Masha Qrella vertont Thomas Brasch: Nach der Arbeit an den Maschinen

Im Werk von Thomas Brasch fand Masha Qrella neue Inspiration und begab sich mit ihm auf ihre ostdeutschen Spuren. Nun erscheint ihr Album „Woanders“.

Masha Qrella wird von Scheinwerfer prismatisch angestrahlt

Im Bewusstseinsstrom: Die Berliner Künstlerin Masha Qrella Foto: Claudia Rorarius

Vom Frühstückstisch direkt auf die Tanzfläche: Die treibenden Beats von Masha Qrellas Song „Geister“, die aus dem Radio in der Küche schallen, teleportieren die Hö­re­rin sofort in ein pulsierendes Techno-Ambiente. Doch kaum ist man da angekommen, bremst ein schroffer Disclaimer alles aus.

„Wie soll ich dir das beschreiben?“, singt die sich vorsichtig vorantastende und doch entschiedene Stimme. „Ich kann nicht tanzen / Ich warte nur / In einem Saal aus Stille / Hier treiben Geister ihren Tanz gegen die Uhr!“ Ein kühler, zu Klang gewordener Wind umweht die Worte, die wie ein Gegenpol zur Musik wirken. Nicht nur Menschen, die im Club tendenziell eher beobachtend herumstehen, statt auf der Tanzfläche nach Entgrenzung zu suchen, können sich in diesen Zeilen wiederfinden.

Masha Qrellas aufs Nötigste reduzierte Songs klingen mal soghaft, mal sphärisch, aber immer absolut eigenwillig

Verfasst hat sie der 2001 verstorbene Dramatiker, Autor und Regisseur Thomas Brasch, vertont wurden sie von der Berliner Musikerin Masha Qrella. Ihr neues Album „Woanders“ besteht auf Songlyrikebene ausschließlich aus Texten von Thomas Brasch, eingebettet hat sie diese in aufs Nötigste reduzierte und doch vielschichtige Songs, die mal soghaft, mal sphärisch, aber immer eigenwillig klingen.

Unterschätztes Frühwerk

Bekannt wurde Qrella Mitte der 1990er Jahre, als sie bei den weithin unterschätzten Berliner Postrock-Combos Mina und Contriva spielte. Seit knapp zwei Jahrzehnten veröffentlicht die 1975 in Ostberlin geborene Künstlerin ihre Songs zumeist als Solistin. Bis zur EP „Days After Days“ (2019) sang sie immer auf Englisch.

Masha Qrella: „Woanders“ (Staatsakt/Bertus/Zebralution)

Zum Werk von Thomas Brasch fand Qrella auf Umwegen, an deren Anfang eine Auftragsarbeit für einen Heiner-Müller-Abend im Jahr 2016 stand. Die Beschäftigung mit Müller stieß bei ihr eine Auseinandersetzung mit ihrer DDR-Sozialisation an. „Das Projekt hat mich auf eine Reise in meine eigene Vergangenheit geschickt“, erklärte Qrella damals der taz.

Und es brachte die Künstlerin zu der Erkenntnis, dass sie nach dem Mauerfall in den Jahren ab 1989 „in einer langen Amnesie“ gelebt habe. Dass sie anfangs vor allem Instrumentalmusik gemacht habe, sieht Qrella als Ausdruck der damit einhergehenden Sprachlosigkeit.

Ab jetzt ist Ruhe

Eine Freundin machte sie auf den autobiografischen Roman „Ab jetzt ist Ruhe“ (2012) aufmerksam. Darin zeichnete die Radiojournalistin Marion Brasch die – unter anderem ideologisch motivierten – Verwerfungen innerhalb ihrer Familie nach: Vor allem zwischen dem Vater Horst Brasch, einem hohen SED-Parteifunktionär in der frühen DDR, und ihren drei Brüdern, die allesamt mit den Mitteln der Kunst gegen den Staat rebellierten.

Thomas, der älteste der Gebrüder Brasch, geriet immer wieder in Konflikt mit den DDR-Behörden; sein Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 brachte ihn sogar ins Gefängnis. Trotzdem blieb sein Verhältnis zur DDR komplex, auch nach seiner Übersiedlung in den Westen, 1977, wollte er sich nicht zum exemplarischen Dichter-Dissidenten stilisieren lassen. 1981 etwa provozierte er bei der Verleihung des Bayrischen Filmpreises mit seiner Dankesrede einen Skandal: „Ich danke der Filmhochschule der DDR für meine Ausbildung … Ich danke den Verhältnissen für ihre Wider­sprüche.“

Als Qrella begann, Thomas Brasch zu lesen, sei zunächst nicht geplant gewesen, etwas Weiterführendes zu entwickeln, erzählt sie im Videointerview: „Vor allem von seinen Gedichten haben mich einzelne Zeilen nicht mehr losgelassen. Ich fing an, sie zu singen, auf dem Fahrrad, in der U-Bahn; sie als Grußbotschaften ins Handy zu spielen und an Freunde zu schicken, auf der Suche nach Austausch.“

Deutlich mehr Stoff

Zum Glück, so muss man es sagen, ist aus diesen Skizzen dann deutlich mehr Stoff geworden. Zunächst ein Konzertabend, der zugleich Performance und Installation war und – ebenfalls unter dem Titel „Woanders“ – im Dezember 2019 im Berliner Hebbel-Theater Premiere feierte; weitere Gastspiele wurden zunächst von Corona ausgebremst.

