#MeToo-Fall in Indien: Kampf auf der Matte – und gegen das System
Die Ringerin Vinesh Phogat stellt sich gegen die Machtstrukturen im indischen Sport – und bringt einen Skandal zurück in die Öffentlichkeit.
Zuletzt war es etwas still geworden um die indische Freistil-Ringerin Vinesh Phogat. Dabei hat die heute 31-Jährige vieles angeprangert, was in ihrer Disziplin in Indien falsch läuft und damit für Wirbel gesorgt: Phogat wurde 2023 zu einer der Stimmen der viermonatigen Protestbewegung von Ringer:innen, die gegen Machtmissbrauch aufstanden.
Die Sportler:innen wollten vor allem einen Wechsel an der Spitze des nationalen Ringerverbands WFI erreichen: Der mächtige Präsident Brij Bhushan Sharan Singh sollte abtreten. Nun machte Phogat einen weiteren Schritt und gab öffentlich bekannt, dass sie zu den Sportlerinnen gehört, die den ehemaligen Wrestling-Funktionär und Politiker der hindunationalistischen Regierungspartei BJP wegen sexueller Belästigung beschuldigt hatten: Sie sei „eine der sechs Betroffenen“, die Anzeige erstattet hätten, sagte Phogat in einem Video, das sie kürzlich online geteilt hat.
Nach einer sportlichen Auszeit – sie wurde im vergangenen Jahr Mutter und ist inzwischen als Abgeordnete in ihrem Heimatbundesstaat politisch tätig – widmet sich Phogat wieder intensiver dem Ringsport, wie sie verkündet. Sie spricht in ihrer Videobotschaft darüber, warum sie diesen Schritt geht: Singhs Einfluss im Verband sei ungebrochen.
Nachdem Phogat damals die Vorwürfe gegen Singh erhoben hatte, musste dieser zwar seinen Posten als Präsident des Verbandes nach über zehn Jahren räumen. Der Fall kam vor Gericht, doch danach passierte nicht viel. „Die Anhörungen laufen noch“, sagt sie.
Den Machterhalt der Familie gesichert
Gegen Singh gab es in der Vergangenheit bereits zahlreiche Anklagen. Sie reichen von Diebstahl und Einschüchterung über Korruption bis hin zu Totschlag. Inzwischen ist er kein Mitglied des indischen Parlaments mehr. Seine sechste Amtszeit endete 2024. Aber nach dem Skandal trat sein Sohn Karan Bhushan Singh (ebenfalls BJP) an seiner Stelle bei den Parlamentswahlen an und sicherte mit seinem Sieg den Machterhalt der Familie.
Mit Sanjay Singh als neuem WFI-Präsidenten wiederum rückte ein Mann nach, der seinem Vorgänger Brij Bhushan Sharan Singh nahesteht. Dieser versicherte Phogat nach der Veröffentlichung des Videos, das den Ex-Präsidenten des sexuellen Übergriffs bezichtigt, persönliche Unversehrtheit.
Doch der neue Mann an der Spitze des WFI war weder für Phogat noch für die anderen protestierenden Ringer:innen, darunter die Olympiamedaillengewinnerin Sakshi Malik, ein Zeichen für einen Neuanfang. 2024 fasste Phogat den Entschluss, mehr zu tun, als zu protestieren: Sie kandidierte erfolgreich für die Kongresspartei im Landesparlament von Haryana.
100 Gramm zu viel bei Olympia 2024
Auf lokaler Ebene engagiert sie sich nun dafür, die Sportinfrastruktur zu verbessern. Phogat, die in einem kleinen Dorf aufgewachsen ist, kommt zwar aus einer der bekannten Ringerfamilien und schaffte es bisher dreimal zu Olympia – doch das half ihr nicht unbedingt dabei, sich auch gegen bestehende Machtstrukturen durchzusetzen. Bei den Olympischen Spielen 2024 in Frankreich wurde sie wegen 100 Gramm zu viel in ihrer Gewichtsklasse disqualifiziert. Warum, blieb unklar. Es gab Spekulationen, ihr Essensplan sei manipuliert worden. Sie wolle es 2028 bei Olympia noch einmal versuchen, sagt Phogat heute.
Ebenfalls teilnehmen will sie an einem Turnier, das allerdings derzeit im privaten College von Ex-WFI-Präsident Singh stattfinden soll. Phogat äußert deshalb Zweifel an der Fairness des Wettbewerbs. Rückendeckung erhält sie aus ihrer Partei. Was Phogat in jedem Fall schon erreicht hat: Sie hat der #MeToo-Bewegung im indischen Sport neuen Aufwind beschert.
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