„Marsch für das Leben“ 2026: Christlich-Konservative stoßen auf Gegendemos
Das Bundesverband Lebensrecht hat zur jährlichen Demo gegen Schwangerschaftsabbruch gerufen. Die Gegendemonstrierenden haben die Strecke begleitet.
Foto: Sabine Gudath/imago
Der „Marsch für das Leben“ zieht langsam durch die Berliner Reinhardtstraße, nur wenige Meter vom Bundestagsgebäude entfernt. An den Rucksäcken der Demonstrierenden hängen kleine pinkfarbene Fähnchen. „Wir lieben das Leben“, steht darauf. An der Spitze des Zuges tragen vier Männer eine Marienstatue hoch über ihren Köpfen und stimmen ein Ave-Maria an. „My body, my choice!“ übertönt plötzlich ihren christlichen Gesang, als sie um die Ecke biegen. An der Kreuzung schwenkt eine Gruppe junger Menschen die Regenbogenflagge und hält ein Transparent für das Selbstbestimmungsgesetz hoch. „Whose streets? Our streets!“, schreien sie den Demonstrierenden entgegen.
Zu solchen dezentralisierten Störungen von außen hat das queerfeministische Bündnis „What The Fuck“ (WTF) zuvor aufgerufen. Der angemeldete Ort der Gegendemonstration liegt eigentlich in der Ella-Trebe-Straße. Von der anfänglichen Veranstaltung der selbst ernannten Lebensschützer:innen sind von hier aus lediglich die roten und grünen Luftballons zu sehen, außerdem einige weiße Pavillons. Dabei hätten sie ihren eigenen Pavillon erst gar nicht aufstellen dürfen, kritisiert Ella Nowak von WTF. Die „Fundis“ hingegen hätten so viel aufbauen dürfen.
Zum „Marsch für das Leben“ haben sich rund 2.000 Menschen vor dem Hauptbahnhof versammelt – so viel wie im Jahr davor. Auch in Zürich und Köln demonstrieren am gleichen Tag Menschen, um „das Lebensrecht ungeborener und geborener Menschen“ zu verteidigen – so das Motto der Organisator:innen. Zu dem Marsch ruft seit 2008 jährlich der Bundesverband Lebensrecht auf. In der Menge mischen sich Priester in Soutanen, Cordhosen, Kreuzketten und Menschen aus allen Generationen. Auch einige Pfadfinder der Katholischen Pfadfinderschaft Europas und rechte Streamer, die zwischen den Gegendemos pendeln, sind zu sehen.
„Tear down the wall“
„Ich denke, Gott hat uns geschaffen, noch bevor wir geboren wurden“, sagt Lena, die zwischen anderen Demonstrierenden steht. Die 24-Jährige kam vor fünf Jahren durch eine Freundin zur Bewegung gegen Schwangerschaftsabbrüche. „Natürlich sind Ungeborene auch Menschen!“, sagt Roberta, die neben ihr steht. Schon nach wenigen Wochen höre man den Herzschlag. „Wo fängt das Leben an?“, fragt die Medizinstudentin. Für die Veranstaltung durfte die 25-Jährige der Menge ein Gedicht vorlesen – das Gebet für das Leben von einem Embryo. Abtreibung könne sie für sich persönlich nicht unterschreiben, aber würde jede Frau verstehen, die einen Schwangerschaftsabbruch gemacht hat. Mit dem Bundesverband Lebensrecht habe sie wenig zu tun. „Es geht darum, mit Hilfsangeboten für Mütter und Kinder eine Entscheidung zum Leben zu finden“, verteidigt sie – egal ob gewollt oder ungewollt, mit oder ohne schwere Behinderungen.
„Tear down the wall between the born and the unborn“, ruft eine Aktivistin aus Bukarest, noch bevor sich der Demonstrationszug in Bewegung setzt. In diesem Jahr kommen die Demonstrierenden nicht nur aus Regensburg, Sachsen oder Bremen, sondern reisen auch aus Rumänien, Italien und Frankreich an. Vom 17. bis zum 19. September findet in Berlin erstmals der Gipfel der „Leiter europäischer Schwangerschaftshilfeeinrichtungen“ von Heartbeat International statt – einem ursprünglich aus den USA stammenden und weltweit aktiven Verband, der sich gegen Schwangerschaftsabbrüche einsetzt. Auch sein Präsident ist als Ehrengast unter den Rednern der Demonstration eingeladen.
Bündnisse mobilisieren zum Gegenprotest
In der Ella-Trebe-Straße versammeln sich derweil immer mehr Menschen. Zwei Teilnehmerinnen, eine davon trans*, gestalten noch schnell ein kleines Plakat am Rande der Demo vom Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung. „Mein Körper, meine Entscheidung“, steht dort in silbern-schimmernder Schrift. Sie hätte auch christliche Fundamentalist:innen in der Familie, die auch schon am „Marsch für das Leben“ teilgenommen hätten. Kontakt zu diesem Teil der Familie gebe es noch, aber wenig. Über Politik sprechen ginge aber nicht. Ob ihr Cousin wohl auch in diesem Jahr zu dem „Marsch für das Leben“ gehen würde? – „Wenn er Zeit hätte …“
Ein schwieriges Thema, das auch eine Besucherin etwa 150 Meter entfernt kennt: Die beiden Gegendemonstrationen liegen in diesem Jahr nah beieinander. Sie sei in christlich-fundamentalistischen Kreisen aufgewachsen, erzählt sie. Vieles habe sie gar nicht hinterfragt: frühe Ehe, frühes Kinderkriegen. Das kam erst mit der zweiten Schwangerschaft. „Da habe ich mich gefragt: ‚Will ich das überhaupt?‘“, schildert sie. Ihr bisheriges Leben zu hinterfragen, das sei ein „schmerzhafter Prozess“ gewesen. Heute sei es ihr wichtig, mit ihren Kindern offen zu sprechen, über Politik, ihren eigenen Körper. „Mein Körper gehört mir“, malen diese währenddessen mit der mitgebrachten Straßenmalkreide in Blau auf die Steine, daneben „Gleichberechtigung“. „Flinta“ wird von einem pinken Herz umrahmt. Die Kinder malen ihre Botschaften auf den Boden, die Erwachsenen auf Plakate, alle schreien sie hinaus.
Warum der Protest so wichtig ist? „Die Konservativen“, sie meint explizit nicht nur die AfD, „haben die universellen Menschenrechte manchmal ein bisschen aus den Augen verloren“, sagt Ines Scheibe, Mitorganisatorin von der Demo des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung. Es sei wichtig, die Rechte immer wieder einzufordern. Auch in schlechten Zeiten. „In der Hoffnung, dass wieder bessere Zeiten kommen.“
Transparenzhinweis: Auf Wunsch einer Protagonistin wurden einige zitierte Stellen nachträglich verändert.
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