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Michael Brake GeschmackssacheDa wächst Salat auf dem Dach

Ein eher abseitiges Hobby von mir ist es, mit dem Fahrrad durch Berlins Randbezirke zu streifen. Dabei stieß ich neulich in Lankwitz auf ein ungewöhnliches Bauwerk. Mächtige hölzerne Säulen hatte es, die sich nach oben hin zu einem komplexen Gestapel aus dünneren Holzstreben erweiterten. Als hätte ein sehr talentierter Riese Jenga gespielt oder jemand versucht, einen asiatisch anmutenden Tempel im Computerspiel Minecraft nachzubauen. Und als Krönung standen obendrauf noch Glashäuser.

Was ich für ein Gebäude der nahen Freien Universität hielt, entpuppte sich als: Rewe. Ein riesiger Avantgardesupermarkt tief im Berliner Süden. Im hohen Innenraum setzte sich die hölzerne Struktur bis zur Decke fort und sah noch beeindruckender aus. Eröffnet wurde der Markt erst Ende Mai, „Rewe Green Farming“ nennt sich das Konzept, das zuvor nur in Wiesbaden erprobt wurde: ein Bau komplett aus Holz, auf dessen Dach Rewe im großen Stil Salat anbaut. Dafür wird unter anderem die Abwärme des Supermarkts und gesammeltes Regenwasser genutzt. 500 Filialen sollen damit versorgt werden. Tatsächlich war es ein spezielles Gefühl, in einem Supermarkt etwas zu kaufen, das bei minimaler Lieferdistanz am gleichen Tag geerntet wurde.

Der Lankwitzer Tempel-Rewe sieht aus wie die grüne Einzelhandelszukunft. Oder ist er nur ein Vorzeigeprojekt für PR, Greenwashing gar? Es gibt gute Gründe, die dagegensprechen. Schon seit einiger Zeit hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Supermärkte keine fensterlosen Zweckbauten mit minimaler Geschosshöhe sein müssen. Und tatsächlich werden immer mehr von ihnen aus Holz gebaut, auch Aldi Nord, Netto, Edeka machen das, mehr oder weniger systematisch. Rewe nutzt dabei schon seit über zehn Jahren eine andere Baureihe, zertifiziert von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, mit Photovoltaik statt Salatfarm auf dem Dach, und hat davon nach eigenen Angaben schon 350 Märkte fertiggestellt.

Das ist ein bisschen viel Aufwand für eine PR-Aktion. Und aus purem Altruismus macht man im superhart umkämpften Supermarktmarkt mal überhaupt nichts. Die Holzbauweise wird im Vergleich zu Stein und Beton einfach immer günstiger. Auch sprechen für sie die besseren Möglichkeiten des modularen Bauens: Teile lassen sich vorab fertigen, vor Ort schneller montieren und unter Umständen auch wieder zurückbauen.

Michael Brake blickt jeden Monat auf neue und alte Trends in Restaurants, Küchen und Supermarkt­regalen.

Im Prinzip sind mir die Beweggründe auch egal. Während die Herstellung von Beton und Stahl viel CO2 verursacht, bindet Holz sogar welches. Es ist der Baustoff, dem die Zukunft gehören muss. Wenn Supermärkte damit gebaut werden, ist das erst mal gut. Wenn sie dann auch noch geil aussehen, umso besser.

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