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„Music Can Hear Us“ von DJ KozeMit der Gondel ins Klanggebirge

Die Welt ist schlecht. DJ Koze und Gäste wie Markus Acher und Anja Plaschg machen sein Album „Music Can Hear Us“ dennoch zum Gesamtkunstwerk.

Pamparecords-Headhoncho in Poncho: DJ Koze Foto: Daniel Zerbst

Berlin taz | Das Monster namens schlimme Entwicklungen drängt all das, was lebenswert ist, an vielen Orten in die Defensive. Immerhin, in Hamburg hat jemand ein Einsehen: DJ Koze. „Music Can Hear Us“ ist sein heute erscheinendes neues Werk betitelt.

Im Walten des elektronischen Zeremonienmeisters wird das Unheil zurückgewiesen. Musik wirkt dabei als eine Art Tonikum. Es kann das Krisenherde-Monster zwar nicht fortzaubern, aber lindert durch forschende Weltaneignung wenigstens den Schmerz, den es verursacht.

Was hört die titelgebende Musik von uns? „Sie kann spüren, was wir in den Tiefen empfinden. Sie hört unser Leid, unsere Hoffnung, unsere Emotionen. Mit jedem Atemzug. Eventuell kann Musik uns auch heilen,“ erklärt Koze der taz und spielt an auf ein geistesverwandtes Werk, das die positiven Fliehkräfte auch im Titel trägt. „Music Is The Healing Force Of The Universe“ vom US-Jazzsaxofonisten Albert Ayler, entstanden am Ende der 1960er Jahre, zu einer anderen Zeit, deren gesellschaftlicher Fortschritt ebenfalls ernsthaft bedroht war.

Der perfekte Soundtrack, um barfuß auf glühender Lava zu tänzeln. Könnte ja zum letzten Mal sein

Immer für uns da

„Musik ist immer für uns da, gerade jetzt ist das wichtig,“ sagt Koze und verweist auf den Ecce- Homo-Effekt in seinem Sound. Wo man tagtäglich die Hände über dem Kopf zusammenstürzen möchte, wegen der Gesamtscheiße, klingt Kozes Musik so gar nicht nach Hinschmeißen. Dabei kommt sie ohne blinden Aktivismus daher, ist null selbstzufrieden und klingt auch nie zu beschaulich. In 14 Tracks fächert der Produzent auf unnachahmlich filmrissige Koze-Art einen Reigen auf.

DJ Koze

DJ Koze: „Music Can Hear Us“ (Pampa/Rough Trade)

DJ-Set 27. April 2025 „Else“ Berlin

Nennen wir es Songwriter-House, perfekt, um barfuß auf der glühenden Lava eines Vulkans zu tänzeln, es könnte ja zum letzten Mal sein. „Ich kann mich kaum noch halten/Unter meinen Füßen fängt der Boden an zu schwanken“, singt Sophia Kennedy in dem angeschickerten Track „Der Fall“. Klimawandel, Faschismus, Krieg, alles sorgt hier für Eruptionen.

Wie immer bei Koze, entstehen Reibungen im Zusammenspiel mit illustren Gästen (darunter der britische Popstar Damon Albarn, Sofia Kourtesis, Soap&Skin, Markus Acher und das japanische Vokal-Quartett Marewrew). Wo auf Feature-Alben gerne die Gaststimmen prätentiös nach vorne gemischt sind, lässt Koze neue Stimmen und alte Bekannte wie Sophia Kennedy und Ada in kontemplativen solistischen Momenten, wenn er Beats, Hooklines und Glitches weitab vom Schlachtengetümmel im Alleingang sondiert, im Grotesken und Ungewohnten glänzen.

Schlaflied mit David-Lynch-Touch

Ada inszeniert Koze mit einem Lullaby, der verblüffend nach David Lynch und Lana del Rey klingt. Er hat immer eine Wertschätzung für die Gäste, aber biedert sich nicht unnötig bei ihnen an. „Ich versuche ihnen ein Plätzchen zu schaffen, an dem ich sie immer schon gesehen habe, vielleicht sie selbst aber noch nicht. Und trotzdem hat es einen Bezug zu meinem Koordinatensystem.“

Koze fährt seit langem mehrgleisig. Früher als Teil von Fishmob, als Drittel des Trios International Pony, dann als schwer zu kategorisierender DJ-Don, Labelboss von Pampa Records, richtig ernsthafter Popproduzent für Roísín Murphy, wobei er einräumt, dass ihn speziell dieser Job geschlaucht habe.

All die kuratorischen Stränge führt der Hamburger auf „Music Can Hear Us“ zu einem Gesamtkunstwerk zusammen. Ein Geleitwort bildet den Auftakt: „Out beyond ideas of rightdoing, or wrongdoing, there’s a field. And I meet you there,“ erklärt eine sonore Stimme. Jenseits von Schwarz-weiß-Denke und Nonstop-Positionierungszwang zitiert Koze den persischen Dichter Rumi, um sich zu verabreden.

Meteorit verglüht

Die Musik von „The Universe in a Nutshell“ nimmt die Hookline einer Sitar auf, spielt mit ihrem Klang. Der Beat erscheint als Klopfzeichen, die Hookline vervielfacht und verliert sich im Echo, das am Ende wie ein verglühender Meteorit am Himmel ausfadet. Damit ist der Ton gesetzt. Die Atmosphäre der Musik weckt Erinnerungen an die 1960er Jahre, als sich Popstars wie die Beatles in Indien seelische Heilung erhofften. Wir wissen, wie es ausgegangen ist.

