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Gusel Jachina kommt dem sowjetischen Filmregisseur Sergej Eisenstein in ihrem Roman nahe. Nebenbei erzählt sie, wie der Osten auf den Westen prallt und beide um Vorherrschaft ringen

Von Julian Weber

Maskirovka“, so wird die bis heute gültige, bereits seit den 1940ern angewandte sowjetrussische Militärstrategie genannt, bei der der Gegner durch einen Mix aus Desinformation, technischen Tricks und Fiktionalisierung hinters Licht geführt werden soll – mit zuweilen tödlichen Folgen.

Masken spielen eine Hauptrolle in Gusel Jachinas dokumentarischem Roman „Eisen“, der eine fiktionalisierte Biografie des berühmten sowjetischen Filmregisseurs Sergej Eisenstein (1898-1948) unternimmt. Einem Künstler, der sich zu Lebzeiten oft verstellen muss, um an Zensur und Politik vorbei zu überleben. Eisensteins erste Tat als Filmschaffender ist 1924 der Umschnitt des expressionistischen Stummfilmklassikers „Dr. Mabuse“ von Fritz Lang, den er mit der Cutterin Esfir Schub für den sowjetischen Markt bearbeitet, bis der Film unter dem Titel „Vergoldete Fäulnis“ in den Kinos anlaufen darf.

„Eisen“ gelingt als Roman eine Verdichtung von individueller, künstlerischer und historisch-politischer Ebene. Wer Eisensteins Memoiren „Yo. Ich selbst“ kennt, kommt durch den Kaleidoskopcharakter, mit dem die Autorin das Leben des Regisseurs neu auffächert, auf die Kosten. Wer bislang wenig über Eisenstein weiß, wird von ihrem Werk angeregt, mehr zu erfahren.

Der Zwiespalt aus Fakt und Fiktion – so beschreibt es Jachina – wird Eisenstein schon im großbürgerlichen Elternhaus in Riga vermittelt. Der Vater, ein oft abwesender Architekt und Patriarch, die Mutter, eine sexuell selbstbestimmte Frau, die Gefühlsmasken im Umgang mit der Familie und der Hausangestellten trägt – von gütig bis kalt. Diese „wechselten wie die Bilder in einer Laterna magica“, schreibt Jachina. Die Trennung der Eltern, ihre theatralischen, auch gewalttätigen Streitereien prägen das Kind und führen zum Wegzug der Mutter nach Sankt Petersburg.

Den Plot offenhalten

Der Filmemacher sei „ein sehr komplizierter, widersprüchlicher, irrlichternder Mensch“, schickt die tatarische Autorin in einer kurzen Ansprache an die Le­se­r:in­nen voraus, der ihrer Meinung nach nicht enträtselt sei. Daher will sie von dem Regisseur „ein künstlerisches Bild möglichst nahe an den Tatsachen“ entwerfen. Gusel Jachina liefert auch eine Beschreibung der sowjetischen Gesellschaft in Eisensteins Zeit, und sie erzählt nebenbei, wie der Osten auf den Westen prallt, wie beide um Vorherrschaft ringen.

Den Plot offen und unerwartet zu halten, ist der Autorin über weite Strecken gelungen, in denen die 49-Jährige eine auktoriale Erzählperspektive einnimmt, die distanziert und zugleich mitfühlend klingt. An keiner Stelle ist „Eisen“ jedoch so „over the top“ inszeniert, wie etwa der britische Regisseur Peter Greenaway in seinem Spielfilm „Eisenstein in Guanajuato“ den Kollegen dargestellt hat.

Jachina spiegelt Eisensteins Karriere an den politischen Umbrüchen und kinematografischen Einfällen und kanalisiert diesen ständigen Wandel in einem ruhigen erzählerischen Fahrwasser. Sie lässt dadurch etwas postheroische Luft aus dem Starregisseur und nimmt die psychologische Ebene des Menschen näher in den Blick. „Eisen“ macht den immensen politischen Druck, den sein Wirken umgab, begreifbar, falsche Flurbereinigungen werden ausgespart.

Makellos übersetzt hat Helmut Ettinger, einstiger Chefdolmetscher von Erich Honecker und DDR-Diplomat in China, der bereits die früheren Romane der Autorin ins Deutsche gebracht hat. Kriegsgegnerin Jachina hat ihre Heimat nach Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine Richtung Kasachstan verlassen. Damit hat sie mit dem tragischen Helden ihres Romans etwas gemein, der 1941 aus Schutz vor der angreifenden Wehrmacht mitsamt den sowjetischen Filmschaffenden aus kriegswichtigen Gründen von Moskau nach Almaty umgesiedelt war und vor Ort seinen letzten Film „Iwan der Schreckliche“ realisiert hat.

Hinter der Maske eines Gelehrten

Ausführlich wird in „Eisen“ (so der Spitzname des Regisseurs) auch das filmische Werk behandelt. Eisensteins Stummfilmdebüt „Panzerkreuzer Potemkin“ kam vor 100 Jahren ins Kino und feiert 1926 zunächst vor allem im Deutschland der Weimarer Republik, in Frankreich und den USA größere Erfolge als in der UdSSR. In Skandinavien, Italien und Spanien wurde der Film dagegen verboten. Akribisch beschreibt Jachina (die die Moskauer Filmhochschule im Fach Drehbuch absolvierte), die internationale Rezeptionsgeschichte, schildert auch, wie der Filmemacher und sein Stab Strapazen von Dreharbeiten in der Sowjetunion erleben und mit welchen Tricks sie in der Ausstattung die Mangelwirtschaft umgehen und beim Schnitt die Zensur. „Eisenstein verbarg sich hinter der Maske eines Filmgelehrten“, formuliert Jachina.

