Musikerin Mabe Fratti: Statt Gott sorgt hier Musik für Ekstase
Die guatemaltekische Künstlerin Mabe Fratti ist umtriebig. Das beweist ihr neues, elektronisch grundiertes Duoalbum unter dem Namen Titanic.
Als die Berliner Musikerin, Netzwerkerin und Labelbetreiberin Gudrun Gut (of Malaria-Fame) zusammen mit Mabe Fratti, Avantgarde-Musikerin aus Mexiko-Stadt, während der Pandemie 2021 das Duo-Album „Let’s Talk about the Weather“ veröffentlichte, haben sich viele gefragt: Mabe wer? Erschienen ist das Werk zum 15. Geburtstag des Indielabels Umor Rex, das genau wie Gudrun Gut auch entlang der Achse Mexiko–Berlin tätig ist und bereits mehrere kollaborative Arbeiten herausgebracht hat.
Wer ein Faible für leicht abseitigen und zukunftsweisenden Pop hat, kommt an der in Guatemala aufgewachsenen Experimental-Musikerin Mabe Fratti jedenfalls nicht vorbei. Unlängst hatte die 33-jährige Cellistin und Sängerin etwa einen Gastauftritt im Song „I Can Go“, einem Cut vom Album „Essex Honey“ des britischen Hypnagogic-Popstars Blood Orange.
Doch Mabe Fratti, das zeigt „Hagen“, das zweite Album ihres Duos Titanic, muss man auch im Kontext ihres eigenes Schaffens bewerten und da geht es immer um mehr als nur um Avantgarde. Unter dem Alias Titanic arbeitet die Künstlerin mit ihrem kreativen und romantischen Partner, dem venezolanischen Gitarristen Héctor Tosta, zusammen.
Klang der Vorgänger „Vidrio“ (2023) noch eher postminimalistisch, gelingt es den beiden diesmal, aus ungewöhnlichen Zutaten Popsongs zu spinnen, manchmal auch mit Ohrwurmqualität.
Flauschiger Dreampop
In den bei aller Versponnenheit zugänglichen Songs steckt Verschiedenstes, von progrockig klingenden Gitarren bis zu flauschigem Dreampop. Die Ausbildung am Konservatorium, die sowohl Tosta als auch Fratti durchlaufen haben, reibt sich an einer punkigen Energie: Kammerjazz und Artpop finden ungestüm zusammen – und klingen in den Songs doch geschmeidig, fast elegant.
Im Stück „Escarbo Dimensiones“ etwa macht zunächst ein sparsamer Beat Räume auf. Dann schwingen sich immer neu hinzukommende Sounds auf den Groove ein. Angetrieben wird das vom frenetischen Zusammenspiel von Tostas E-Gitarre und Frattis gezupftem Cello, getragen auch von ihrer luftigen Stimme. Auch in anderen Tracks bewahrt ihr Gesang den dichten Sound vor Überfrachtung und erzeugt Leichtigkeit.
Kein Wunder, dass sich die Hörerin bisweilen an den New Yorker Arthur Russell erinnert fühlt, der ebenfalls mit dem Cello als Signaturinstrument Brücken baute zwischen Folk, Disco und Downtown-Avantgarde. Auch das experimentelle Spätwerk der britischen Artpopband Talk Talk taucht bei der Einordnung von Frattis Schaffen oft als Referenzpunkt auf – wenngleich es bei ihr doch ungleich vergnügter zugeht.
Improvisieren in der Pfingstkirche
Das gilt auch für ihr freigeistigen Soloalbum „Sentir Que No Sabes“ (2024), ebenfalls ein große Schritt aus der Avantgarde-Nische. Ihre musikalische Sozialisation hatte sie in der Pfingstkirchengemeinde ihrer Eltern. Dort lernte sie auch das Improvisieren. Musikspielen „fühlte sich so gut an – es war, als würde ich schweben“, erzählte sie dem US-Online-Magazin Pitchfork.
Aber als sie im Teenageralter vom Glauben abfiel, wurde ihr klar – für Ekstase sorgt nicht Gott, sondern die Musik. Sie probierte sich in allerhand Genres aus, von Reggae bis Postrock. 2016 wurde sie vom Goethe-Institut zu einem Stipendium nach Mexiko-Stadt eingeladen. Dort dockte Mabe Fratti an die lebendige Avantgarde-Szene der Stadt an – und ging bald ganz dorthin.
Seither mischt die umtriebige Musikerin in unterschiedlichsten Kontexten mit: im jazzig grundierten Minimalismus des New Yorker Posaunisten (und Arthur Russell-Begleiters) Peter Zummo ebenso wie beim gradlinigen Sound der mexikanischen Neo-Krautrock-Combo Sei Still. Einflüsse, die über Bande auch in Mabe Frattis Solowerk auftauchen. Für Flow und den nötigen Kitt sorgt der emotionale Gesang in ihrer Muttersprache.
Titanic: „Hagen“ (Unheard of Hope/Word&Sound)
Mit Costa hat sie einen kreativen Partner, der ebenfalls rotzige Abenteuerlust mit verschmitzter Eleganz auszubalancieren weiß. Und auf der Bühne ist die Chemie zwischen den beiden, das zeigten sie unlängst auf Tournee mit Band, bemerkenswert. Von Titanic und Mabe Fratti, ob im Duo oder als Solistin, ist noch einiges zu erwarten.
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