NS-Gedenkort Papestraße in Berlin: An den Schrecken erinnern

Auf einem ehemaligen Kasernengelände befand sich ein SA-Foltergefängnis. Seit zehn Jahren gibt es dort eine Gedenkstätte.

Größtenteils im ursprünglichen Zustand erhalten: die Folterkeller in der Papestraße Foto: Harry Weber

BERLIN taz | Am ehemaligen Kasernengelände am Werner-Voß-Damm in Tempelhof weist ein unauffälliges Schild auf eine Gedenkstätte im Keller des Hauses 54a hin. Hier befand sich von März bis Dezember 1933 das SA-Gefängnis Papestraße.

Der Weg hinein führt hinunter in einen Keller: „Acht Bunker liegen zu beiden Seiten des 60 Meter langen Kellergangs. (…) Acht Bunker, mit einigen Hundert Verhafteten“, beschrieb der Schriftsteller Jan Petersen später den Ort. Seitdem hat sich erstaunlich wenig verändert. „‚General Papestraße‘ oder ‚Columbiahaus‘ wurden Begriffe, an die man im heutigen Groß-Berlin nur mit Schaudern denkt (…). Eine unbedachte Äußerung darüber ist (…) ausreichender Anlaß, um als neues Opfer in einer dieser berüchtigten Folterstätten zu landen“, warnte der Autor Roman Praschker bereits 1934 aus dem tschechischen Exil.

Am 7. April 2011 eröffnete der Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße am Werner-Voß-Damm 54a in Tempelhof.

Seit 2013 existiert eine Dauerausstellung, weitere Sonderausstellungen sind geplant, zum Teil in Kooperation mit Universitäten.

Zum Besuch der geöffneten Ausstellung sind eine telefonische Anmeldung und die Vorlage eines negativen Testergebnisses nötig.

Mehr Informationen gibt es auf der Webseite www.gedenkort-papestrasse.de. (taz)

„Das Gebäude ist heute der einzige historische Ort des frühen NS-Terrors in Berlin, in dem sich noch Spuren aus dem Jahr 1933 nachweisen lassen“, heißt es im Flyer der vor zehn Jahren eröffneten Gedenkstätte. „Die damals als Haftzellen genutzten Räume sind größtenteils in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten. An den Wänden befinden sich Zeichnungen, Datums­angaben und einzelne Wörter aus jener Zeit.“

Nach der Machtübernahme der Nazis wurde im Februar 1933 in Berlin die SA-Feldpolizei aus 180 SA-Männern rekrutiert. Hauptquartier wurde das Kasernengebäude in der Papestraße. Nach dem Reichstagsbrand Ende Februar 1933 erließ die Regierungskoalition unter Hitler die Reichstagsbrandverordnung, die mit einem Schlag alle persönlichen Freiheiten außer Kraft setzte.

Eine von 220 Folterstätten

„Damit hat die Feldpolizei das Recht, Menschen ohne vorigen Haftbefehl, ohne formale Begründung von der Straße, von zu Hause, von der Arbeit weg zu verhaften und auf unbestimmte Zeit festzuhalten“, erklärt Philipp Holt. Er ist Ausstellungskurator und stellvertretender Museumsleiter. „Ziel der Maßnahme ist vor allem die Ausschaltung der politischen Opposition, also KPD, SPD, Gewerkschafter und Journalisten, aber auch viele Menschen jüdischer Herkunft.“ In allen Berliner Bezirken richteten die Nazis Folter- und Haftstätten ein, über 220 waren es insgesamt.

Spätestens Mitte März 1933 wurde auch das Gebäude in der Papestraße zum Gefängnis. „Die Zustände waren katastrophal“, so Holt. „Es war ein improvisiertes Gefängnis, Ernährung und die hygienische Situation waren eine Katastrophe, aber es war auch ein Ort der gezielten Folter. So gut wie jeder Bericht von ehemaligen Häftlingen zeigt, dass hier mit äußerster Brutalität vorgegangen wurde.“

Zu den Gefangenen gehörten Leo Krell, Hertha Block und Erich Simenauer. Leo Krell war Volontär bei einer kommunistischen Zeitung und wurde als einer der ersten Häftlinge am 17. März in die General-Pape-Straße gebracht. Dort wurde er von den SA-Männern so schwer gefoltert, dass er in das Staatskrankenhaus der Polizei gebracht wurde, wo er am 21. März starb.

Die Bibliothekarin Hertha Block wurde mit zwei kommunistischen Schriftstellern am 28. Juni festgenommen. Sie musste eine Scheinhinrichtung eines ihrer Freunde mit ansehen. Jahre später wurde sie erneut verhaftet und verurteilt. Bis zum Ende der Nazizeit durfte sie nicht mehr im öffentlichen Dienst arbeiten.

Mindestens 30 starben an der Folter

Der jüdische Chirurg Prof. Dr. Erich Simenauer wurde am 1. April, dem Tag des Boykotts jüdischer Ärzte, Geschäfte und Rechtsanwälte, festgenommen und für vier Wochen in der Papestraße inhaftiert. Doch einer der SA-Männer war ein ehemaliger Patient Simenauers und veranlasste, diesen nicht zu foltern. „Rechts und links von mir wurden einige Leute mit Knüppeln so lange geschlagen, bis sie tot waren“, notierte Simenauer später.

Mindestens 30 Menschen überlebten die Folter nicht. Die meisten der inhaftierten Männer und Frauen, von denen nur rund 500 namentlich bekannt sind, gaben danach ihre politische Tätigkeit auf oder flüchteten ins Ausland. Im Dezember 1933 zog das SA-Gefängnis in die Alexanderkaserne in Mitte um. Doch damit „endet die Geschichte nicht“, so Holt; „es war eher nur der Vorbote für das, was danach kommt“.

Nach dem Krieg kamen die Täter fast alle straffrei davon, die Papestraße verschwand aus der Erinnerung. Erst ab Ende der 1970er Jahre begannen Initiativen, die Geschichte des SA-Gefängnisses zu recherchieren. „Niemand wusste so richtig, wo genau das war“, sagt Dr. Kurt Schilde, ein Mitbegründer der Geschichtswerkstatt Papestraße, die den Gedenkort erst möglich gemacht hat. „Der NS-Terror ist unbegreiflich – aber dies ist einer der authentischsten Orte, wo man noch sehen kann, wie es früher war.“

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