„Potemkin“, Eisensteins Verfilmung eines niedergeschlagenen Matrosenaufstands während des russisch-japanischen Kriegs 1905, wird auch durch die gewagten Bilder des Kameramanns Eduard Tissé zu einem künstlerischen Erfolg der jungen Kunstform Kino.

Die Autorin zeichnet Eisenstein als einen Kulturschaffenden, der der jungen Sowjetunion mit seinen Filmen zu größerem Ansehen verhelfen will, aber schon bald an die Grenzen von Macht und Wohlwollen stößt. Der mit seinen Selbstzweifeln so hadert, dass die Mutter ihm gute Kritiken aus der internationalen Presse vorlesen muss. Ein international gefeierter Regisseur, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere 1929, während er im Ausland filmwissenschaftliche Vorträge an der Sorbonne und in Cambridge hält, von den kapitalistischen Fliehkräften der US-Filmindustrie zerrupft wird und mit seinem künstlerisch anspruchsvollen Stoffen in Hollywood scheitert; der zahlreiche Projekte, wie einen monumentalen (vom US-Schriftsteller Upton Sinclair finanzierten) Film über Mexiko (1930), nicht zu Ende bringt. Und hier kommen wieder die Masken ins Spiel: Mexikanische Totenmasken, die den sowjetischen Regisseur faszinieren und zu eigenen Figuren in seinen Filmen anregen.

Zurück in der UdSSR gerät Eisenstein 1932 tiefer in die Mühlen des Stalinismus und muss regelmäßig beim gefürchteten Diktator vorsprechen, dem „Zuschauer Nummer eins“. Jachina schreibt von Stalin nur als „Er“ und „Ihm“. Dem Stalin-Revival des Putinismus liefert sie keine Steilvorlagen. Im Gegenteil, in den eiskalten Szenen mit dem Diktator stellt die Autorin die Kaninchenstarre des untergebenen Künstlers ohne Zuckerguss dar. Überleben wird er den stalinistischen Terror wohl nur, weil seine Filme nützlich für die Außendarstellung der UdSSR sind und propagandistisch ausgeschlachtet werden können. Enge Freunde Eisensteins werden dagegen reihenweise in Gefängnissen und Straflagern ermordet.

Spektakuläre Schnitttechniken

Bereits vor Stalins Schreckensherrschaft war die Sowjetunion ein gewalttätiger Ort, in einer allgemein gewalttätigen Epoche, Gusel Jachina ordnet dieses blutige Geschehen in neun Kapitel ein, die jeweils nach Filmtiteln anderer Regisseure benannt sind, deren Werke von Eisenstein beeinflusst sind. „Matrix“ heißt das letzte Kapitel, benannt nach einem Film der Wachowski-Schwestern.

Eisensteins künstlerische Gratwanderung fädelt die Autorin wie an einer Perlenkette auf. Für seine spektakulären Schnitttechniken, „Montage der Attraktionen“ genannt, wird er gefeiert. Als Avantgardist schafft es Eisenstein in den 1920ern, Filmkunst, Geschichte und technische Gegenwart so zu vereinen, dass die jeweiligen Kontraste bestehen bleiben. Aus Mangel an dokumentarischen Wochenschauaufnahmen entwickeln sich Eisensteins Werke in der UdSSR selbst zu Nachrichtenbildern, seine Fiktion wird Realität. Die Realität bekommt eine Maske.

„Das Ziel der kommunistischen Gesellschaft ist die Aufhebung der Klassenunterschiede“, formuliert Georg Lukács. Sergej Eisenstein – so stellt es Jachina auf der individualistischen Ebene ihres Romans dar – rebelliert mit der Filmkunst gegen den bürgerlichen Vater, zeichnet und schauspielert lieber, als in dessen Fußstapfen zu treten, und schließt sich nach den Wirren der Oktoberrevolution (in der er als Soldat der Roten Armee weit hinter den Linien Gräben aushebt) zunächst einer Propagandatheatergruppe an, für die er Bühnenbilder entwirft. Als erfolgreicher Künstler kommt er mit der Proletarisierung der Sowjetunion nicht mehr zurecht.

„Eisen“ lässt die theoretischen Macken des frühen Kommunismus eher außen vor, die psychologischen Macken von Eisenstein und den Aufstieg des Films als neue Sphäre der Kunst bekommt Jachina spielerisch unter einen Hut. Die Verhärtung in der zweiten Hälfte der 1920er, als die Herrschaft der sowjetischen Führung autokratische Züge annimmt, die Kollektivierung, der Formalismusstreit, all das wird elegant gestreift. Eisensteins Umgang mit Frauen, seine ungeklärte Sexualität, sein enges, gleichwohl gestörtes Verhältnis zur Mutter. Aber auch der Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm, die liberale Atmosphäre im Berlin der 1920er, die Businessmentalität in Hollywood. „Eisen“ ist vorzüglich recherchiert und birgt eigentlich den Stoff für drei, vier Romane in sich. Und trotzdem liest man die Story in einem Zug weg.

Gusel Jachina: „Eisen“. Aus dem Russischen von Helmut Ettinger, Kanon-Verlag, Berlin 2026, 568 Seiten, 32 Euro

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