„Music Can Hear Us“ findet an keinem Ort innere Ruhe. Die Musik bleibt konstant in Bewegung, eignet sich beim Unterwegssein so viel Kultur an, dass dann mehrere Konferenzen bei der Körber-Stiftung über kulturelle Aneignung stattfinden könnten. Dabei zitiert Koze korrekt und behandelt das Ausgangsmaterial mit Würde. „Das Intro eröffnet meine Spielwiese und es gibt mir die Vogelfreiheit, damit ist alles erlaubt. Im Aufnahmeprozess war es dagegen das letzte Fitzelchen, da waren alle Tracks längst fertig, dann erst kam diese Stimme: Schön, dass Du da bist, es wird alles gut – auch wenn das jetzt noch keinen Sinn macht.“

Das Unbeschwerte, drall-Lustige früherer Koze-Alben ist auch noch da, in manch verzerrten Stimmen und Synthsounds blitzt es auf. Stärker im Vordergrund sind inzwischen Ängste, Alltagssorgen, all das, was die Leichtigkeit des Koze-Seins erschwert. Ende der Neunziger nannte sich Stefan Kozalla gelegentlich Adolf Noise, wenn er Lust hatte, HipHop dadaistisch aufzubohren. „Über das Pseudonym habe ich noch nie nachgedacht. Damals konnte man jedenfalls solche Wortspiele machen, weil es in sich noch so grotesk war. Die Nazizeit lag scheinbar weit zurück. Inzwischen hat alles in Rekordzeit eine brisante Wendung genommen.“

Draußen im Chaos

Koze sagt, dass ihm der Aufstieg der AfD Angst macht, und spricht aus, was sehr viele Menschen denken. „Falls die gewinnen, gibt es keine taz mehr, kein FluxFM.“ Wo die Rechten auf die Scholle pochen, auf eine miefige Schildbürgerwelt, in der alles am „angestammten“ Platz steht, sucht Koze sein Heil draußen im Chaos der Welt und findet überall interessante Zugänge, neue Perspektiven.

Die Hö­re­r:in­nen nimmt er für seine Klangreise an die Hand. Anders als es die „Bliss Points“ beim Streaming vorschreiben, so schnell wie möglich Gesang einzusetzen, gibt es auf „Music Can Hear Us“ keine Instant-Grütze, der Mitsinghölle wird ein doppelter Boden eingezogen. „Normalerweise springt einen jedes Lied mit einem Refrain, mit einem Prelude an. Ich kann mich deswegen aber nicht nach den Hörgewohnheiten von anderen richten. Darin wäre ich nicht so gut. Meine Musik hat Tiefe, sie verlangt den Leuten ganz schön viel ab.“

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Bei „What about us“ mit dem bedächtigen Brummen von Markus Acher, schlingert ein Trap-HiHat umher und zum Finale verschliert eine sprödere Fassung von Achers Stimme die Hookline. „Vamos a la Playa“, der balearische Sommerhit 1983 von Righeira wird in einer radikal- verlangsamten Version von Anja Plaschg (Soap&Skin) und Koze unter dem Titel „A Dónde Vas“ neu interpretiert, dass einem auf dem Dancefloor Gespenster begegnen und gleich nochmal als Reprise hinterher Gespenster in Zeitlupe.

Fischkadaver am Strand

Bereits das Original war subversiver, als es der Ballermann erlaubt. Da wimmelte es von stinkenden Fischkadavern am Strand. „Der Songtext ist eine ironische Anspielung auf radioaktive Strahlung und eine nukleare Katastrophe. Das war der absolute Megatrojaner. Als Zehnjähriger habe ich das null geschnallt.“

Spätestens mit der Gothic-Düsternis, die der Gesang von Soap&Skin nun verströmt, wird klar, dass das neue DJ Koze-Werk wie ein Komposthaufen funktioniert, der aus dem Abfall Nährstoffe filtert. Es klingt nicht immer schön, rumpelt gewaltig und tut manchmal weh. „An Hässlichkeit verschwende ich keine Zeit. Die existiert gar nicht in meiner Wahrnehmung von Musik. Eher ist das so eine entfremdete Düsternis. Ich zaubere unbehagliche Ebenen drunter, damit die Stimme transformiert wird. Wie bei einem Horrorfilm. Alles läuft gut, aber irgendwann siehst Du einen Umschnitt und hinterm Baum atmet einer tief. Ach Du Scheiße! Der Urlaub wird nicht gut enden, oder doch, aber man weiß es halt nicht.“

Die entscheidenden Wirkungstreffer auf „Music Can Hear Us“ setzt Sophia Kennedy, ob beim Scatten in „Buschtaxi“ oder beim Fluchtkrimi „Die Gondel“: „Mit der Gondel ins Gebirge/Von wo aus ich verschwinde“. DJ Koze bleibt in seiner Musik immer hörbar. Auch wenn er anderen den Vortritt lässt.

Bis es zur Zusammenarbeit mit der japanischen Vokalgruppe Marewrew kam, vergingen zwei Jahre. Das Quartett, das von der Nordinsel Hokkaidō kommt, interpretiert traditionelle Ainu-Gesänge. Koze begeisterte die Künstlerinnen mit seiner Idee: Er bettete den Gesang in ein indonesisches Gamelan-Ambiente mit Jazzgroove ein. „Die Melange muss irgendwie stimmen. Das ist Psychedelik für mich.“

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