Menschenrechtspreis des EU-Parlaments

„Auszeichnung für alle Uiguren“

Die Tochter des diesjährigen EU-Friedenspreisträgers hat seit zwei Jahren nichts mehr von ihrem Vater Ilham Tohti gehört. Jewher Ilham im Gespräch.

Bauarbeiter gehen an einem Stacheldrahtzaun vorbei, hinter ihnen sieht man Wachtürme

Baustelle einer „Bildungseinrichtung“ in der Uiguren-Region Xinjiang Foto: Thomas Peter/reuters

taz: Frau Jewher Ilham, Ihr Vater Ilham Tohti erhält in diesem Jahr den Sacharow-Menschenrechtspreis. Was bedeutet diese Auszeichnung?

Jewher Ilham: Die Auszeichnung ist nicht nur eine große Ehre für ihn, sondern für das Volk der Uiguren insgesamt. Ich bin stolz und dankbar, dass der Einsatz meines Vaters für Frieden und ein harmonisches Zusammenleben mit den Uiguren weltweite Anerkennung findet. Ich hoffe, dass diese Auszeichnung Länder motiviert, sich gegen die Unterdrückung der Uiguren auszusprechen und etwas dagegen zu unternehmen.

Wann haben Sie ihren Vater zuletzt gesehen?

Das war am 2. Februar 2013. Ich wollte ihn für einen Monat in die USA begleiten, wo er eine Gastprofessur an der Universität Indiana antreten wolle. Er wurde am Flughafen festgenommen, während man mich fliegen ließ. Mein Vater kam nach drei Tagen in Hausarrest, der elf Monate dauerte. Am 11. Januar 2014 wurde er offiziell in unserer Wohnung in Peking festgenommen. An dem Tag habe ich ihn zuletzt gesprochen. Wir hatten jeden Tag telefoniert. Meine Familie wusste danach weder, warum er festgenommen, noch wohin er gebracht wurde. Erst nachdem ich bei einer Anhörung im US-Kongress ausgesagt habe, erklärte China, dass mein Vater des Separatismus und der Förderung der Gewalt verdächtigt wird. Am 23. September 2014 begann der zweitägige Prozess gegen meinen Vater. Das Urteil ist lebenslängliche Haft.

Was haben Sie im US-Kongress gesagt?

Ich habe über meine Erfahrungen mit der chinesischen Polizei berichtet. Seit 2009 stand unsere Familie immer wieder unter Hausarrest, ohne dass wir etwas getan hätten. Die Staatssicherheit brachte uns für fast einen Monat in einen Vorort von Peking. Ich habe auch gesagt, dass mein Vater sich vor allem um Verständigung zwischen Han-Chinesen und Uiguren bemühte.

25, ist in Peking geboren und aufgewachsen. Seit 2013 lebt sie im Exil in den USA, wo sie an der Indiana University Politikwisenschaft studierte. Sie ist die Tochter des chinesisch-uigurischen Wirtschaftswissenschaftlers Ilham Tohti von der Minderheitenuniversität in Peking.

Wie geht es Ihrem Vater?

Bis 2017 konnten meine Stiefmutter, meine beiden Brüder und mein Onkel in Peking und Xinjiang meinen Vater noch alle drei Monate im Gefängnis besuchen. Nach chinesischem Gesetz hätte dies einmal im Monat möglich sein müssen. So wurde ich auf dem Laufenden gehalten, wobei meine Stiefmutter es sich nicht leisten konnte, alle drei Monate von Peking nach Urumqui zu reisen. Denn mein Vater war der Haupternährer unserer Familie gewesen, deren Eigentum beschlagnahmt wurde. 2017 wurde meinem Vater Besuch verboten. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.

Wissen Sie, dass er lebt?

