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Meine Seele in den Gängen des Rewe

Es ist zunächst nur eine Fluchtbewegung, die unseren Autor in den Supermarkt treibt. Dort aber sieht er zwischen Feigensenf und Energydrinks, wie Menschen zu sich selbst finden

Erst mal zu Penny –und dann weitersehen. Das dachten sich Anfang Januar auch 50 Schafe in Unterfranken. Gekauft haben sie am Ende dann aber nichts Foto: Rewe Group/dpa

Aus der GemüseabteilungClemens Sarholz

Fragt mich, wieso ich gerade im Supermarkt meine innere Mitte wiederfinde. Schon mal in einer Baustelle gelebt? „Neue Fenster“ haben sie gesagt, so nebenbei, als wäre das ein Wellnessprogramm für die Wohnung. In Wahrheit ist es eine staubige Apokalypse meiner Seele. Überall Putz, überall dieser graue Film, der sich wie ein schlecht gelaunter Geist über mein Leben legt.

Eigentlich kann ich mit Chaos ganz gut, aber es gibt in meinem Zuhause nicht einen einzigen Platz, wo man sich mal gemütlich hinsetzen könnte. Keine Rückenlehne, kein Komfort. Mein Leben ist ein Improvisationstheater und das Bühnenbild ist grottenschlecht. Sogar mein geliebtes 1,80-mal-2-Meter-Bett ist abgebaut, und es bleibt nur die Matratze auf dem Boden.

So kam es, dass ich meinen inneren Kompass verlor. Betrete ich das Haus, empfängt mich Willenlosigkeit. Würde ein Außerirdischer vorbeigekommen, er könnte mich mitnehmen. Egal wohin.

Und damit sind wir im Supermarkt. Ich flüchtete. Ohne Ziel. Ohne Plan. Nur weg. Ich lief in eine Richtung, in der ich mir etwas Trost erhoffte und landete seltsamerweise vor dem nächsten Rewe. Die Tür öffnete sich, und plötzlich geschah etwas Wunderbares. Ich wurde unsichtbar, nur ein weiteres Gesicht unter dem Neonlicht der Gemüseabteilung, nur ein weiterer Schatten zwischen den Sonderangeboten. Ich wusste gar nicht mehr, wie gut sich das anfühlen kann.

Die Anonymität ist meine Soforthilfe. Meine Seele kommt langsam wieder ins Hier und Jetzt, während ich meinen Wagen durch die Gänge schiebe. Er quietscht. Vor mir stapelt ein Mann Nudelpackungen im Einkaufswagen, als würde er sich auf den Weltuntergang vorbereiten, eine Frau prüft Avocados mit der Hingabe einer Herzchirurgin und vor dem Tiefkühlregal diskutieren Jugendliche darüber, ob eine Tiefkühlpizza zu zweit romantisch oder armselig sei. Auf einmal stehe ich nicht mehr im Mittelpunkt meiner eigenen Misere und beginne, die Welt wieder zu sehen. Und sie wird wieder unterhaltsam.

Meine größte Erkenntnis: Im Einkaufswagen gibt es keine Geheimnisse. Man kann schweigen wie ein Stein, aber auf dem Warenband liegt die Wahrheit. Da ist der Typ, der keine Zeit hat und hetzt. Er hat nicht die Muße für einen Wagen, um gemütlich durch die Gänge zu schlendern und sich vom Angebot inspirieren zu lassen. Nein, er trägt alles im Korb, bis sein Arm zittert. Sein Warenband verrät: Margarine, zwei Sixpacks Energydrinks, Kaugummis, Chips, Weißbrot und Wurst. Es zeichnet ein Stillleben mit dem Namen „Dinge für ein Leben im Sprint“.

