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Misogynie und RassismusSo sieht Safe Sport nicht aus

Der Jahresbericht der Anlaufstelle für Betroffene von Gewalt im Sport weist Lücken auf. Was darin fehlt.

Die Gewaltvorwürfe im deutschen Turnen müsste doch die Safe Sport-Bewegung erst recht mobilisieren Foto: Uwe Anspach/dpa

D ie Unabhängige Ansprechstelle Safe Sport hat erstmals einen Tätigkeitsbericht herausgegeben. Bei der Ansprechstelle handelt es sich um einen eingetragenen Verein mit dem Zweck der Förderung des gewaltfreien Sports. In Zukunft soll daraus ein institutionalisiertes Zentrum für Safe Sport werden, das hat die Ampelregierung jedoch nicht mehr geschafft.

Mit ihrem nun veröffentlichten ersten Tätigkeitsbericht, garniert mit einem markigen Vorwort von Noch-Innenministerin Faeser, will die Ansprechstelle deutlich machen, dass sie gebraucht wird. Dabei bleibt sie seltsam blutleer – angesichts der aktuellen Fälle im Turnen könnte sie ja durchaus mit Energie agieren.

Doch weder in ihrem genuinen Feld interpersonale Gewalt als auch grundsätzlich bei der Betrachtung der im klassischen Leistungssport strukturell durch Hierarchie, Macht und Geld existenten Gewalt macht der jetzt erschienene Bericht Mut, dass sich im weißdeutschen, männlich-heterosexuellen, gerade in den Randsportarten finanziell schlecht ausgestatteten Sport irgendetwas ändern wird. Kritisches Denken sucht man in dem Bericht vergeblich.

An sich könnte die moderne Zeit ja auch vor dem Sport nicht haltmachen, doch noch scheint diese Zeit nicht gekommen. Mit Worten garnierte Excel-Forschung stellt den Kern des Tätigkeitsberichts dar. Knapp 300-mal wurde die Ansprechstelle seit Mitte 2023 kontaktiert. Die in dem Bericht am häufigsten genannten Sportarten sind Fußball, Kampfsport und Leichtathletik. Unklar bleibt, was mit Breitensport und was mit Leistungssport gemeint ist, wo denn eigentlich die Grenze zwischen beidem verläuft. Die meisten Fälle wurden aus Berlin berichtet, was für ein lokales Netzwerk spricht, die Geschäftsstelle ist in Berlin-Friedrichshain.

Keine Zahlen zu juristischen Konsequenzen

Zumeist waren Kinder und Jugendliche von 14 bis 18 Jahren betroffen, zwei Drittel davon weiblich. Die am meisten berichtete Gewalt war die psychische Gewalt, darauf folgte die sexualisierte. Die derzeit in den Medien häufig berichtete digitale Gewalt hingegen spielt keine große Rolle.

TäterInnen waren überwiegend TrainerInnen, nur selten wurde von anderen, hierarchisch gleichgestellten MitsportlerInnen als TäterInnen berichtet. Oftmals, so der Bericht, fanden die Berichtenden bei ihren Sportorganisationen selbst kein Gehör. 42 Prozent erhielten von Safe Sport juristische Beratung, 36 Prozent psychologische und 22 Prozent beides. Zu wie vielen Anzeigen die Gespräche geführt haben, offenbart der Bericht nicht. Dafür gibt der Bericht wortreich wieder, welche Ängste mit einer Anzeige verbunden sein können.

Das passt sicherlich zu dem Diskurs, in dem sich der Sport selbst bewegt, nämlich Polizei, Bundeswehr und Bundesverwaltung, sollte im Jahr 2025 aber dennoch durch modernere Instrumente wie queere und körperpolitische Ansätze ergänzt werden. Traurige Realität in der Aufarbeitung von Gewalt im Sport ist der Fokus auf Kinder und Jugendliche und damit die relative Blindheit für Sexismus und Misogynie im Sport. Gearbeitet wird mit Excel, Strukturen sind nicht von Interesse. Rassismus findet nicht statt.

Zuletzt wird das strukturell wohl nicht gewaltfrei realisierbare Kadersystem nur am Rande betrachtet. Auch die schlechte Bezahlung der TrainerInnen gerade in den Randsportarten und ihre Realitäten verdienen Beachtung, wenn das Problem interpersonaler Gewalt wirksam angegangen werden soll. So bleibt am Ende nur der ernüchternde Ratschlag, dass man selbst auf seine Kinder achtgibt, wenn man sie in das Kadersystem des deutschen Sports schickt.

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