Meine größte Sorge ist, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte. Wir wissen nicht, warum wir ihn nicht mehr sehen durften. Kürzlich bekam ich Informationen von jemandem, der im gleichen Gefängnis wie er saß, aber schon 2016 freikam. Demnach war mein Vater in einer Einzelzelle. Darin soll ein Bildschirm gewesen sein, auf dem 24 Stunden am Tag chinesische Propagandavideos liefen, wohl eine Art Gehirnwäsche. Auch berichtete der Mann von einem Wettbewerb, bei dem Gefangene um die Wette die Kommunistische Partei loben mussten. Mein Vater soll Schiedsrichter gewesen sein. Solche Berichte sagen nicht, ob es ihm gut geht, aber immerhin sind sie Zeichen von ihm.

Sie sagen, er sei kein Separatist gewesen. Wie charakterisieren Sie ihren Vater politisch?

Er ist sehr, sehr moderat. Er ist eigentlich keine politische Person, das hat er versucht zu vermeiden. Er ist einfacher Wissenschaftler und wolltet seine Forschungsergebnisse über das Zusammenleben von Han-Chinesen, Uiguren und anderen Minderheiten veröffentlichen. Dafür hat er die Webseite Uighur.biz gegründet, um den Austausch zwischen den Volksgruppen zu fördern. Da konnte jeder Artikel veröffentlichen. Mein Vater ging akademisch und nicht politisch vor. Er wurde immer beliebter und hatte viele Unterstützer: Uighuren, Han-Chinesen und Menschen aus der westlichen Welt. Da fühlte sich die chinesische Regierung offenbar bedroht. Doch ein Mann wie er gehört keinen einzigen Tag ins Gefängnis.

Wie ist die Situation der Uiguren in Xinjiang heute?

Dort herrscht eine der größten humanitären Krisen, ein kultureller und ethnischer Genozid. Ich wünschte die chinesische Regierung würde merken, welche Fehler sie in Xinjiang macht, in dem sie Uiguren und andere Minderheiten wie Kasachen in Lagern wegsperrt. Es gibt keinen vernünftigen Grund, die Menschen so zu behandeln. Was dort genau passiert, wissen wir nicht. Es gibt Zeugenaussagen und demnach scheint Unterschiedliches in einzelnen Lagern zu passieren. Die harmloseren scheinen Arbeitslager zu sein. Dann gibt es Lager, in denen gefoltert wird, in anderen wird vergewaltigt. Wir haben keine genauen Zahlen über die Insassen, nur Schätzungen. Die UN schätzt diese auf ein bis drei Millionen. Chinas Regierung hält die Zahlen geheim.

Es gab aber auch Fälle, in denen Uiguren Han-Chinesen angegriffen und getötet haben, womit China sein harsches Vorgehen rechtfertigt.

Dazu möchte ich nichts sagen, weil ich zu der Zeit nicht in Xinjiang war und nur die chinesische Version der Ereignisse kenne.

Was sollten westliche Regierungen gegen die Unterdrückung der Uiguren durch China tun?

Das Mindeste ist das Thema öffentlich anzusprechen und dabei die Dinge beim Namen zu nennen, so dass die Welt erfährt, was in Xinjiang passiert und China merkt, dass die Welt daran Anteil nimmt. Leider gibt es viele Regierungen, die nicht wahrhaben wollen, was in Xinjiang passiert. Ich verlange keine Sanktionen. Aber Regierungen sollten die Wahrheit aussprechen und China auffordern, seinen Umgang mit den Uiguren zu ändern. Besonders von den muslimischen Ländern erwarte ich das. Die sagen aber außer Katar leider momentan am wenigsten.

Sie wurden von US-Präsident Donald Trump empfangen, der auch eine Uigurin als China-Direktorin in seinen Nationalen Sicherheitsrat berief. Die US-Regierung setzte einige chinesische Regierungsvertreter auf eine schwarze Liste, die sie für die Unterdrückung in Xinjiang verantwortlich macht. Interessiert sich Trump wirklich für das Schicksal der Uiguren oder benutzt er sie nur, um in seinem „Handelskrieg“ den Druck auf China zu erhöhen?

Für mich und die meisten Uiguren sind Trumps Motive keine großes Thema, solange er uns hilft. Entscheidend ist für uns das Ergebnis.

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