Menschen in der U-Bahn: Die Gespenster der U8
Manche Leute in der U-Bahn sehen aus wie aus dem Sumpf gestiegen. Ist das schon das Symptom einer Psychose? Nur wer hat die? Die Realität selbst?
E isige Stille herrscht heute in der U8. Die Leute sitzen wie in Reihe geschaltet da mit den Rücken zum Fenster und daddeln abwesend auf ihren Smartphones herum. Der Langzug mit seinem komplett von vorne bis hinten durchgezogenen Fahrgastraum biegt sich in den Kurven wie eine Palme im Sturm, wobei ich ihm ehrfürchtig zuschaue.
An der Schönleinstraße steigt ein fast zwei Meter großer Obdachloser ein. Er unterscheidet sich von all den anderen, die hier kontinuierlich durchlaufen. Seine Kleidung ist so stark durchlöchert, dass sie kaum noch existiert. Wie frisch aus einem Sumpf oder Grab gestiegen sieht er aus. Der Schmutz lässt seine Haut in einem dunklen Grauton schimmern und – er weint. Bitterlich und herzzerreißend.
Niemand reagiert auf ihn. Nicht ein Kopf hebt sich, während dieser weinende Riese vom einen bis ans andere Ende des Zuges durch die lange Fahrgastgasse schlurft. Als gäbe es ihn gar nicht. Er bettelt nicht, hält keine Obdachlosenzeitung in die Höhe, weint einfach nur. Eine Szene, die ebenso gut geträumt sein könnte.
Ich schiele auf den Screen zu meiner Linken. Er spiegelt das Gesicht seiner Nutzerin, die sich einen Filter auf die Visage gelegt hat und kritisch das Ergebnis beäugt. Ich schaue auf und der Fahrgastraum schlägt Wellen, samt allen Doomscrollern und dem Riesen dazwischen, bis wir an der Boddinstraße zum Stehen kommen. Winzig klein geworden, verlässt die Gestalt den Zug, wie sie ihn betreten hat, und es wird wieder still.
„Zrückbleimbidde“, brabbelt der Zugführer durch die Lautsprecher und ich frage mich, ob dies hier vielleicht erste Symptome einer Psychose sind. Nur wer hat die? Ich? Die Realität selbst? Meine Zeitgenossenschaft? Dann schließen die Türen, die frisch Zugestiegenen zücken ihre Phones und der Betriebsauflauf nimmt ungestört seinen gewohnten Lauf Richtung Endstation.
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