NGO-Report über Öko-Kautschuk-Projekt: Massive Kritik an Michelin

Eine NGO wirft dem Reifenhersteller bei einem Projekt Greenwashing vor. Michelin soll dabei die Abholzung auf Sumatra verschwiegen haben.

Ein junger Orang-Utan schaut nach oben

Gerade dort sehr bedroht: Orang-Utan auf Sumatra Foto: Charlie Dailey/eyevine/laif

BERLIN taz | Die Umweltschutzorganisation Mighty Earth wirft dem größten Reifenhersteller der Welt, Michelin, Täuschung bei einem Umweltprojekt vor, das ausdrücklich nachhaltige Investoren angeworben hat. Bei der Vorstellung des Vorzeigeprojekts „Royal Lestari Utama“ für nachhaltigen Kautschukanbau auf der indonesischen Insel Sumatra verschwieg der Konzern etwas Entscheidendes, heißt es in einem am Dienstag veröffentlichen Report: Dort habe der eigene Geschäftspartner den Regenwald abgeholzt. Es soll sich um 2.590 Hektar handeln, die im Zeitraum von 2012 bis Anfang 2015 in industriellem Maßstab geplündert wurden – 1.298 in einem Naturschutzgebiet.

Der Report basiert auf über anderthalbjähriger Arbeit; er enthält Satellitenbilder und eine Analyse der Geschäftsverbindungen. „Michelin wusste von dieser furchtbaren Waldzerstörung“, ist Alex Wijeratna, Kampagnendirektor von Mighty Earth, überzeugt. „Sie verhalfen dem Projekt zu einem grünen Deckmantel, um Investoren von Öko-Anleihen anzulocken“, sagt er. Bislang haben laut Report Investoren 95 Millionen Dollar in das angebliche Ökoprojekt gesteckt, darunter öffentliche Geldgeber. Die Investition wurde offensiv als nachhaltig beworben, heißt es in dem Bericht.

Das Kautschukprojekt ist ein Joint Venture zwischen Michelin und indonesischen Firmen aus dem Netzwerk der Barito-Pacific-Gruppe. Die wiederum gehört Prajogo Pangestu, der als Holzmagnat verschrien und laut Forbes der drittreichste Indonesier ist. Offiziell verdient er sein Geld nicht mehr mit Raubbau. Die Flächen befinden sich nahe dem Bukit-Tigapuluh-Nationalpark. In dessen Wäldern leben bedrohte Tiger, Elefanten und Orang-Utans. Auch zwei indigene Gruppen, die Talang Mamak und die Orang Rimba, leben im Tropenwald.

Michelin stellte sein „grünes“ Projekt im Mai 2015 offiziell vor. In der damaligen Pressemitteilung heißt es, die Konzessionsflächen seien „durch unkontrollierte Abholzung verwüstet“ worden. Das suggeriert, es handele sich um unbekannte Umweltzerstörer. Mighty Earth hingegen sagt nun, dass es eine Tochterfirma des Kautschuk-Joint-Ventures war, die für die Rodung vor allem verantwortlich war. Schon länger gibt es Berichte, dass für das Projekt Bauern unter Druck Land verkaufen mussten.

Michelin wurde vor Greenwashing gewarnt

Reportautor Wijeratna ist seit 2019 mit den verantwortlichen Konzernen im Gespräch. Er betont, dass Michelin bereits seit Oktober 2013 eine ganze Reihe von Untersuchungen in dem Gebiet durchgeführt habe. Es seien aber keinerlei Details aus der fraglichen Zeit transparent gemacht worden. Mighty Earth habe jedoch einen von Michelin in Auftrag gegebenen vertraulichen Bericht vom November 2014 zu Gesicht bekommen. Darin stehe, dass das Unternehmen von der von den Tochterfirmen durchgeführten Rodung wusste, so Wijeratna. Es sei auch explizit davor gewarnt worden, es zu positiv als Wiederaufforstungsprojekt darzustellen.

Skandalös ist, dass vor allem an Nachhaltigkeit interessierte Investoren, darunter auch öffentliche Geldgeber, in die Finanzierung eingestiegen sind, sagt Irene Knoke, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Verein Südwind. „Wenn wissentlich relativ aktuelle Abholzung im Spiel ist, dürfte eine solche Anlage nicht als Green Bond angeboten werden“, so Knoke.

Vertreter des Kautschukprojekts erklärten gegenüber der taz, alle Rodungen ihrer Tochterfirmen seien legal gewesen. „Wir weisen jede Unterstellung von Greenwashing zurück“, sagte das Unternehmen. Anfragen bei Michelin und dem WWF blieben bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Letzterer beriet Michelin bis März 2020 bezüglich des Kautschuk-Projekts und kooperiert weiterhin mit dem Reifenhersteller.

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