Es stimmt übrigens nicht, dass es im Einkaufswagen keine Geheimnisse gibt. Das klingt nur gut, aber ist natürlich Unsinn. Ich weiß ja nicht, ob er die Energydrinks und das Weißbrot für seine kranke Mutter kauft, oder ob er einfach vorbereitet sein möchte für einen Zockerabend mit Freunden. Ich weiß nicht, ob die Chips Trost bedeuten, Belohnung oder schlicht Hunger. Und ich weiß nicht, ob er so gehetzt wirkt, weil sein Leben ihm gerade zu viel ist oder weil er einfach spät dran ist.

Ich weiß nur, dass es mir wieder Spaß macht, die Welt zu beobachten. Der Einkauf als Spiegel der Seele. Der Wagen als psychologisches Beobachtungsexperiment. In meinen lege ich Feigensenf und in dem Moment merke ich, wie schön diese Entscheidung ist. Feigensenf kauft man nämlich nicht aus Versehen. Feigensenf ist keine Pflicht. Feigensenf ist eine stille, kaum wahrnehmbare Liebeserklärung an das Leben. Mit einem Stück Bergkäse und einem Baguette zusammen ein kulinarischer Hoffnungsschimmer.

Während ich innerlich lächelnd schon vor dem Rotwein stehe, schweift mein Blick wieder zu den anderen Menschen. Sie bewegen sich wie Figuren in einem stillen Ballett des Alltags, jeder in seinem eigenen Rhythmus und seiner eigenen unsichtbaren Choreografie. Ein älterer Herr prüft konzen­triert die Etiketten verschiedener Weine, als hinge sein gesamtes Lebensglück von der Wahl zwischen „halbtrocken“ und „trocken“ ab. Er runzelt die Stirn, setzt seine Brille ab, wieder auf, neigt den Kopf zur Seite. Ich erkenne mich wieder. Vielleicht sucht er gar keinen Wein. Vielleicht sucht er nur einen Moment, in dem er sich wichtig nehmen darf.

Ein paar Meter weiter zieht ein Kind eine Packung Gummibärchen aus dem Regal. Leicht verschämt zuerst, aber es hat gelernt, dass einem lachenden Kind keiner böse sein kann. Also grinst es voller Glück mit geöffnetem Mund zu seiner Mutter hoch, während es die Gummibärchen an seine Brust legt. Sie schaut das Kind an. Doch da ist gar kein Lächeln. Eine Millisekunde ist sie genervt. In der nächsten Millisekunde wägt sie ab. Dann ein Nicken. Und ein strahlendes Kind.

Ich mag strahlende Kinder, nicht alle, aber dieses hier ist ein Prototyp der Kinder, die ich mag. Rotzfrech, unbeschwert, vom Leben bisher unversehrt und glücklich über einen bunten Beutel mit Gummibärchen. Es ist noch so weit entfernt von der Unentschlossenen im Gang mit den Dosentomaten.

Ein älterer Herr prüft konzentriert Weinetiketten, als hinge sein gesamtes Lebensglück von der Wahl zwischen halbtrocken und „trocken“ ab. Vielleicht sucht er gar keinen Wein. Vielleicht sucht er nur einen Moment, in dem er sich wichtig nehmen darf

Eine junge Frau, vielleicht 19 Jahre alt, ringt um die Kontrolle über das Weltgeschehen: Bio, obwohl es teurer ist? Oder No-Name und damit Schuld auf sich laden? Sie hat beide Optionen selbst in der Hand und in ihrem Gesicht steht geschrieben, wie schwer ihr diese Entscheidung fällt. Sie tut mir leid. Aber ich habe keine Lust auf unangenehme Gefühle und schaue nicht weiter hin.

In meinem Einkaufswagen entscheidet sich, ob ich meine wiedergefundene Mitte halten werde: Werden mir Feigensenf, Bergkäse, Rotwein, Schokolade und zwei Grapefruits dabei helfen? Das werde ich noch herausfinden. Und fehlt da nicht noch Baguette? Das gibt es beim Bäcker hinter der Kasse. Die Kasse. Natürlich ist nur eine geöffnet. Die Schlange erstreckt sich über 10 Meter.

Der Piepton des Scanners wird nun mein Mantra. 12 Minuten lang.

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