Messerangriff in Lyon: Jüdin vor ihrer Wohnung verletzt
Ein Unbekannter greift eine Frau in Frankreich mit einem Messer an. Die Behörden erwägen Antisemitismus als Motiv – aktuell ist der weit verbreitet.
Eine 30-Jährige ist in Lyon von einem Mann mit einem Messer am Bauch verletzt worden. Er griff sie an, als sie ihre Wohnungstür öffnete. Der Täter konnte fliehen, bis zum Redaktionsschluss wurde er nicht identifiziert. Die Polizei gab gegenüber der Zeitung Le Figaro an, die Frau sei eher oberflächlich verletzt. Die Frau schwebe nicht in Lebensgefahr, musste aber ins Krankenhaus gebracht werden. Dort machte sie erste Angaben zum Ablauf der Tat.
Nach dem Angriff habe der Täter mit derselben Messer ein etwa zehn Zentimeter langes Hakenkreuz auf die Tür geritzt. Am Türrahmen sei ein Mesusa – ein kleines, aber gut sichtbaren Kästchen mit einer religiösen Schrift – angebracht gewesen, wie es bei vielen jüdischen Familien Brauch ist.
Dass es sich beim Opfer um eine Jüdin handelt, ist vor dem Kontext der aktuellen antisemitischen Aggressionen, Bedrohungen und Schmierereien in Frankreich sowie konfessioneller Spannungen wegen des Nahostkonflikts relevant. Seit dem 7. Oktober gab es in Frankreich laut Innenminister Gérald Darmanin mehr als 850 antisemitische Schmierereien und Drohungen – doppelt so viele wie im ganzen Vorjahr. 425 identifizierte Täter müssten sich aktuell vor der Justiz verantworten.
Die Staatsanwaltschaft erwägt antijüdische Hassgefühle als mögliches Motiv für die Tat am Sonntag. Deshalb habe sie eine Untersuchung wegen „versuchter Tötung mit dem erschwerenden Umstand eines antisemitischen Motivs“ eingeleitet. Andere Motive schließen die Behörden nicht aus. Bisher können sie sich nur auf die Aussagen des Opfers stützen. Es fanden sich keine Zeugen; das Quartier Montluc, in Lyons Zentrum, ist nicht mit Überwachungskameras ausgerüstet. Aber laut Polizei ließ der Täter seine Waffe am Tatort zurück.
Opfer meldet sich per Facebook
Der Anwalt des Opfers, Stéphane Drai, zweifelt kaum am antisemitischen Motiv. Im Fernsehsender BFM erklärte er, es sei im Quartier bekannt, dass an dieser Adresse eine jüdische Familie wohne. Seine Klientin habe am Sonntag das Krankenhaus wieder verlassen.
Auf Facebook teilte sie inzwischen mit, es gehe ihr so weit gut. Im Vergleich zu „Tausenden von Brüdern und Schwestern, die (in Israel) unter dem Terrorismus leiden und dagegen kämpfen“, könne sie sich „nicht zu beklagen“.
Aber auch in Frankreich hat man die antisemitischen Verbrechen der letzten Jahre, namentlich die Entführung und Ermordung von Ilan Halimi 2006, die Morde an Sarah Halimi 2017 und Mireille Knoll 2018 und vor allem die antijüdischen Attentate islamistischer Terroristen von 2012 in einer Schule von Toulouse und 2015 im Geschäft HyperCasher in Paris nicht vergessen.
Welche Beweggründe hinter den antisemitischen Taten in Frankreich stecken, ist nicht immer klar. In Paris wurden Ende Oktober auf diverse Hauswände blaue Davidsterne gesprayt. Ein Paar wurde mit Farbe und Schablonen erwischt und verhaftet. Der 33-jährige Mann und die 28-jährige Frau sollen aus Moldau kommen. Sie erklärten bei der Festnahme, sie hätten im Auftrag einer Person „in Russland“ gehandelt.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert