Moralischer Kapitalismus: Der Sog der Finanzwelt

Enthemmt beim Erwerb – gehemmt im Genuss: Der Wirecard-Skandal zeigt einen ökonomischen und gesellschaftlichen Widerspruch im System.

Headquarter von Wirecard in Aschhheim

Hier hat die Gier gesiegt: Wirecard in Aschheim Foto: Andreas Gebert/reuters

Skandale, bei denen es um Geld, um sehr viel Geld, geht, sie reißen nicht ab. Wie jener um den Münchner Finanzdienstleister Wirecard. Er bewegt sich zwischen persönlichen Verfehlungen, Gier, kriminellen Energien, Betrug, Bilanzfälschungen und Fantasiegeschäften.

Auffällig sind dabei strukturelle Verfehlungen von Aufsicht, Kontrolle und Prüfung. Aber jenseits all dessen wird gerade an diesem Skandal etwas Grundlegendes sichtbar: Hier zeigt sich ein ökonomischer und gesellschaftlicher Widerspruch im System.

Auf der einen Seite gibt es ein ökonomisches System, das auf ständige Steigerung des Gewinns ausgerichtet ist. Auf Wachstum. Ohne Grenze. Ohne Ende. Ohne Bremse.

Ein System, das permanent Innovation, Erweiterung und Dynamik braucht. Und fordert. Ein solches System bedarf eines entsprechenden Antriebs: Es muss Menschen in Bewegung setzen, sie animieren, sie anspornen, diese Spirale weiterzutreiben. Immer weiter. Und die Finanzwelt mit ihrem Versprechen vom leichten und schnellen Geld hat dabei (immer noch, trotz Finanzkrise) eine besondere Verführungskraft, eine besondere Anziehungskraft, ja geradezu eine Sogwirkung.

Moralischer Kapitalismus

Auf der anderen Seite gibt es berechtigte Empörung und ein viel weniger berechtigtes Erstaunen, wenn sich Dynamik als Gier, Steigerung als Regelübertretung, Innovation als Skrupellosigkeit und Beschleunigung als kriminelle Luftschlösser erweisen. Das mag empören. Aber erstaunen?

All diese Übertretungen sind nicht einfach nur charakterliche Mängel. Die Leute sollen dynamisch sein – aber nicht zu viel. Gierig – aber in Maßen. Innovativ Regeln überspielen – aber moralisch bleiben. Kurzum: die psychischen Energien, die das System erhalten, sind genau jene, die es in Sackgassen à la Wirecard-Skandal manövrieren.

Persönliche Verfehlungen sind gewissermaßen vorprogrammiert, wenn es – und das ist der springende Punkt – keine Gegenkräfte gibt. Zentrale Gegenkraft wäre ein Staat als Kontrollinstanz. Dieser hat aber die Tendenz, sich immer mehr darauf zu beschränken, nur die Rahmenbedingungen der ökonomischen Freiheit zu sichern. Die andere, die gesellschaftliche Gegenkraft wäre die Moral. Ein moralischer Kapitalismus?

Es war der Ökonom und Soziologe Max Weber (1864–1920), der gezeigt hat, wie Moral – in dem Fall die protestantische Ethik – den Kapitalismus in seinen Anfängen zugleich befördert und gezähmt hat. Befördert, indem sie das Gewinnstreben von den traditionellen Hemmungen befreit, indem sie es als „gottgewollt“ ansah. Profit wurde damit also ethisch gebilligt. Gezähmt aber hat sie den Kapitalismus, indem der Konsum dieses Reichtums, das unbefangene Genießen, verboten wurde.

Nach der Logik von Profit und Konkurrenz

Ein Leben unter dem asketischen Verdikt sollte die Charaktere eines moralischen Kapitalismus bilden: Enthemmt beim Erwerb – gehemmt im Genuss. Eine „Erwerbsmaschine“ mit Verantwortungsgefühl, die den Profit nur gesetzmäßig „ohne Schaden für die eigene Seele und für andere“ anhäuft – gegen triebhafte Habgier.

Asketische Moral war also Gegengewicht zum reinen P­rofit. Es war eine Gesellschaft, die nach zwei Prinzipien, nach zwei Logiken funktioniert hat, die sich gegenseitig in Schach hielten. Nicht dass das ein ideales Programm gewesen wäre. Es war wahrlich kein Paradies – aber die Entwicklung seither ist alles andere als eine Verbesserung.

Dieses Gegengewicht, ihre moralischen, religiösen, gesellschaftlichen Gegenprinzipien haben sich längst aufgelöst. Der siegreiche Kapitalismus bedurfte, so Weber, dieser Stütze nicht mehr. Er hat sich in ein „stahlhartes Gehäuse“ verwandelt.

Es ist ein Kennzeichen des Neoliberalismus, dass wir gegenwärtig in einer Gesellschaft leben, die in allen Bereichen nur mehr einer Logik gehorcht: der Logik von Profit und Konkurrenz. Damit hat sie kaum Ressourcen, die Gier, die sie uns abverlangt, einzuhegen. An den diversen Skandalen wird dies sofort sichtbar. Eine „Erkenntnis“, für die viele Leute, Sparer, Anleger, aber auch der Staat einen hohen Preis zahlen.

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