Nach Angriff auf Iran: Israel führt weiter Angriffe in Libanon aus
Das israelische Militär hat mehr als zwanzig Städte in Südlibanon und ein Hotel in Beirut bombardiert. Über 300.000 Menschen wurden inzwischen vertrieben.
Auf dem breiten Betonweg am Mittelmeer in Beirut sitzt Noura Ahmad Hamzeh auf einer Schaumstoffmatratze und traucht einen Plastiklöffel in einen Alubehälter mit Reis. „Unsere ganze Familie lebte in einem guten Zuhause“, erzählt die 45-Jährige, die eigentlich im Süden der libanesischen Hauptstadt wohnt, der taz. Nun schlafen sie auf der Straße. „Wir hatten Angst, besonders die Kinder. Sie bombardieren nicht an einem bestimmten Ort, es sind wahllose Angriffe“, erzählt Hamzeh am Samstagabend.
Durch israelische Angriffe sind seit vergangenem Montag über 394 Menschen im Libanon getötet und über 1.023 verletzt worden, wie das libanesische Gesundheitsministerium mitteilte. Am Sonntag traf ein israelischer Drohnenangriff ein Hotel in Beirut, das Menschen beherbergte, die durch den Krieg vertrieben wurden. Vier starben, zehn wurden verletzt, so das Ministerium. Unter den Verletzten sind laut Reuters auch drei Kinder. Israels Militär behauptet, „Kommandeure der iranischen Eliteeinheit Quds-Brigade der Revolutionsgarden“ angegriffen zu haben, nannte aber keine Namen.
Es ist das zweite Mal in einer Woche, dass Israel eine Unterkunft für Vertriebene bombardiert. Am Mittwoch beschoss die Luftwaffe das Comfort Hotel im Stadtteil Hazmieh, einige Hundert Meter entfernt vom Präsidentenpalast. Die Hotel-Besitzerin sagte dem arabischen Medium „The National“, dass dort 10 Familien Schutz gesucht hatten, deren Identität sie vorher überprüft habe.
Beide Hotels liegen außerhalb der traditionellen Einflussgebiete der schiitischen Hisbollah. Diese wird durch den Iran finanziert und greift Israels Norden mit Raketen an. Die bloße Mitgliedschaft bei der Hisbollah reiche nicht, um eine Person als legitimes militärisches Ziel einzustufen, so die NGO Human Rights Watch. Nachdem die libanesische Regierung zuletzt den Druck auf die Hisbollah erhöht hatte, verließen 117 Iraner, unter ihnen Diplomaten, den Libanon am Sonntag an Bord eines russischen Flugzeugs.
Vertreibung in Beirut und Südlibanon
Am Donnerstag hatte Israels Militär Massen-Evakuierungen in Südbeirut und Südlibanon angeordnet. Mehr als 300.000 Menschen sind durch die israelischen Angriffe im Libanon bereits vertrieben, schätzt die NGO Norwegian Refugee Council.
Notunterkünfte sind ausgelastet. Viele Menschen schlafen wie Noura Ahmad Hamzeh auf Straßen und öffentlichen Plätzen. Die Menschen haben Angst, Vertriebene aufzunehmen. Im vergangenen Jahr wurden Gebäude, die als Zuflucht dienten, selbst Ziel von Angriffen. Die Anspannung unter den Vertriebenen ist daher groß, besonders unter Schiit:innen, die unter Generalverdacht stehen und keine Bleibe finden.
Zugleich verstärkt Israels Armee die Bombardierungen im Südlibanon und weitet die Bodenoffensive aus. Luftangriffe zerstörten am Sonntag ein dreistöckiges Gebäude in Sir al-Gharbiya. 19 Menschen wurden getötet, darunter überwiegend Frauen und Kinder, berichtet die staatliche Nachrichtenagentur NNA. Auch in der Ortschaft Qana im Distrik Sour starben drei Menschen, berichtet die Zeitung L’Orient-Le Jour. In den Städten Tafahta und Jabal al-Butm wurden acht Menschen getötet und vier weitere verletzt.
Die Hisbollah erklärte, sie habe auf israelische Soldaten gefeuert, die in Grenzdörfer vorrücken wollten. Das israelische Militär meldete zwei in Südlibanon getötete Soldaten – die ersten seit der Wiederaufnahme des Kriegs am 2. März.
L’Orient-Le Jour meldete auch zwei Angriffe in der Nähe einer Beerdigung von Opfern, die am Samstag in Nabi Sheet in Baalbek getötet wurden. Dabei starben laut Gesundheitsministerium 41 Menschen. Laut lokalen Medienberichten sollen acht israelische Soldaten in dem Ort gelandet sein, um am Friedhof nach dem möglichen Grab des vermissten Piloten Ron Arad zu suchen.
Der ungelöste Fall ist eines der größten Rätsel in der Geschichte der israelischen Luftwaffe. Arad hatte am 16. Oktober 1986 einen Luftangriff im Libanon geflogen, durch eine technische Störung stürzte das Flugzeug ab. Arad und sein Kollege, der Pilot Yishai Aviram, konnten sich mit dem Fallschirm retten. Aviram wurde später von israelischen Soldaten befreit, Arad jedoch geriet in Gefangenschaft und gilt seither als vermisst.
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