Aber jetzt veröffentlicht Qrella ebendieses Album, in dem nicht nur Popappeal, sondern – auch auf der Text­ebene – überraschend viel Gegenwart steckt. Zum Beispiel in den Zeilen des Songs „Maschinen“: „Nach der Arbeit an den Maschinen / Träumen die Leute von den Maschinen / Wovon träumen die Maschinen / Nach der Arbeit an den Leuten?“ Im Zeitalter von künstlicher Intelligenz und selbstlernenden Systemen wirken sie nicht mehr kokett, wie sie vielleicht schienen, als Brasch sie unter dem Titel „Frage“ vermutlich Anfang der 1970er Jahre schrieb.

Vielmehr formulieren sie lakonisch, fast lapidar eine berechtigte Frage. Nach einem sphärischen Einstieg singt Andreas Spechtl (Ja, Panik) an der Seite von Qrella zu einem zunehmend brachia­len Beat. Ähnlich gegenwartssatt wirkt das luftig-groovende Stück „Tür“. Es basiert auf dem Text „Schließ die Tür und begreife“ – einem undatierten Tagebucheintrag, den Brasch seinem Theaterstück „Rotter“ (1978) voranstellte – und wirkt wie ein zeitgemäßer Kommentar zur allgegenwärtigen Selbstbespiegelung, die durch die Dauerpräsenz in den sozialen Medien noch mehr angefüttert wird: „Schließ die Tür und begreife / daß niemandem etwas fehlt, wenn du fehlst, begreife / daß du der einzige bist der ohne Pause / über dich nachdenkt, daß du die Tür schließen kannst / ohne viel Aufhebens und ohne Angst, es könne dich einer beobachten/ Dich beobachtet keiner / Du fehlst keinem.“

Ohne erhobenen Zeigefinger gesungen

Ein Song, der es allerdings beinahe gar nicht aufs Album geschafft hätte. „Der Text war mir ein bisschen zu didaktisch“, erzählt Qralla. „Beim Lesen fand ich ihn erst einmal toll, habe dann aber gemerkt, dass es nicht so einfach ist, ihn ohne erhobenen Zeigefinger zu singen.“ Offenbar hat sie einen stimmigen Weg gefunden. Qrella gelingt es, ihre Stimme ganz unvoreingenommen und wertfrei klingen zu lassen, so dass diese Zeilen, die auf Papier doch etwas hart und abkanzelnd wirken, fast tröstlich klingen. Sie scheint einem einzuflüstern: „Mach dir keinen Stress, zieh einfach mal die Decke über den Kopf.“

Der Coronapandemie sei an dieser Stelle ausnahmsweise gedankt: Dafür nämlich, dass sich Qrella und ihre Mitstreiter:innen, etwa der umtriebige und vielbeschäftigte Schlagzeuger Chris Imler, extra Zeit nehmen konnten für alle Albumversionen des Songs, die bei dem Theaterabend uraufgeführt wurden.

So ist das Album deutlich länger geworden als geplant – und atmosphärisch wie musikalisch höchst abwechslungsreich. „Mir war es ein explizites Anliegen, nicht die Texte zu verwenden, die Brasch biografisch eindeutig verorten, als Nachkriegsdeutschen oder als Dissidenten, der von Ost nach West ging. Mich hat an den Texten fasziniert, dass es diese Stellen gibt, die sehr ins Heute passen, und deren Sprache mich eher an David Bowie denken lässt als an ostdeutsche – oder überhaupt deutsche – Lyrik.“

Schöner Fund im Archiv

An wenigen Stellen hat Qrella in Braschs Texte eingegriffen. Ein Beispiel ist das Titel gebende „Woanders“. Am Ende seines Sinnierens, wo anders man denn noch so sein könnte, „vielleicht an der Küste / Oder vielleicht nebenan“, macht Qrella einen Schlenker, der in Braschs Gedicht nicht auftaucht: „Wo ist man woanders / und wo ist man anders“. In Braschs Archiv, so erzählt Qrella, sei sie in einem Maschinen geschriebenen Manuskript auf diese letzten Zeilen gestoßen – die allerdings durchgestrichen waren. „Offenbar hatte es der Autor zwar ursprünglich so geschrieben, sich dann aber gegen die Zeilen entschieden. Vielleicht waren sie ihm zu kitschig? Keine Ahnung – für den Song fand ich sie aber sehr schön.“

Derzeit weilt Qrella als Stipendiatin an der Kulturakademie Tarabya in Istanbul und klügelt eine türkische Live-Version des „Woanders“-Abends aus, die sie seinerzeit in Teamwork und mit Gästen wie Dirk von Lowtzow (Tocotronic) und Marion Brasch erarbeitet hatte. Dafür wurden die Texte ins Türkische übersetzt, die sie momentan mit Musikern und Interpreten in Istanbul probt. „Brasch ist, zumindest in der türkischen Community in Berlin, kein Unbekannter“, erzählt sie.

„Er hat bereits für seinen 1988 entstandenen Film ‚Der Passagier – Welcome to Germany‘ mit dem unlängst verstorbenen Schauspieler Birol Ünel zusammengearbeitet, meines Wissens waren sie auch befreundet. Ich glaube, dass Braschs Gedichte, die das Leben zwischen zwei Welten, zwischen Ost und West, zwischen Vergangenheit und Gegenwart beschreiben, in Istanbul auf eine noch krassere Art hochaktuell sind.“

Am 19. Februar, dem Tag der Albumveröffentlichung, wäre der in Großbritannien geborene Thomas Brasch übrigens 76 Jahre alt geworden. Gut vorstellbar, dass er ziemlich toll gefunden hätte, was gerade mit seinen Texten passiert.

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