbst ist laut Haaretz aufgeteilt zwischen den verschiedenen religiösen Gruppierungen und dem Ministerium für religiöse Dienste, das seit Jahren von der ultraorthodoxen Partei Schas kontrolliert wird. Ihre Politiker sind Mitorganisatoren der Veranstaltung und haben wenig Interesse an Beschränkungen.

Verkompliziert wird die Suche nach den Schuldigen außerdem durch die Coronasituation. Im Vorfeld hatte sich die Regierung nicht darüber einigen können, ob die Feierlichkeiten eingeschränkt werden sollten. Kri­ti­ke­r*in­nen warfen Netanjahu vor, seine ultraorthodoxen Bündnispartner nicht mit Beschränkungen verärgern zu wollen. Beamte des Gesundheitsministeriums hatten jedoch die Israelis aufgefordert, nicht zum Berg Meron zu reisen, da sie befürchteten, es könnte durch die Ansammlung zu massenhafter Ansteckung mit dem Corona­virus führen.

Trotz der Solidaritätsbekundungen wird sich der Graben zwischen Säkularen und Ultraorthodoxen wohl nicht so schnell schließen lassen: „Im Laufe der Jahre gab es einige Katastrophen, die zur kurzzeitigen Vereinigung geführt haben“, erklärt Plevinsky: „Aber die Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf Kernthemen des Staates Israel sind einfach zu tief. Ein einzelnes Ereignis, selbst eines in solch tragischem Ausmaß, wird die Karte nicht für immer verändern.“

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben